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Kultur
04/05/2020

Fortsetzungsroman von Thomas Raab: Neurosen und Altlasten

Der bekannte österreichische Autor Thomas Raab hat im KURIER einen täglichen Fortsetzungsroman geschrieben. Hier nun im Gesamten.

Liebe Leserinnen und Leser.

Vor drei Tagen hat mich Gert Korentschnig, stellvertretender Chefredakteur des KURIERs, angerufen und mir begeistert einen Köder zugeworfen, den ich aus Gründen der Vernunft nie und nimmer hätte annehmen dürfen. Gerade die Vernunft muss nun mehr denn je treibende Kraft sein, uns zuhause halten, das Leben wie es ist gestalten, das Leben wie es war hinterfragen, und das Leben wie es eines Tages sein könnte neu erfinden. Durch Venedig schwimmen keine Dampfer mehr, sondern Delphine. Nichts wird und darf wieder werden, wie zuvor.

Trotzdem muss so ein Mensch auch ein bisschen unvernünftig bleiben dürfen, Grenzen überwinden. Wir würden uns sonst heut noch vor dem Feuer fürchten, hätten nie die Schokolade erfunden, mit oder ohne ganze Nüsse, ja und überhaupt die Liebe? Unvernunft in Reinsubstanz. So entsteht Leben. Genau darum hab„ ich dann doch Ja gesagt. Lassen Sie uns also ein bisschen unvernünftig sein, verrückt, spinnen, auch im Sinne von Anfertigen. Von Wohnzimmer zu Wohnzimmer. Von meinem Schreibtisch direkt zu Ihnen. Es ist nur ein Spiel. Ein Seiltanz ohne Netz.

Ich fang eine Geschichte an, einen Roman vielleicht, unberechenbar, so wie eben grad auch die Gegenwart, ohne Wissen um den Ausgang, ohne die Chance zurückzuarbeiten, vielleicht kommt mal eine Corinna darin vor, aber garantiert kein Corona, vielleicht kommen wir dadurch für ein paar Zeilen auf andere Gedanken. Das Schöne an der Freiheit des Schreibens ist die Freiheit. Und ich vermute, so ist es auch mit unserem Leben, denn für all jene Purzelbäume, die in Ihren Köpfen geschlagen werden, während Sie zuhause sitzen, gibt es wahrscheinlich gar keine Worte, und hoffentlich auch keine Grenzen.

1 Czerny auf dem Jangtsekiang

Als Rudolf Pschemisl an diesem Sonntagmorgen seine Schlafzimmervorhänge zur Seite schob, hätte sich die Welt von ihrer besten Seite gar nicht schöner zeigen können. An den Glasscheiben der alten, doppelflügeligen Holzfenster waren über Nacht büschelweise Eisblumen emporgekrochen. Erstaunlich gleichmäßige, vielversprechende Gewächse.

Blüten des Frosts. Inmitten des Frühlings.

Für Rudi Pschemisl ein Grund zur Freude, fast so schön, wie Paragleiter in Hochspannungsleitungen. Glück gehabt.

Ja, Glück, die reinste Ansichtssache. Diese unbekannte Größte. Was wusste er auch schon groß darüber? Wie es sich schreibt, spricht und natürlich wie es in den Gesichtern der anderen aussieht, wenn es gefunden und dann wieder verloren wurde. Immer gleich. Nur Grimassen. Was also ist Glück? Keine Ahnung. Eisblumen jedenfalls waren ihm ein recht passabler Ansatz. Wie Schneemänner. Von der Sonne beschienen gehen sie ein.

Mit einem Jucken in der Nase musste Rudi Pschemisl sogleich an seine längst zu Staub verfallene Großmutter denken, an das Blumenmuster ihrer hässlichen barocken Wohnzimmertapete, das Blumenmuster ihre Polstermöbel, ihrer Kissen, das Blumenmuster ihrer Teppiche, Tischdecken, das Blumenmuster ihrer knöchellangen Hauskleider, Schürzen – oh Geburtsklinik jeder chronischen Pollenallergie. Sogar den schweren Honigduft ihrer stets auf Hochglanz polierten Vollholz-Möbel konnte er plötzlich wieder riechen, das muffige Bukett des Konzertflügels, altes Holz, Metall, Filz, Elfenbein, und natürlich die Pschemisl-Oma selbst. Rosenwasser, Nagellack, Wodka und Dreiwetter-Taft.

