Gedanken eines weltläufigen Bürgerlichen

Gedanken eines weltläufigen Bürgerlichen
Martin Engelberg reflektiert seine jüdische Identität im Kontext österreichischer Zeitgeschichte und Politik.

Martin Engelberg dürfte dem nächsten Nationalrat wohl nicht mehr angehören. Seit 2017 saß der jüdische Psychoanalytiker, Publizist und Unternehmensberater dort für die ÖVP: ein Zugewinn an Weltläufigkeit, Intellektualität und Eleganz – Eigenschaften, welche dem Hohen Haus im Allgemeinen und der Volkspartei im Besonderen auch künftig gut anstünden.

Nun hat Engelberg ein Buch geschrieben: „Absolut jüdisch“ (für „Durchsicht des Manuskripts und die wertvollen Anregungen“ dankt der Autor KURIER-Kulturredakteur Thomas Trenkler). Engelberg spannt einen weiten, autobiographisch konnotierten Bogen. Was macht für ihn „jüdische Identität“ aus? „Abschottung, Diskriminierung und Verfolgung“ über Jahrhunderte hätten spezifische „Tugenden des Judentums“ hervorgebracht: „auch nach Katastrophen wieder neu anzufangen“, „Optimismus“, „Schaffenskraft“.

„Stabiles Wertegerüst“

Vielleicht sind es auch diese Tugenden, die Engelberg dem verbreiteten Narrativ einer Zunahme des Antisemitismus entgegentreten lassen. „Aus meiner persönlichen Wahrnehmung ist der traditionelle Antisemitismus im Laufe der letzten Jahrzehnte geringer geworden“, schreibt er mit Blick auf Österreich. Aber auch generell meint er, es gehe „den Juden in den Staaten der westlichen Welt heute besser […] denn je in der Geschichte“. Sehr klar lehnt der Autor auch die Instrumentalisierung der NS-Zeit und des Holocaust für aktuelle politische Debatten, etwa in der Auseinandersetzung mit der FPÖ ab. Letztere könne nicht „durch einen Cordon sanitaire wirkungsvoll und vor allem dauerhaft bekämpft werden. Schon gar nicht durch unsachliche und unangemessene Kritik und Nazi-Vergleiche.“

Sebastian Kurz verteidigt der Autor gegen Vorwürfe des Populismus und hält dem Ex-Kanzler ein „sehr stabiles liberal-konservatives Wertegerüst“ zugute. Und, mehr noch: „Sebastian Kurz’ Ablehnung einer nahezu unkontrollierten Einwanderung hat auch sehr unmittelbar mit der Sicherung dieses Wertesystems zu tun.“

Am berührendsten: die Worte, die Engelberg für seine Frau Danielle Spera und seine drei – mittlerweile erwachsenen – Kinder findet.

Gedanken eines weltläufigen Bürgerlichen

Martin Engelberg: „Absolut jüdisch“, Buchschmiede, 300 Seiten, 25 Euro

Kommentare