Frank Spilker, Kopf der Hamburger Band Die Sterne, präsentiert seinen Roman.

© Juliane Werner

Frank Spilker und die Kausalkette des Abstiegs
10/25/2013

Frank Spilker und die Kausalkette des Abstiegs

Frank Spilker, Kopf der Band Die Sterne, im KURIER-Interview über seinen Debüt-Roman, die Flatrate-Kultur, Ich-AGs und Depressionen.

von Marco Weise

Wir waren verliebt. Kam mir so vor. Und jetzt ist alles so lange her. Die Nacht vorbei, der Kiez gefegt und alles schleicht, was sich bewegt“, heißt es im Sterne-Song "Wenn dir St. Pauli auf den Kopf fällt". Ein Text, der den Abstieg des Grafikdesigners Thomas Troppelmann, dem traurigen Helden im Debütroman von Frank Spilker, sehr treffend beschreibt. Für Spilker selbst ist der Song "ein Heimatfilm", in dem es um seinen Lebensmittelpunkt geht, dem Hamburger Stadtteil St. Pauli. Dieser wäre für ihn ein Ort, den er auch in Krisenzeiten nicht verlassen würde. "Obwohl sich dort gerade einiges zum Unguten verändert", sagt Spilker im KURIER-Interview.

In ihrem Romandebüt "Es interessiert mich nicht, aber das kann ich nicht beweisen" geht es um Lebens-, Liebes- und Sinnkrise. Haben sie kürzlich selbst eine dieser Krisen durchlebt? Frank Spilker: Was ich selbst erlebt habe, ist die Schrumpfung des Musikmarktes um 50 Prozent. Die künstlerisch ambitionierte Independent Szene traf das nicht ganz so hart, weil dort ohnehin nie viel Geld zu verdienen war, aber es gibt schon sehr viele ehemals sehr erfolgreiche Leute in meinem Umfeld, die sich jetzt etwas Neues suchen müssen.

Darum geht es auch im Roman: Vielen Menschen wird plötzlich der Boden unter den Füßen weggezogen. Wie haben sie sich diesem Thema genähert? Alle Krisen werden ja durch diese Verknappung der Ressourcen erst ausgelöst. Keine Aufträge, kein Geld, keine Zeit, keine Beziehung, das ist ungefähr die Kausalkette des Abstiegs Thomas Troppelmanns. Es geht mir vor allem darum zu beschreiben, was mit den Leuten geschieht, wenn das passiert und wie dann die Stimmung kippt.

Ihr Protagonist flüchtet aus der Stadt und sucht sich selbst. Darf man sich das in der Leistungsgesellschaft 24/7 überhaupt noch leisten, mal nichts Produktives zu machen? Thomas Troppelmann kann sich vor allem nicht leisten so weiter zu machen wie bisher. Ich stelle mir immer vor, dass er versucht, eine undurchdringliche Gummiwand immer weiter nach außen zu drücken und schließlich irgendwann merkt: Er kann nicht gewinnen. Ihm bleibt also nichts anderes übrig, als umzukehren.

Muss man aufs Land fahren, um sich selbst zu finden? Nein. Und der Protagonist hat ja auch gar nicht sich selbst verloren, sondern das Spiel. In dem Badeort an dem ich gerade war, haben sie die S-Bahn unter die Erde verlegt, damit die Verlierer sich nicht mehr so einfach davorschmeißen können. Thomas Troppelmann benutzt die Bahn ja auch als Zeitmaschine mit der er zurück in seine Kindheit reist.

Sie sind ja selbst am Land aufgewachsen. Was verbinden Sie persönlich mit dem Leben am Land? Nicht nur weil ich dort aufgewachsen bin, auch wegen meiner Reisen durch die Clubs und Jugendzentren der deutschsprachigen Länder, die ich seit 20 Jahren betreibe, fühle ich mich extrem gut informiert, was das Landleben angeht. Und nicht nur die Fakten sind mir bekannt, ich weiß auch, wie sich das anfühlt. Ich mag auch diesen Vergleich der im Niedergang befindlichen Kreativszene mit einem Kurort im Winter, der dasselbe durchmacht.

