Wissen und Gesundheit
28.03.2017

KGB-Agentin aus Wien: Wer war Edith Tudor-Hart?

Lange blieb die KGB-Agentin Edith Tudor-Hart unentdeckt. Jetzt begibt sich ein neuer Film "Auf Ediths Spuren".

Alles begann 1990, als ein gewisser Wassili Nikititsch Mitrochin in den Westen überlief. Im Gepäck hatte der KGB-Oberst Tausende Seiten Akten: Abhörprotokolle von Henry Kissinger; Unterlagen, wie die Sowjetunion an die US-Raketensysteme "Peacekeeper" sowie "Tomahawk" kam; und, wer für die Kommunisten spioniert hatte. Einer der Namen Edith Tudor-Hart, alias Stellarpfeil.

Die gebürtige Wienerin – Mädchenname Suschitzky – kannte man bis zu diesem Zeitpunkt nur als Fotografin, die das Elend der 1930er-Jahre in Wien und London dokumentierte. Selbst die Verwandtschaft wusste nichts über ihr Doppelleben. Doch jetzt war Peter Stephan Jungks Neugier geweckt. Ediths Neffe zweiten Grades ist Schriftsteller und begann in Archiven zu recherchieren, Zeitzeugen, Ex-Agenten und Verwandte zu befragen. "Viele Jahre schwerster Arbeit", sagt Jungk im KURIER-Interview. "Ursprünglich dachte ich, ich würde in Moskau alle Akten einsehen können. Acht Jahre lang habe ich gekämpft." Vergeblich, er lacht resignativ. Auch beim Österreichischen Staatsarchivs hatte man ihm geraten, die Finger davon zu lassen: "Frau Tudor-Hart war eine sowjetische Agentin, die Russen mögen das absolut nicht, dass man in ihren Geheimnissen herumwühlt."

Buch und Film

Trotzdem erschien 2015 Jungks Buch "Die Dunkelkammer der Edith Tudor-Hart". Am Freitag kommt sein Dokumentarfilm "Auf Ediths Spuren" ins Kino – die wahre Geschichte jener Frau, die Agentin des sowjetischen Geheimdienst KGB war, für den sie den "Jahrhundertspion" Kim Philby anwarb, und die maßgeblich beteiligt war, dass Russland kurz nach dem Zweiten Weltkrieg in den Besitz der Atombombe kam.

Doch von Anfang an: Edith Suschitzky, geboren 1908, war das Kind sozialdemokratischer Eltern. Man las Marx sowie Lenin und betrieb in Wien-Favoriten eine Buchhandlung. Mit 16 ging Edith nach London, um sich bei Maria Montessori zur Kindergärtnerin ausbilden zu lassen. Zurück in Wien: Die erste große Liebe – Arnold Deutsch war Chemiker, Verleger und kommunistischer Agent. Als er nach Moskau abkommandiert wurde, schenkte er Edith, die mittlerweile selbst Parteimitglied war, eine Rolleiflex-Kamera.

Die Arbeiter-Fotografin

1928 begann sie ihr Studium am Bauhaus Dessau und wandte sich der Arbeiterfotografie zu – Streiks und Hungermärsche wurden ihre Motive. Mit 23 wurde Edith Österreich-Korrespondentin der sowjetischen Nachrichtenagentur Tass. Mit Dollfuß’ Machtübernahme 1933 kam das Verbot der KPÖ. Edith wurde festgenommen. Nach der Untersuchungshaft lernte sie bei ihrer besten Freundin Lizzy Friedmann, ebenfalls eine glühende Kommunistin, deren Untermieter kennen – Kim Philby, Cambridge-Absolvent aus großbürgerlicher Familie, der sich vom Kommunismus angezogen fühlt. Sie mochte den junge Mann, war aber mit dem britischen Medizinstudenten Alexander Tudor-Hart verlobt, den sie wenig später heiratete und nach London begleitete. Dort traf sie ihre Jugendliebe Arnold Deutsch wieder. Und Kim Philby, inzwischen mit Lizzy verheiratet, der unbedingt in die Kommunistische Partei eintreten wollte. Edith brachte Arnold und Kim im Regent’s Park zusammen. Gemeinsam überzeugten sie Philby, dass er, der Großbürger, dem Kommunismus besser nützen könne, wenn er draußen bliebe, beim Staat Karriere machte und die Kommunisten mit Informationen versorgte.

