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Interview
07/27/2020

Franz Welser-Möst: „Eine gewaltige Bildungsflaute“

Der Dirigent über Verirrungen, die Eröffnungspremiere der Salzburger Festspiele, das Coronavirus und die Lehren daraus.

von Gert Korentschnig

KURIER: Sie dirigieren am Samstag die Eröffnungspremiere der Salzburger Festspiele, „Elektra“ von Richard Strauss. Welche Bedeutung hat diese Premiere für Sie in diesem besonderen Jahr?

Franz Welser-Möst: Für mich ist „Elektra“ immer ein besonderes Stück. Aber wenn Sie auf das 100-Jahr-Jubiläum der Festspiele und die Corona-Krise anspielen, dann glaube ich, dass diese Produktion für andere noch mehr Bedeutung hat. Wir versuchen den Druck, der jetzt erzeugt wird, möglichst auszublenden.

Warum ist „Elektra“, die Geschichte von starken Frauenfiguren und von Rache, das richtige Werk zur Eröffnung?

Das müsste Intendant Markus Hinterhäuser beantworten. Für mich ist „Elektra“ eine Oper, die das Tor zur Moderne weit aufgestoßen hat. Dieses Stück jetzt 100 Jahre nach der Gründung der Festspiele anzusetzen, ist wieder ein wichtiger Blick in die Zukunft.

Sie haben zuletzt gerade mit Strauss-Opern große Erfolge in Salzburg gefeiert – mit dem „Rosenkavalier“ und der „Salome“. Was darf das Festspielpublikum nun von dieser „Elektra“ erwarten?

Das wird eine betont lyrische „Elektra“, mit einer unglaublich guten Darstellerin in der Titelpartie, nämlich Ausrine Stundyte. Sie ist hochintelligent, gestaltet jedes Wort, jede Phrase und ist ein Arbeitstier wie Asmik Grigorian, die ihre Schwester Chrysothemis singt. Die beiden kommen noch dazu aus der selben Stadt und sehen aus wie Schwestern. Dass Elektra so zerbrechlich, verletzlich, kindlich sein muss, darüber waren wir uns mit Regisseur Krzysztof Warlikowski von Anfang an einig.

 

Sie haben fünf Wochen lang geprobt. Wie hat sich das mit all den Vorschriften und Abstandsregeln gestaltet?

Das war überhaupt kein Problem. Da ging es um ein Mindestmaß an Disziplin – und das sollte Künstlern nicht fremd sein. Wir müssen bis zum Ende der Festspiele jeden Tag in der Früh Fieber messen, werden ein Mal pro Woche getestet, führen Aufzeichnungen, wen wir treffen – ich habe von niemandem auch nur ein Wort des Jammerns gehört. Von den Festspielen war das alles perfekt geplant, von dieser Professionalität können sich alle anderen eine Scheibe abschneiden.

Nochmals zurück zur Bedeutung: Wie wichtig ist es für die Kulturnation Österreich generell und die Kulturszene im speziellen, dass die Festspiele heuer stattfinden?

Das ist ein weltweit beobachtetes Zeichen, dass die Kultur von diesem Virus nicht umgebracht wurde. Kultur bedeutet Menschsein – und das dürfen wir uns nicht nehmen lassen. Salzburg ist das wichtigste Festival der Welt. Und wir dürfen nicht vergessen, dass schon die Gründung im Zeichen der Krise, des Ersten Weltkrieges, der Spanischen Grippe stand. Max Reinhardt, Hugo von Hofmannsthal und Richard Strauss haben damals schon gesagt: Die Zivilisation darf nicht kulturlos sein. Andererseits mache ich mir große Sorgen, wenn ich lese, dass schon wieder ein amerikanisches Orchester, aus Indianapolis, alle Konzerte bis Sommer 2021 abgesagt hat.

Festivals wie Salzburg sind per se immer Ausnahmesituationen. Wie kann Ihrer Meinung nach der allgemeine Kulturbetrieb im Herbst wieder losgehen?

Ich besitze leider keine Glaskugel, in der ich lesen kann. Aber wir alle zusammen müssen einen Willen zur Normalität haben, soweit diese möglich ist.

Was hat Sie persönlich die Corona-Krise bisher gelehrt?

Ich bin seit 35 Jahren professionell in diesem Beruf tätig. Jetzt so lange auszusetzen, hat mir wahnsinnig gut getan. Man sieht da auch, dass man nicht immer alles so wichtig nehmen muss. Das erhält auch die Freude an diesem Beruf.

Und welche Schlüsse kann man für das Musikbusiness ziehen? Setzt nun vielleicht ein Umdenken ein, weg von der Oberflächlichkeit, von einem regelmäßig zu beobachtenden Hype, zurück zum Wesentlichen?

All das wäre schön. Aber ich fürchte, die Menschheit ist nur bedingt lernfähig. Wenn es zu einem Umdenken kommt, dann eher aus wirtschaftlichen Gründen, nicht aus intellektuellen.

Sie haben zuletzt in einem Interview mit den Oberösterreichischen Nachrichten die Direktion von Dominique Meyer an der Staatsoper heftig kritisiert: Das Haus habe an Relevanz verloren, die Gefälligkeit sei gefährlich, hübsche Sängerinnen wären plötzlich ohne Erfahrung ins Ensemble gekommen. Nun wechselt Meyer an die Mailänder Scala. Sie werden dort vermutlich nicht mehr dirigieren …

Definitiv nicht. Ich habe, als ich zuletzt in Mailand sieben Wochen lang für „Die ägyptische Helena“ war, mit meiner Frau auch beschlossen: Außer in meiner näheren Umgebung will ich nie wieder so lange für eine Produktion in einer fremden Stadt sein. Das bringt mir auch mehr Qualität in mein Leben. Durch Corona wurde ich darin noch bestärkt. Zur Kritik an Meyer: Ich stehe natürlich dazu. Und wir leben zum Glück in einem Land mit Meinungsfreiheit.

Wenn Sie, in genauer Kenntnis der vergangenen Jahrzehnte, die aktuelle Lage der Musikszene beurteilen: Wo steht sie gerade? An einem Wendepunkt? Mitten in der Flaute?

In der Kunst gibt es schon länger eine Flaute: eine gewaltige Bildungsflaute. Es gibt leider auch in der Klassikszene immer wenige Leute, mit denen man wirklich über Musik, über Goethe, über Malerei, über Wissenschaft reden kann. Kunst kann unterhaltend sein, aber sie darf nicht zur Unterhaltung verkommen. Das ist zuletzt passiert. Es gibt einen Wettbewerb, unbedingt aufzufallen, anders zu sein – das ist ein Missbrauch von Kunst. Aber wir dürfen nicht das Publikum kritisieren, sondern müssen uns selbst an der Nase nehmen.

Sie feiern am 16. August Ihren 60. Geburtstag. Haben Sie so etwas wie einen Geburtstagswunsch an sich selbst oder an die Klassikszene?

Nur, dass es noch eine Zeit lang so schön bleibt, wie es ist. So gesehen lebe ich im wunschlosen Glück.