Wir Leben in einer Welt, in der immer mehr Menschen an Depressionen leiden und vom Burn-Out betroffen sind? Was läuft da falsch?Was falsch läuft ist, dass Menschen gezwungen werden, sich selbst für Märkte zu optimieren, die es gar nicht gibt, anstatt zu versuchen die Spielregeln der Märkte so zu ändern, dass sie den Menschen wieder zugute kommen. Das ist ja eigentlich das Ziel der wissenschaftlichen Ökonomie. Wenn die Anstrengungen der Menschen über die Runden zu kommen ins Leere laufen, werden sie krank. Das ist eine unschöne Tradition in Deutschland, dass die Mehrheit der Menschen bereit ist, sich für ein übergeordnetes Ziel, den Wohlstand oder die militärische Überlegenheit des Landes, selbst zu opfern oder auch ihre Kinder. Das Ausland hasst uns dafür.

Wie sehr ruiniert bzw. schadet sich die Ich-AG-Gesellschaft selbst? Stichwort: Viel Arbeit für wenig Lohn. Was könnte man dagegen unternehmen? Ich sehe ein Hauptproblem darin, dass die bürgerlichen Vorstellungen von Gerechtigkeit und leistungsbezogener Bezahlung nicht auf die Märkte anwendbar sind, die sich durch das Internet ergeben. Dass trotzdem daran festgehalten wird, ist eines der Hauptprobleme. Letztendlich ist also nicht die Technik das Hauptübel, sondern die Unfähigkeit der Menschen ihre Spielregeln an die neue Technik anzupassen.

Optimiert sich der Mensch irgendwann zu Tode? Das ist das was die Gesellschaft von den Menschen zu verlangen scheint. Letztendlich damit noch mehr Geld nach oben verteilt wird. Aber, wie gesagt, es nützt ja nichts. Man kann keine Märkte herbeioptimieren. Dass der Einzelne etwas ändern kann, indem er noch mehr arbeitet, ist schlichtweg eine Lüge.

Wie stehen sie zur Flatrate-Kultur? Und was sagen Sie Menschen, die sich Filme und Musik gratis aus dem Internet saugen? Die Menschen, die sich im Internet bedienen sind keine Verbrecher, sondern Fans. Und sie stehlen auch nicht, sie fertigen Kopien an. Das Problem ist hierbei nur, dass im Unterschied zu materiellen Handel mit Kartoffeln und anderen Gütern dem Erzeuger durch diesen Vorgang kein Gewinn entsteht. Das Internet entwertet letztendlich alles Kopierbare und es ist eine große gesamtgesellschaftliche Aufgabe, dieses Problem zu lösen und den Handel mit Ideen wieder zu ermöglichen, weil wir sonst alle geistig verarmen. Aber dies kann kein Land und keine Branche alleine. Und schon gar nicht ist es dabei hilfreich den potentiellen Kunden zu einem Kriminellen zu degradieren.

Wie stehen sie zu dem Bezahlmodell, das zum Beispiel die taz oder die New York Times für ihre Online-Seite anbieten? Eigentlich finde ich die sehr gut. Man kann erst einmal sehen, was geboten wird und dann eine Kaufentscheidung treffen, so wie am Kiosk. Gleichzeitig mutet das Modell genau deswegen etwas altmodisch an.

Viele Sterne-Fans sehnen sich nach neuen Songs? Was haben sie diesbezüglich geplant? Zum einen: Neue Songs schreiben, zum anderen: nicht verraten wie diese wohl klingen, um die Spannung zu erhalten. Über einen groben Zeitraum können wir allerdings schon reden. Zwischen Ende Mai und Ende September nächsten Jahres wird es wohl auf jeden Fall etwas Neues zu hören geben.

Frank Spilker stellt am 26. Oktober seinen Roman in Salzburg (ARGE Studio) und tags darauf in Wien (Rabenhoftheater) vor. Wir verlosen für die Lesung im Wiener Rabenhof 1x2 Karten. Eine eMail mit dem Betreff kult(at)kurier.at genügt. Der Gewinner oder die Gewinnerin wird per eMail verständigt.

Info: Frank Spilker - "Es interessiert mich nicht, aber das kann ich nicht beweisen". Hoffmann und Campe; 160 Seiten; 17,99 Euro.

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