Wenn irgendwo auf dieser Welt das Ozonloch seinen Anfang genommen haben soll, dann wohl direkt über den aufgesprühten Dauerwellen seiner Großmutter.

„Du sollst im Wohnzimmer nichts angreifen, außer die Tasten! Verstanden! Und jetzt weiter mit Übung 22. Molto allegro.“

Czerny. Schule der Geläufigkeit.

Dort das Böse in Notenformat. Neben ihm jedoch Fleisch geworden: Adolfine Pschemisl. Der Ersatz seiner früh verstorbenen Eltern. Das Fest, die Alkoholiker, der Autounfall.

Zehn Jahre war er alt.

„Wir gehen heut’ tanzen, Rudi, und bringen dich vorher zur Omi!“

„Nicht Omi, sondern Großmutter!“ Ein gewaltiger Unterschied ist das. Abgeholt wurde er dort jedenfalls nie wieder. Bis eines herrlichen Tages der Wodka die Pschemisl-Oma derart stolpern hat lassen, da war ihr dann der Czerny und die ganze Geläufigkeit auch keine große Hilfe mehr. Molto allegro. Wenigstens das.

Und nun dies.

Kälte

„Na bitte!“ öffnete Rudolf Pschemisl sein Fenster, atmete die Kälte ein – und sah sich dankbar um.

Frost. Das Flugfeld jedes Zweiradfahrers.

Frost. Die Stunde der Wahrheit aller Hobbygärtner.

Frost. Der in Richtung grünem Daumen gestreckte Mittelfinger.

Guter Freund. Keine einzige, der viel zu früh ins Freie gesetzten Pflanzen würde diese Nacht wohl überlebt haben. Basilikum, Koriander, Petersilie, Erdbeeren, Lavendel, Zitronenbäumchen, Oliven, Feigen, Geranien, Fuchsien, Petunien, und so weiter... Auf Wiedersehen. Alles hin.

Ja, Rudolf Pschemisl litt. An dieser Veränderung. In seinem Haus, seiner Gasse, seinem Viertel. Seit ein ganzer Haufen Mittelständler dieses Grätzel hier für sich entdeckt hat, war nichts mehr übrig von den alten Zeiten. Vollbärte, Herrenringe, Männer mit langen Haaren, Geschäftsfrauen, Damen mit Kurzhaarschnitt, Kinder, die ihre Eltern Silke nennen oder Josef.

Der einst so ehrlich, unverfälscht vom Leben entstellte Innenhof, mit seinen grauen kahlen Mauern, seinen leeren Balkonen nicht mehr wiederzuerkennen. Maximal ein paar Topfpflanzen und Kakteen wurden einst hier heraus abgeschoben, um den aussichtslosen Kampf gegen ihr Verdursten anzutreten. Selbst der sonnenhungrigste Mensch wäre nie und nimmer auf die Idee gekommen, sich der Trostlosigkeit dieser Umgebung auszusetzen – ein paar aus dem Wohnzimmer verbannte Raucher ausgenommen, und die schlimmen Kinder natürlich.

Alles Geschichte. Vergangenheit. Die Gegenwart sah nun anders aus. Haufenweise Leut’, die von Balkon zu Balkon plaudern, bis spät in die Nacht zwischen ihrem Grünzeug und Lichterketten hocken, Bier aus Flaschen trinken, Wein aus Gläsern, Prosecco aus Dosen. Aktuell in dicke Jacken gehüllt, im Sommer dann halbnackt, die alleinstehende Morawetz drüben auf Türnummer 12 sogar ganz. Zwar mit Sichtschutz, nur hört ja die Morawetz längentechnisch im Gegensatz zu ihrem Balkongeländer nach einem Meter nicht auf. Masse und Schwerkraft in Hülle und Fülle.

Und will sich ein Rudolf Pschemisl das alles ansehen müssen? Nein, will er nicht. Will er es hören müssen? Schon gar nicht. Und am allerwenigstens will er es riechen.

