Kultur 05.12.2011

Frühstück mit Barbara Pachl-Eberhart

Überlebt. Die 36-jährige Wienerin verlor vor zwei Jahren ihren Mann und ihre beiden Kinder. Heute ist sie bereit für ein neues Leben.

Es ist ein heißer Tag Mitte Juli. Die Tür zu ihrer sonnenlichtdurchfluteten Wohnung im dritten Wiener Gemeindebezirk steht offen. Dort angekommen zur Begrüßung ein sanfter Händedruck, ehe sie ihren Lebensgefährten, Schauspieler Ulrich Reinthaller (44), vorstellt, der sie mit dem Besuch alsbald alleine lässt. Denn es ist ihre Geschichte, die es zu erzählen, zu begreifen gilt.

Es war Mitte Juli 2008 als sie Reinthaller, den sie während des Gesprächs abwechselnd "meinen Partner, meinen Lebensgefährten, Ulrich oder Herrn Reinthaller" nennen wird, kennenlernte. Er ist der Grund, warum die Wienerin von der Steiermark wieder in ihre Geburtsstadt gezogen ist, nachdem ihr widerfahren war, was nicht zu beschreiben ist. Doch sie hat geschrieben. 336 Seiten lang. Das niedergeschrieben, was Mitte Juli 2000 seinen Anfang und am 20. März 2008 sein jähes Ende nahm.

Witwe: Barbara Pachl-Eberhart hat für sich ein Wort für Witwenpension kreiert: "Helis Taschengeld".
© Bild: KURIER/Gruber

Während Barbara Pachl-Eberhart in der Küche die Zutaten ihres ayurvedischen Frühstücks (gequollene Hirse- und Buchweizenflocken, gedünsteten Apfel und zerquetschte Bananen) vermischt, bittet sie in ihr Wohn- und Arbeitszimmer. Der Blick des Besuchers streift zunächst den Esstisch, auf dem eine brennende Kerze steht, die Plüschtiere, die auf einem Lehnstuhl liegen und die Engelsfiguren, die ein Regal verzieren. Dann, reflexartig, bleibt der Blick auf den Wänden haften, fixiert Fotos, die neben dem Schreibtisch und über dem Sofa in bunten Rahmen hängen. Es sind Kinderfotos. Fotos ihrer Kinder. Thimo (6) und Valentina (22 Monate) und ihres Mannes Heli (39). Es sind die Bilder von Toten.
Die 36-Jährige bringt Kaffee und Zitronensaftwasser an den Tisch und nimmt Platz. "Wie das Gespräch beginnen?", denkt man, ehe man über den 20. März 2008 spricht, an dem drei Menschenleben ausgelöscht wurden. Jenem Gründonnerstag vor zwei Jahren, als der Clown-Bus mit ihrem Ehemann, Helmut "Heli" Eberhart, der als Clown arbeitete, und ihren Kindern auf einem unbeschrankten Bahnübergang von einem Zug erfasst wurde. Dass Heli noch an der Unfallstelle starb, Valentinas Herz noch vier, Thimos Herz noch fünf Tage schlugen und sie lebt, lässt den Fragenden nach richtigen Worten ringen. Doch Barbara Pachl-Eberhart hatte und hat Worte, Antworten. Geschriebene wie am 25. März 2008 in einer Mail an "alle Kontakte" mit dem Betreff "Der Tod und seine Überschreitung" und wie seit jüngst in Buchform "vier minus drei".

Clown & Rakete

Witwe: Barbara Pachl-Eberhart hat für sich ein Wort für Witwenpension kreiert: "Helis Taschengeld".
© Bild: KURIER/Gruber