Rekrutieren für die legendären "Cambridge Five"

Der Plan ging aufPhilby rekrutierte vier Studienkollegen, die als "Cambridge Five" bis in die 1960er-Jahre Infos an die Sowjets lieferten. Philby selbst arbeitete ab 1941 im Auslandsgeheimdienst MI6, der Spione aufspüren sollte, also Leute wie ihn selbst. Gleichzeitig verriet er West-Agenten, die im Osten eingesetzt waren. Nach Kriegsende wurde der "Jahrhundertspion" sogar Leiter der britischen Spionageabwehr. Neueste Enthüllungen belegen, dass Anthony Blunt, einer der "Cambridge Five" über Tudor-Hart sagte: "Sie war die Großmutter von uns allen." "Sie dürfte also", glaubt Großneffe Jungk, "noch wichtiger für die Spione gewesen sein, als ich bisher dachte." Privat lief es für Edith Tudor-Hart dagegen nicht rund: 1936 trennt sich ihr Mann von ihr – nachdem der gemeinsame Sohn Tommy psychisch krank geboren worden war.

Bombeninfos

Edith Aktivitäten beschränkten sich, soviel geht aus den bisher bekannten Akten hervor, nicht auf Philby. Sie belieferte die Sowjets auch mit Material, das sie von Engelbert Broda erhielt. Der Bruder des späteren Justizministers Christian Broda war emigrierter Physiker, Kommunist und an Englands Atomforschung beteiligt. "Sie war die Brücke zwischen Broda, der übrigens ihr Liebhaber war, und dem sowjetischen Geheimdienst. Heute wissen wir, dass Broda einer der fünf wichtigsten Atomspione war", sagt Jungk. Edith und Engelberts Aktivitäten waren der Grund, warum die UdSSR schon 1949 im Besitz einer Bombe war – einer exakten Kopie der amerikanischen. Broda wurde zeitlebens nicht enttarnt.

Unter Verdacht

Anders als Edith: Sie wird von der britischen Spionageabwehr intensiv überwacht, berichtet der Historiker Dieter Bacher, der 2012 in die Akten in London Einsicht nehmen konnte. "Ihre Briefe wurden abgefangen, das Telefon wurde abgehört, die Wohnung durchsucht." Beweise fand man nicht. Dennoch steht auch für Bacher fest, dass sie vielleicht nicht Spionin, aber sicher "Kurierin war, die Informationen von A nach B gebracht hat. Tudor-Hart hat "aus ideologischer Überzeugung gearbeitet". Jungk glaubt, "dass es in diesen Jahren keine andere Möglichkeit als den Kommunismus gab, um gegen den Faschismus zu kämpfen." Igor Prelin, Ex-KGB-Offizier, sagt jedenfalls in Jungks Film: "Edith war nicht die einzige, die aus Idealismus und ohne Bezahlung gearbeitet hat. Praktisch das gesamte Netzwerk des sowjetischen Aufklärungsdienstes diente der Sowjetunion aus rein ideologischen Gründen. Alle Antifaschisten."

Gebracht hat Edith ihr Engagement nichts: Obwohl ihr die Briten nichts nachweisen können, wurde ein Berufsverbot über die Fotografin verhängt. Immer am Rande des Existenzminimums, starb sie 1973 in einem Heim für mittellose Krebskranke. Neffe und Biograf Jungk: "Wenn man die privaten Katastrophen dazu zählt, war es eigentlich ein tragisches Leben. Gleichzeitig war sie wohl auch ein bisschen stolz, dass sie in der Weltgeschichte mitgemischt hat. "