Kultur
22.07.2018

Franz Welser-Möst: "Wir haben eine Intendantenkrise"

Der Stardirigent spricht über das Opern-Business und einen mutmaßlichen Festspiel-Höhepunkt

Im vergangenen Jahr hatte Franz Welser-Möst mit Aribert Reimanns „Lear“ für einen der größten Erfolge der Salzburger Festspiele gesorgt. In diesem Sommer dirigiert er wieder eine Oper von Richard Strauss. Die Premiere von „Salome“ am 28. Juli (live-zeitversetzt in ORF 2 um 22 Uhr) ist nach 1977 und 1992 erst die dritte Neuproduktion dieses Werkes in Salzburg.

KURIER: „Salome“ ist, was die Aufführungsgeschichte betrifft, eine der skandalträchtigsten Opern. Die Musik ist radikal und wie ein Erweckungserlebnis für die Moderne, das Thema provokant und blutig, die Wiener Erstaufführung an der Hofoper wurde sogar von der Zensur verhindert. Worin liegt aus heutiger Sicht die besondere Kraft?

Franz Welser-Möst: Die Kraft liegt zunächst in der Musik. Die ist ein echter Wurf – und es ist kein Zufall, dass niemand auf die Idee kommt, bei „Salome“ Kürzungen vorzunehmen. Was den Inhalt betrifft, ist die Geschichte von Salome, die für ihren Tanz von Herodes den Kopf des Jochanaan verlangt, vielleicht so aktuell wie noch nie zuvor. Es geht um sexuellen Missbrauch, um Machtmissbrauch, um Narzissmus, um Religion.

In vielen „Salome“-Interpretationen geht auch es darum, wer die Opfer sind, wer die Bösen. Oscar Wilde etwa, auf dessen Stück „Salome“ basiert, hat Jochanaan gar nicht geschätzt.

Jochanaan ist ein religiöser Fanatiker. Aber es gibt auch bei ihm Momente, wo er den Fanatismus zur Seite schiebt. In dieser Oper ist jede Figur komplex. Und Salome selbst ist die komplexeste. Es wäre viel zu simpel, hier eindeutige Antworten zu verlangen.

Sie sprechen ein Grundproblem der Opernszene und der Gesellschaft generell an: den Mangel an Differenziertheit. Sehen Sie das auch so?

Auf alle Fälle. Differenzierungen sind leider kaum noch gefragt. Allein beim Opernbetrieb: Es muss doch einen Unterschied geben, ob ich etwas in Mörbisch oder in der Volksoper aufführe. Differenziertheit ist weitgehend verloren gegangen, sowohl bei den Betreibern von Kulturinstitutionen, als auch in der Rezeption.

Wie unterscheidet sich in einer Welt, in der die selben Dirigenten, Sänger und Regisseure an vielen Orten arbeiten, ein Festival wie die Salzburger Festspiele noch von anderen?

Erstens schon allein durch eine Dichte innerhalb von sechs bis sieben Wochen – das erleben Festspielbesucher nirgendwo anders. Zweitens durch besondere Konstellationen mit Probenzeiten von fünf Wochen, in denen alle Beteiligten vor Ort sind. Hier geht es nicht, dass ein Dirigent erst knapp vor der Premiere zu den ersten Proben kommt. Oder dass ein Sänger nur im Finale da ist und man dann erst weiß, ob er die Rolle überhaupt kann. In Salzburg geht es noch um das Gesamtkunstwerk Oper.

Statt nur um große Namen?

Man kauft nicht nur Stars zusammen – das finde ich völlig richtig. Der Starrummel macht überhaupt keinen Sinn. Es geht nicht darum, die prominenteste Besetzung zu finden, sondern die richtige.

Das klingt fast wie ein Plädoyer gegen das Repertoiresystem, wo viele Stars kurz vorbeischauen und einen Abend zu hören sind.