"Ich denke in Bildern. Das Bild vom Unfall sieht für mich so aus: Da war ein sehr fröhlicher Clown-Bus, und eine Hundertstel-Sekunde später war mein Mann im Himmel und meine Kinder in einem tiefen Schlaf. Eine Freundin träumte damals, dass sich mein Mann mit einer Clown-Rakete in den Himmel geschossen hat", sagt sie und lächelt hernach. Es ist ein warmherziges Lächeln. Eines, das wie ein Entree anmutet, weiter zu fragen, nicht wissend, dass es weit unschönere Bilder gibt. Bilder einer Frau, die an der Unfallstelle war und Pachl-Eberhart zwei Monate später davon erzählte. "Meine Tochter wurde aus dem Wagen geschleudert, und diese Frau sah sie im Gras liegen. Sie hat Valentina gestreichelt und gehört, dass sie Wimmerlaute von sich gegeben hat. Das hat meine Bilder etwas verstört."
Sofort entstehen eigene Bilder im Kopf. Bilder, die eine andere Gewichtung bekommen, als die 36-Jährige über ihre erste Begegnung mit Heli im Juli 2000 in Graz erzählt. Sie, die Pädag-Studentin in Graz, die in Wien bereits Querflöte studiert hatte und eigentlich immer Clown werden wollte, sah in der Grazer Innenstadt einen Clown. "Heli hat jeden in sein tiefstes Inneres schauen lassen. Was ich dort gesehen habe, war eine tiefe Verwandtschaft und das Gefühl: Er gehört zu mir." Die beiden werden ein Paar, heiraten 2001 "mit einem großen Baby-Bauch". Die Familie zieht aufs Land. 2006 kommt Valentina zur Welt, Heli arbeitet als Clown und Spielpädagoge, Barbara neun Jahre lang für die Rote Nasen Clowndoctors. "Wir versuchen, die Menschen im Krankenhaus daran zu erinnern, was noch gesund an ihnen ist. Es geht nicht primär um das Lachen oder Ablenken, sondern darum, die vitalen Kräfte zu stärken." Die wichtigste innere Haltung des Clowns sei es, nicht zu bewerten, sondern immer neu und anders hinzusehen.

Beschenkt & gebraucht werden

Witwe: Barbara Pachl-Eberhart hat für sich ein Wort für Witwenpension kreiert: "Helis Taschengeld".
© Bild: KURIER/Gruber

Doch wie nicht bewerten und anders hinsehen, wenn man den Grund, warum man Ehefrau und Mutter genannt wird, verliert? "Es war meine Geisteskraft, die Fähigkeit, mich auszudrücken, obwohl der Gedanke, mich endgültig fallen zu lassen, verlockend war." "Nie Medikamente?" "Nein! Ich habe immer meinen inneren Clown gespürt. Es mir in der Bestattung erlaubt worden, meiner Tochter ein mit Kakao beflecktes Biene-Maja-Nachthemd anzuziehen", sagt sie und lächelt. Wieder. "Diese Person, die ich bin, dieser fröhliche, lustige Mensch, der gerne lacht, den lasse ich jetzt nicht auf der Strecke liegen, denn der gibt mir unendlich viel Kraft", sagte sie sich damals und jetzt ihrem Visavis. Dabei geholfen haben ihre engsten Freunde, ihre Eltern und ihr älterer Bruder Walter, der sie nicht bemitleidete, sondern um Rat fragte, "weil er gerade eine schwierige Phase durchgemacht hat. Das war großartig! Gebraucht zu werden, war ein unglaubliches Geschenk." Beschenkt fühlte sie sich auch durch die finanzielle Unterstützung ihrer Familie und ihrer Freunde. "Wenn ich etwas raten dürfte im Sinne jener, denen ein ähnliches Schicksal widerfahren ist, dann: Gebt diesen Menschen Geld! Damit gebt ihr ihnen Zeit!"

Hilfe & Vorwürfe

Witwe: Barbara Pachl-Eberhart hat für sich ein Wort für Witwenpension kreiert: "Helis Taschengeld".
© Bild: KURIER/Gruber