Er will aus dem asphaltierten Innenhof mit seinen Steinwänden, seiner einsamen Teppichklopfstange und den paar Mülltonnen keine Spielwiese mit Schaukel und Sandkiste herauswachsen sehen, oder gar Gemeinschaftsgemüsebeete. Er will nicht zusätzlich zu den Erwachsenen auch noch die Kinder brüllen hören zwischen ihrem Pflückpaprika und den Stachelbeeren. Allein beim Gedanken an Blumen, Blüten, Staub und Bienen schwellen ihm die Augen an, rinnt ihm die Nase, auch wenn kein Allergiezentrum dieser Stadt je irgendetwas anderes bei ihm festgestellt haben will, als: „Sie sind jetzt das vierte Mal in einem Monat hier, Herr Pschemisl. Vielleicht versuchen Sie es einfach in einem Zentrum für Hypochondrie, die finden sicher was!“

„Menschenallergie!“ war sein Abschiedsgruß. Alles Idioten.

Rudolf Pschemisl will einfach seine Ruh. Vor allem abends.

„Na dann!“ sah er sich an diesem Sonntagmorgen noch einmal um. Stille. Hinter keinem der hofseitig gelegenen Fenster und Balkontüren brannte auch nur ein Lichtlein. Alles noch in den Betten. Logisch, wenn bis weit nach Mitternacht gesoffen und gelärmt wird!

Gemächlich zog Rudolf Pschemisl seine Vorhänge wieder zu, ließ die Fenster natürlich offen, kroch in sein Bett zurück, blickte auf den Wecker, 5 Uhr 28, nahm die auf dem Nachtkästchen liegenden Kapselgehörschützer zur Hand, mit ihrem breiten Bügel und handflächengroßen Schalen, spannte sie über seine Ohren, den Blick erwartungsfroh zur Decke gerichtet, auf diesen Riss, der sich da in jüngster Zeit von der einen in die andere Ecke schlängelte.

Rhein, Donau, Wolga. Egal.

„Noch zwei Minuten!“ flüsterte er. Wie ein Bauarbeiter sah Rudi Pschemisl wohl aus, ein Techniker in der Boxenstraße, ein Astronaut. Abheben und losstarten aber würden gleich alle anderen.

„Ist der Wecker auch schön laut?“ wollte er kürzlich in einem Elektrogroßmarkt nach endloser Suche wissen. Suche nach dem Verkäufer natürlich.

„Ja, mein Herr sehr laut! Ein Model für Schwerhörige eben.“

„Also laut genug!“

Lebewohl, Trommelfell

„Ist immer eine Frage wofür? 100 Dezibel wäre Kategorie Kreissäge, 105 ein Formel-1-Wagen bei 30 km/h, 110 ein Rockkonzert, 120 die Schmerzgrenze, alles darüber Lebewohl Trommelfell! Der Wecker schafft sportliche 110.“ Der Verkäufer kannte sich also aus.

„Und wie lange läutet das Ding!“

„Bis Sie es abschalten! Nur ganz ehrlich: Mir kommt es jetzt nicht so vor, als ob Sie so ein Gerät überhaupt nötig hätten. Der Wecker reißt eine ganze Kompanie aus dem Schlaf. Da gäbe es schon deutlich angenehmere Modelle!“

Angenehm! Na, soweit kommt’s noch. Angenehm ist die kleine Schwester der Trägheit, der Rücksichtslosigkeit. Und damit musste nun Schluss sein.

Gleich war es soweit.

„21, 22, ...“ begann Rudolf Pschemisl folglich leise die letzten drei Sekunden herunterzuzählen, in diesem Fall natürlich hinauf. Als Countdown war es aber trotzdem gedacht. Ein leichtes Grinsen legte sich auf seine Lippen, und sein Puls an Tempo zu. Was bleibt ihm auch anderes übrig, wenn es auf Erden doch keine andere ausgleichende Gerechtigkeit gibt als so ein bisschen Schadenfreude. Gleich würde der Riss an seiner Zimmerdecke ein Stück weiterwachsen. Mississippi, Kongo, Jangtsekiang.

„23, ...“, auf seine innere Uhr war schließlich Verlass – wenn auch nicht auf die Sekunde genau. „24, 25, ...!“ Bis 30 musste er weiterzählen, gestern bis 37, vorgestern nur 27.

Dann aber wurde es Zeit.

5:30 Uhr. Tagewache.

