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Kultur
03/07/2020

Frank Spilker von Die Sterne: Loslassen beim Kartoffelschälen

Ein Interview mit Frank Spilker, der die Hamburger Kultband Die Sterne neu aufgestellt hat. Der Ergebnis klingt gut und wird am 10. März in Wien präsentiert.

von Marco Weise

Nach 26 gemeinsamen Jahren haben der Bassist Thomas Wenzel und der Schlagzeuger Christoph Leich 2018 Die Sterne verlassen. Es hätte auch das Ende der Band sein können, die sich seit 1992 durch lakonisch-kluge Texte zwischen „protestantischem Understatement und entwaffnender Offenheit“ auszeichnet und dabei stets Haltung – auch politische – beweist, wie Frank Spilker im KURIER-Gespräch zusammenfasst. Und der 53-Jährige muss es wissen. Immerhin agiert er seit Beginn als Sänger und Denker der Hamburger Kultband.

Trotz des Ausstiegs der beiden Gründungsmitglieder hat sich Spilker entschieden, weiterzumachen, ein neues Album aufzunehmen. Es heißt einfach „Die Sterne“ und ist es mit Leuten von The Düsseldorf Düsterboys und Von Spar entstanden. Auch der Keyboard-Zauberer und Disco-Entertainer Erobique hatte bei drei Songs, die den Geist Giorgo Moroders in sich tragen, seine Finger im Spiel.

KURIER: Was hat die alten Sterne auseinander geführt?

Frank Spilker: Kreativer Stillstand. Wir waren noch in der Lage, unsere Vergangenheit zu verwalten, aber nicht mehr dazu, zusammen neue Stücke zu schreiben. Auch schon beim letzten Album „Flucht in die Flucht“ haben wir nur nebeneinander hergespielt. „Mach’s besser“, das Jubiläumsalbum anlässlich 25 Jahre Die Sterne, hat uns etwas Zeit gegeben, als das auch nicht geholfen hat, war klar: Da kommt nichts mehr.

Was macht die neuen Sterne aus?

Philipp Janzen und Phillip Tielsch sind durch ihre jahrelange Arbeit bei ihrer Band Von Spar tolle Soundspezialisten für die Schnittstelle zwischen Krautrock und elektronischer Musik. Auch wenn dieses Album bis auf wenige Ausnahmen kaum Elektronik enthält, manifestiert sich die Tradition der Clubkultur – zum Beispiel in den Längen der Arrangements. Den Schlagzeugsound von Klaus Dinger (Mitglied bei Kraftwerk, Neu!, Anmerkung der Redaktion) zu rekreieren ist für die beiden ebenfalls kein Problem. Das unterscheidet diese Produktion von der alten Besetzung der Sterne, wo wir so etwas immer nur angedeutet und vielleicht so halbwegs hin bekommen haben. Das wichtigste ist aber die Aufbruchstimmung, die jetzt wieder vorhanden ist.

 

„Man muss nichts“, lautet ein Motiv in einem Song. Müssen wir alle zu viel? Können wir überhaupt noch die Verweigerung leben?

Tatsächlich muss man das sogar. Es ist ein Stück Selbstbehauptung. Wer es nicht hinbekommt, Nein zu sagen, sich selbst vor Vereinnahmung zu schützen, die von allen Seiten an einen herangetragen wird – zum Teil sogar unter Zwang oder zumindest Druck –, droht in dieser Gesellschaft unterzugehen. Die Symptome nennt man dann Burn-out oder Depression. Wie immer ist dann der Einzelne daran schuld und nicht etwa die gesellschaftlichen Verhältnisse. Der Song „Du musst gar nichts“ erlaubt sich zumindest den Gedanken, Nein zu sagen.

Wie entstehen Ihre Texte? Schreiben Sie Ideen in ihr Smartphone oder haben Sie noch ein Notizbuch?

Ich benutze beides, neige aber dazu, Zettel zu verlieren und bin dann froh, wenn die Idee elektronisch gespeichert ist.

Helfen beim Texten Abende mit Freunden in einer Bar?

Zeitgenossen sind manchmal ganz inspirierend, lesen hilft natürlich auch. Meine wichtigste Kreativtechnik ist das Loslassen. Ob beim Kartoffelschälen oder beim Bier trinken. Wenn man sich nicht dazu zwingt, kommen die besten Einfälle.

Mit Plattenverkäufen lässt sich kaum noch Geld verdienen. Sie sind Vorstand des Verbands „Unabhängiger Musikunternehmen“. Wie sehen Sie die Entwicklungen im Musikbereich?

Erstaunlich ist, dass man gleichzeitig hört, dass die Fans durch die Abo-Modelle im Streaming mehr Geld für Musik ausgeben würden als früher. Es geht jetzt darum, dass sich die Tech-Giganten nicht den Großteil dieses Geldes sichern und genug davon bei den Künstlern ankommt, die die weitaus schlechtere Verhandlungsposition haben. Vor allem sollten sie nicht von Rechteinhabern zu reinen Dienstleistern degradiert werden.

Streamingplattformen bieten Unterhaltung um wenig Geld. Kaum noch jemand will für Nachrichten bezahlen. Ist die Gratisgesellschaft noch zu stoppen?

Was sicher nicht zu ändern ist, ist das Konsumentenverhalten: Bei zwei gleichwertigen Alternativen wird die günstigere gewählt. Attribute wie „hochwertig“ oder „seriös“ müssen sich jetzt neu beweisen, um wieder für ein einträgliches Geschäft zu sorgen. Ich finde das nicht nur negativ. Aber auch hier muss man eben sehen, wie groß der Machtunterschied zwischen den Tech-Giganten und den klassischen Medien ist. Was dabei herauskommen kann, hat man in der Affäre um Cambridge Analytics und die Wahl des amerikanischen Präsidenten gesehen. Mein neuer Song „Unterschiedlich subtil“ umschreibt das Problem.

Sie haben 2013 ihr ersten Roman „Es interessiert mich nicht, aber das kann ich nicht beweisen“ vorgelegt. Wann gibt es ein neues Buch?

Ich arbeite gerade an meinem zweiten Hörspiel und entwickle meine Erzählkunst an der Schnittstelle zur Musik. Audiophiles Schreiben sozusagen. Wenn alles nach Plan läuft, kommt danach auch wieder ein Buch.

Info: Die Sterne spielen am  10. März in  der Grelle Forelle in Wien ihr einziges Österreich-Konzert. An der Seite von Frank Spilker agieren Philipp Janzen, Phillip TielschDyan Valdes und  Max Knoth.


 

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