Kultur
22.05.2017

Geputzte Gehörgänge und ein gutes Rockkonzert

Die Maskenherren brachten die ganz große Show. Gesungen wurde auch, nicht nur tonsicher.

11.000 Besucher kamen zu KISS in die Wiener Stadthalle. Das ist erstaunlich – die Band, die sich schon schwerer tat, bei uns Publikum anzuziehen, ist irgendwie in den Kult-Status hineingerutscht, jetzt, da die beiden Frontmänner auf die 70 zugehen.

Mit "Deuce", dem unsterblichen Schlager zum Thema ehelicher Sex, und vielen Pyro-Effekten ging es zünftig los. Subtil waren KISS nie (und wenn sie es versuchten, ging es schief, siehe "The Elder"). In seiner Autobiografie erzählt Paul Stanley, dass viele seine berühmten Riffs, etwa "God Of Thunder", entstanden, weil er eigentlich etwas anderes spielen wollte, aber nicht zusammenbrachte. Die Limitierung als Chance – das ist Rock ’n’ Roll.

Ein vergnüglicher Abend nahm seinen Lauf.

Komischerweise flaute die Stimmung nach den Eröffnungsnummern ein wenig ab, obwohl hinten raus die ganz großen Hits kamen und sich Stanley als Animateur ("Ostareik, gäz eik kut?") nach Kräften abmühte.

Vielleicht liegt es daran, dass KISS mit ihrem ganzen Brimborium ("You wanted the best, now you got the best, the hottest band in the world, KISS!"), mit all ihren Showeinlagen und Turnübungen etwas so Unerhörtes, nie Gesehenes, Lebenserschütterndes versprechen ("diesen 21. Mai werden ihr nie wieder vergessen"), dass sie es nie einlösen können. Dass alles, was danach kommt, ein bisschen enttäuschen muss. Sogar ein gutes Rockkonzert mit Hebepodesten, Blutspucken und Feuerwerk-Gitarren.

Stimme tot

Bei allem Vergnügen an der schönen Show muss etwas gesagt werden, was man als jemand, der die Band sehr mag, nicht gerne sagt. Aber wir leben hier ja nicht im postfaktischen Raum. Also: Paul Stanley bestätigte leider den Eindruck, den er seit gut zehn Jahren macht. Seine Stimme ist schwer geschädigt. Sein Mikro ist offenbar sicherheitshalber leiser gedreht, denn die Strophen von "Lick It Up", "Shout It Out Loud", "Crazy Crazy Nights" , "Psycho Circus" oder " Detroit Rock City" sind nur zu erahnen. In "I Was Made For Loving You" kommt nur ein heiseres Quietschen, das entfernt an den Song erinnert. In den meisten Refrains singt er gar nicht mit, die hohen Stimmen liefert meistens Schlagzeuger Eric Singer.

Das ist schade, denn Stanley ist ein sympathischer Mann, mit dem Charisma eines großen Entertainers ausgestattet (sehr empfehlenswert: seine schonungslos offene Autobiografie "Hinter der Maske). Aber das geht sich einfach nicht mehr aus.

Davon abgesehen ist die Band stark, Gene Simmons, Tommy Thayer und Eric Singer spielen und singen gut, kein Vergleich mit den teils desaströsen Auftritten mit den Original-Mitgliedern Ace Frehley und Peter Criss vor 20 Jahren.

Fazit: Tolle Show, gutes Konzert, 11.000 Zuschauer hatten anschließend gut durchgeputzte Gehörgänge. Und will man von einem Rockkonzert wirklich mehr...?