Eins zu eins

Von solch einer Verlässlichkeit, wie ihn der Pschemisl-Wecker regelmäßig an den Tag legte, kann Volkswagen nur träumen. Denn die technischen Angaben der Betriebsanleitung entsprachen 1:1 dem tatsächlichen Schadstoffausstoß. In diesem Fall zwar nur akustisch, die reinste Umweltverschmutzung aber war es trotzdem. Ohne Gehörschutz wäre Rudi Pschemisl jedenfalls genauso derrisch geworden, wie er seine Mitmenschen von sich hat glauben lassen. Hinterfotzig natürlich, so ein Vortäuschen falscher Tatsachen, und doch ungemein befreiend. Denn wenn die Leut’ glauben, du hast es mit den Ohren, quasseln sie direkt neben dir, als ob du gar nicht da wärst, und zack, hörst du erst so richtig gut. Die größten Ungeheuerlichkeiten, Kabarett vom Feinsten, oder den ärgsten Stuss. So zumindest die Pschemisl-Theorie. Gut, Idioten gibt es, die lassen sich dabei sogar filmen, und dann zack zack zack.

Mannerschnitten, Schwedenbomben, Schokobananen! ging es Rudolf Pschemisl in seinem Bett liegend nun durch den Kopf. Nichts anderes war in seinen Augen der Mensch an sich. So vorhersehbar. Die Packung öffnen und haargenau wissen, was einen erwartet. „Alles Schnitten, Bomben und Bananen!“, flüsterte er vorfreudig in sich hinein und begann so wie jeden Tag zuvor neuerlich zu zählen: „21, 22, ...“

Magisches Monster

Wie lange würde es heute wohl brauchen, um nach Einsetzen des schrillen Läutens die ersten Stimmbänder vibrieren zu lassen? Wieder ein paar Sekunden kürzer? Gestern waren es Zehn, bis dieses herrliche Crescendo seinen Lauf nahm. Von „Ruhe!“ über „Kann sich der Typ keinen Schlaganfall einfangen“ bis „Ich bring ihn um!“ war wieder alles dabei. Rudolf Pschemisl hätte sein magisches kleines Monster also gar nicht erst nach boshaften fünf, sondern bereits einer lächerlichen Minute abdrehen können, denn mittlerweile weckte sich der Wohnblock ohnedies von selbst. „Pschesischel! Ich bitte Sie! Es ist Wochenende!“, „Das bringt nichts Josef, der Psemischl hört dich nicht!“

„Solche Deppen. 23, 24, ...!“

Ja, direkt einen Spaß hatte Rudi Pschemisl die letzten Tage. Nicht einmal seinen Namen konnten sich die Blindgänger merken, von richtig Schreiben ganz zu schweigen: Přemysl. R mit Hatschek also, ein stimmhaftes SCH. „Pschemisl, nicht Psemischl. Oder bin ich ein K&K, ein kaiserlicher Köter!“ Ja Köter, denn Psem wäre im Polnischen der Hund und Ischl Europäische Kulturhauptstadt 2024. Ischgl hingegen das Sodom und Gomorra des Jahres 2020.

Logisch war Rudi Pschemisl also auch an diesem Morgen höchst gespannt: „Was wird es heut wohl werden. Pschissl? Schüssel? Psemschl? 25, 26, 27...!“ Gutes Leben.

Bei „45!“ wagte er ein erstes unsicheres Anheben seiner Ohrenschützer: Vielleicht hört er den Wecker ja schon chronisch, sprich ohne ihn überhaupt aktiviert zu haben. Doch nein. Alles bestens. Lauter geht es nicht. Möglicherweise hatten sich die Damen- und Herrschaften gestern ja noch ins Koma gesoffen. Also Geduld, Geduld. Wird schon werden. Wie gesagt, die Vorhersehbarkeit.

Pischinger-Ecken, Krachmandeln, Kokoskuppeln, gleich geht’s los.

Bei „81!“ wurde Rudolf Psemischl bewusst, wie verdammt lang so eine lächerliche Minute sein kann, ohne sich dafür extra in Rückenlage unter eine Büffelherde begeben zu müssen, oder in Bauchlage mit kaputtem Fallschirm über das Wiener Becken. Nach Minute 2 stand er auf, schob die Gehörschützer ein Stück nach hinten, ging in seinem Schlafzimmer hin und her, angespannt. Irgendetwas stimmt hier nicht? Keine einzige Regung war zu hören, keine Schreierei im Innenhof, kein Brüllen unter ihm, kein Klopfen über ihm. Der Riss in seiner Decke unbewegt, sein Jangtsekiang der Neusiedlersee.

Um 5:33 beendete er den Höllenlärm seines Weckers, öffnete zaghaft die Vorhänge, sah sich um. