© Wolfgang Suschitzky

Kultur
08/18/2020

Fotografie aus der Perspektive der Menschlichkeit

Das Werk des aus Wien stammenden Wolf Suschitzky (1912–2016) ist in Salzburg zu entdecken

Er fokussierte seine Kamera auf die geschwärzten Gesichter britischer Minenarbeiter, auf die faltigen Wangen französischer Sardinenfischer oder auf das schmale Gesicht einer indischen Näherin. Maschinen, Schornsteine und die endlosen Häuserreihen der Arbeitersiedlungen in Liverpool erscheinen in seinen Bildern dagegen übermächtig, ja unheimlich. „Der Fotograf, der mit sozialen Zuständen Anteil nimmt und mit menschlichem Leid in Berührung kommt, hat besonderes Interesse, seinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen, und ist für gewöhnlich parteiisch“, sagte Wolf Suschitzky. Dokumentarfotografie, wie er sie verstand, sollte aber keine Propaganda sein – ein „subtiler Kommentar“ schon eher.

In Salzburg bietet sich nun in mehreren Ausstellungen die Gelegenheit, das Werk des 1912 in Wien geborenen Fotografen und Kameramanns, der 1934 nach London emigrierte und dort 2016 – im Alter von 104 Jahren – starb, kennenzulernen. Denn Suschitzkys Sohn hat den gesamten Nachlass der Salzburger Institution Fotohof übergeben.

Archivierte Arbeit

Die dortige Galerie (Inge Morath-Platz 1–3) zeigt nun bis 26. September eine Auswahl von Bildern, die Suschitzkys Zugang zum Thema „Arbeit“ im Blick haben. Eine weitere Werkgruppe aus dem Fotohof-Bestand präsentiert das Museum der Moderne am Mönchsberg in seiner Schau „Orte des Exils“ (bis 22. November). Im Fotohof-Archiv ist zudem noch eine Auswahl von Bildern von Suschitzkys Schwester Edith zu sehen. Sie hatte 1933 den britischen Mediziner Alexander Tudor-Hart geheiratet und war nach London übersiedelt; Bruder Wolfgang folgte ihr nach, als er nach den Kämpfen in Wien des Februar 1934 keine Zukunft in Österreich sah.

Eine linke Prägung hatten die Geschwister in Wien erhalten, wo der Vater die erste Buchhandlung in Wien-Favoriten sowie den auf Arbeiterliteratur spezialisierten Anzengruber-Verlag gegründet hatte. Der Februar 1934 läutete das Ende des „roten Wien“ ein, der Verlag bestand noch bis 1938 weiter, dann wurde er – die Suschitzkys waren Juden – „arisiert“.

In London fand Wolf Suschitzky Anschluss an eine Tradition der Sozialreportage, die er in der Folge weiter kultivierte und ausformulierte. Die Bilder, die das MdM am Mönchsberg zeigt, haben vor allem die Kriegsjahre im Blick. Suschitzky fotografierte nicht nur britische Militärpilotinnen und die Produktion von in Uniform gekleideten Kinderpuppen, sondern auch die Evakuierung des Londoner Zoos – Kinder- und Tierfotos waren im Übrigen ein Betätigungsfeld, das ihm oft sein Einkommen sicherte.

Bereits 1945 hielt er in Londons Straßen ein Wachsfigurenkabinett fest, das den Briten die Gräuel des Krieges in „lebensnahen und lebensgroßen Figuren“ näherbringen wollte. Für einen Besuch im Wachs-Konzentrationslager war demnach extra Eintritt zu bezahlen.

Spionin im Kindergarten

Der fotografische Nachruhm von Suschitzkys Schwester Edith Tudor-Hart wird heute von dem Umstand überstrahlt, dass sie sich nach dem Krieg als Spionin betätigte und dazu beitrug, Pläne der US-Atombombe an die Russen zu übermitteln. Zuvor war sie allerdings Kindergärtnerin und studierte die Lehren der Alternativpädagogin Maria Montessori: Ihre Bilder von britischen Erziehungsheimen, die in Salzburg zu sehen sind, vermitteln die Hoffnung auf eine Abkehr von der militarisierten Erziehung. In der Betonung der Menschlichkeit und Individualität berührt Tudor-Harts Perspektive jene ihres Bruders.

Wie die Ausstellung im Fotohof belegt, blieb Suschitzky seinem Dokumentarstil über Jahrzehnte hinweg treu. Ebenso konsequent verfolgte er die Praxis, die besten Kontaktabzüge seiner Erkundungen auszuschneiden und die 6 x 6 cm großen Bilder in „Kontaktbüchern“ zu sammeln. So lassen sich Rückschlüsse ziehen, wie der Fotograf Themenstränge über die Zeit hinweg verfolgte, erklärt Fotohof-Kurator Kurt Kaindl, der neben den Büchern die leicht angegilbten, von Suschitzky womöglich im Hinblick auf Ausstellungen großformatig ausgearbeiteten Original-Abzüge zeigt.

Der Hinweis auf solche Materialqualitäten erscheint angebracht, weil das Mönchsberg-Museum wegen aktueller Einschränkungen des Leihverkehrs in manchen Kapiteln seiner Schau – etwa jenem über Walter Trier, den Illustrator von Erich Kästners Kinderbuch-Klassikern – nur Faksimiles zeigen kann. Das macht die Ausstellung nicht weniger informativ – doch wenn das Original fehlt, geht doch ein wichtiges Element des Musealen verloren. Es möge nicht dauerhaft Opfer der Corona-Krise werden.

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