Zeit, die es braucht, alles auszuprobieren, was einem womöglich hilft wie ihr Trommelstunden, Sprechtechnikunterricht, Tanz- und Töpferkurse, Barock-Musik, Klavier-, Block- oder Querflötespielen und das autodidaktische Erlernen der Ziehharmonika. Insbesondere geholfen haben Pachl-Eberhart Gespräche und das Schreiben. Worte für das Unfassbare, Unbeschreibbare, Unwiederbringliche zu finden. Die Witwenpension (125,61€) nennt sie "Helis Taschengeld", Trauerarbeit heißt für sie "Trauergestaltung, weil Arbeit nach etwas klingt, dass man abschließen kann". Sprachlos wird die zierliche Frau mit den blauen Augen nur, wenn man ihr Unwahrheiten unterstellt. "Es gab den Vorwurf, dass ich aus dem Tod dieser drei geliebten Menschen Profit schlage. Das hat mich sehr erschüttert. Denn wenn das Buch etwas ist, dann ein Liebesbekenntnis an meine Familie und ans Leben."
Ihr Leben, ihr neues Leben, das begann als sie vier Monate nach dem Unfall über Freunde Ulrich Reinthaller kennen- und lieben lernte. "Es gibt erstaunliche Parallelen zwischen Ulrich und Heli, was meinen Verdacht nährt, dass Ulrich mir von ganz oben geschickt wurde, vielleicht sogar von meinem eigenen Mann."
Bei dem Schauspieler kann sie loslassen, weinen, lachen. Er ermutigte sie vor über einem Jahr, nach Wien zu ihm zu ziehen, ihre Geschichte niederzuschreiben und fand einen Verlag für sie. "Der Leiter des Integral-Verlags, Eckard Graf, ist zu meinem Mentor, zu einem der besten Kenner meiner Seele geworden." Er fordert und fördert sie im Schreiben, Reinthaller übt mit seiner Lebensgefährtin für ihre Lesung, auf die sie sich ungemein freut.
"Ich bin dem Leben gut. Ich weiß, dass das Leben mehr Überraschungen bereithält, als man glauben kann", sagt Barbara Pachl-Eberhart an diesem heißen Tag Mitte Juli zum Abschied.
Was, wenn wir einander in einem Jahr sehen und eine Überraschung vorwegnehmen könnten? "Im August 2011 wird mein Diplom zur Körper- und Atempädagogin an der Wand hängen, sich vielleicht ein Verlag für mein Märchenbuch gefunden haben, und es könnte sein, dass wir uns über einen weiteren kleinen Menschen unterhalten werden, dessen Namen ich noch nicht kenne. Ein neues Leben."

Sonntagsfragen

Frühaufsteher oder Langschläfer
Mein Körper braucht unheimlich viel Schlaf. Neun bis zehn Stunden. Ist das kompatibel mit einer Frau, die Lehrerin werden wollte? Das war der Grund, warum ich nie den Schuldienst angetreten habe. Im fünften Semester in der Didaktik-Stunde gab es eine Schrecksekunde für mich. Ich habe die Lehrende gefragt: "Heißt das, wir müssen jeden Tag um sechs Uhr aufstehen?" Sie hat genickt. "Soll ich jetzt fertig studieren?", habe ich gefragt. "Machen Sie es trotzdem fertig", hat sie gesagt, und das habe ich dann gemacht.

Mein erster Gedanke beim Aufwachen
Wovon habe ich geträumt?

Wer hat Sie zuletzt im Traum besucht?
Meine Tochter. Ein schöner Traum?
Ja, immer! Ich träume sehr viel und sehr lebhaft.

Der erste Blick in den Spiegel sagt mir

Guten Morgen, liebe Barbara! Schön, dass du immer noch da bist!

Tee oder Kaffee?

Der Morgenkaffee ist mein Heiligtum. Mit Zucker ohne Milch, weil ich dagegen allergisch bin.

Mein schönstes Frühstück
Habe ich Gott sei Dank fast täglich mit meinem Lebensgefährten.

Ein perfekter Sonntag ist
In die Natur gehen, um zu wandern oder im Prater Tischtennis zu spielen.

Den Appetit verdirbt mir
Stress und Belastung.

Tabu ist für mich

Anderen Menschen Dinge zu sagen, die sie kränken würden. Thematisch ist nichts tabu. Wenn man die richtigen Worte findet, kann man über alles reden.

Buchtipp:

Witwe: Barbara Pachl-Eberhart hat für sich ein Wort für Witwenpension kreiert: "Helis Taschengeld".
© Bild: KURIER/Gruber

"Vier minus drei. Wie ich nach dem Verlust meiner Familie zu einem neuen
Leben fand."
Barbara Pachl-Eberhart,
Integral Verlag,
336 Seiten,
Euro 20,60

Buchpräsentation & Lesung:
21. Juli 2010, 19 Uhr,
Thalia Buchhandlung
Landstraßer
Hauptstraße 2a/2b
1030 Wien

( Kurier ) Erstellt am 05.12.2011