Kultur
05.12.2011

Furioses Duell zweier Operngiganten

Saisonauftakt an der Wiener Staatsoper. Plácido Domingo brillierte in Verdis "Simon Boccanegra". Aber nicht nur er.

Ein Ereignis. Sogar ein denkwürdiges Ereignis. Auf diesen Nenner lässt sich der Saisonauftakt an der Wiener Staatsoper mit Giuseppe Verdis "Simon Boccanegra"(Reprise am 6. September) bringen. Und das, obwohl diese Oper zwar von Kennern extrem geschätzt wird, aber dennoch nicht unbedingt zu den allerpopulärsten Werken der Opernliteratur zählt.

Doch wenn man zwei Sänger vom Format eines Plácido Domingo oder eines Ferruccio Furlanetto als vokale Gegenspieler zur Verfügung hat, dann steht das Publikum im Haus am Ring sprichwörtlich Kopf. Dann werden Blumen geworfen, dann gibt es stehende Ovationen. Und selbst der längst gefallene "Eiserne Vorhang" kann nicht verhindern, dass sich Domingo nach mehr als 30 Minuten offiziellen Jubels über die Bühnenseitengasse noch einmal seinen freudig tobenden Fans zeigt.

Wunschpartie

Denn Domingo ist - das weiß jeder Opernliebhaber - ein Jahrhundertsänger, ein echter Ausnahmekünstler, der sich jetzt mit der Partie des Dogen Simon Boccanegra eine Wunschrolle erarbeitet hat.

Ist es da wichtig, dass Giuseppe Verdi den Boccanegra explizit für einen Bariton geschrieben hat? In keiner Weise. Denn der Tenor Domingo ist längst in seinem eigenen stimmlichen Fach, ja in seiner eigenen vokalen Liga angekommen. Er singt den unglücklichen Dogen mit tenoralen Höhen, aber auch baritonalen Tiefen und mit jenem Ausdruck, den ihm niemand nachmacht.

Domingo spielt den Boccanegra nicht, er ist Boccanegra. Und er hat einen Bühnen-Gegenspieler, der ihm in nichts nachsteht. Der hinreißende Ferruccio Furlanetto gibt den Fiesco mit solcher Intensität und gesanglicher Brillanz, dass einem etwa bei der finalen Begegnung der zwei Kontrahenten tatsächlich der Atem stockt. Das ist dann Oper pur. Emotion und Leidenschaft total.

Dass neben diesen beiden Giganten in Peter Steins Repertoire tauglicher Rampentheater-Inszenierung wenig Platz bleibt, versteht sich fast von selbst. Immerhin: Massimiliano Pisapia als Gabriele Adorno rettete als Einspringer für den erkrankten Fabio Satori die Vorstellung und ließ seinen hellen, sicheren Tenor oft kraftvoll erklingen.

Barbara Frittoli hat als Amelia noch alle Höhen, beeindruckt darstellerisch und überspielt Schwächen in den unteren Lagen konsequent. Eijiro Kai und Dan Paul Dumitrescu fügen sich als Verschwörer ein. Souverän: Dirigent Paolo Carignani, der das stark ersatzgeschwächte Orchester - die Wiener Philharmoniker spielten zur gleichen Zeit in Grafenegg - sicher und sängerfreundlich durch die Partitur führte.

Fazit: Zwei machen den Unterschied aus

Werk: Giuseppe Verdis "Simon Boccanegra" wurde in der Erstfassung 1857 uraufgeführt, die Zweitfassung ging 1881 erfolgreicher über die Bühne.

Regie: Peter Stein hat 2002 am Ring Repertoire taugliches Rampentheater hinbauen lassen.
Gesang Plácido Domingo und Ferruccio Furlanetto sind kaum zu überbieten. Mehr geht nicht.

Dirigat: Paolov Carignani hat am Pult des ersatzgeschwächten Orchesters (fast) alles im Griff.

KURIER-Wertung: **** von *****