Nein, ich bin ein großer Verfechter des Repertoiresystems. Wo sonst sollen denn die jungen Sänger, die jungen Dirigenten, das Handwerk lernen? Alexander Pereira, mit dem ich lange in Zürich war, hat immer gesagt: Jeden Tag Kaviar zu essen, ist auch nicht gut.

Sie haben das Repertoirehaus Staatsoper im Konflikt mit Dominique Meyer verlassen. Gibt es unter dem künftigen Chef Bogdan Roščić eine Rückkehr?

Wir haben ein Projekt für die Saison 2020/´21 fixiert. Für die nächsten beiden Saisonen gibt es konkrete Pläne.

Wagen Sie einen Ausblick, wie sich das Haus künftig entwickeln könnte?

Das ist viel zu früh. Aber ich finde es richtig und gut, das Repertoire szenisch zu erneuern. Ich hoffe auch, dass das musikalische Niveau gesteigert wird. Auch wenn es viele nicht hören wollen: In Wien geht es den Opernbesuchern primär um gute Sänger, dann um gute Dirigenten und erst in dritter Linie um den szenischen Bereich.

Sie arbeiten bei „Salome“ mit einem Besessenen des Theaters, mit dem Bühnenkünstler Romeo Castellucci, zusammen. Wie gestaltet sich das?

Vollkommen problemlos. Das hat er übrigens zuletzt in einem Interview auch über mich gesagt. Die Bilder, die er entwirft, sind beeindruckend und gehen unter die Haut. Er kommt auch der Aufforderung von Strauss nach, dass „Salome“ inszenatorisch schlicht gehalten werden muss. Das soll keine billige Peepshow sein.

Und wie läuft die Probenarbeit mit Asmik Grigorian, die erstmals die Titelpartie singt?

Wir haben schon vergangenes Jahr zu Ostern zu proben begonnen. Sie ist hochintelligent, hochmusikalisch, sportlich, beweglich, gut aussehend, mit großem Charisma – und habe selten so ein komplettes Gesamtpaket erlebt, ohne jede Starallüren.

Und sie hat rechtzeitig ihre Rolle gelernt, nicht wie Roberto Alagna, der kurzfristig beim „Lohengrin“ in Bayreuth absagte.

Wir reden so oft von einer Opernkrise. In Wahrheit haben wir eine Intendantenkrise, mit wenigen Ausnahmen. Dass Intendanten so etwas zulassen, ist unverständlich. Das hätte etwa ein Ioan Holender niemals akzeptiert. Die meisten Intendanten glauben, nur große Namen einkaufen zu müssen, damit die Vorstellungen voll sind. Ich frage mich aber: Warum war dann die „Salome“ in Salzburg als erste Oper ausverkauft? Das Publikum hat schon den richtigen Instinkt, wenn eine spannende Konstellation zusammenkommt.

Sie leben einen Teil des Jahres in Cleveland, als Chef des dortigen Orchesters. Ist Donald Trump, auch in Hinblick auf mangelnde Differenzierung, der Inbegriff dessen, was heute falsch läuft?

Er ist wie die Pervertierung einer vernünftigen, aufgeklärten Gesellschaft. Wir reden seit einiger Zeit von der #MeToo-Bewegung. Bei ihm ist es eine #MeMe-Bewegung. Da gibt’s nichts anderes als ihn selbst. Ich glaube nicht im Geringsten an eine Taktik, an ein Kalkül. Es geht nur darum, wie großartig er ist, um die Ausschaltung der Empathie. Die Gesellschaft wird dekultiviert. Das ist wie ein Orchester, bei dem jeder so spielt, wie er will. Jeder denkt nur an sich selbst, keiner übernimmt Verantwortung für den anderen. Abgesehen davon, dass diese Politik hanebüchen ist: Sie erinnert stark an die 1920er-, 1930er-Jahre. Außerdem hat Trump den Sprachschatz eines Volksschülers. Jeder Tweet bedeutet eine Dezivilisierung.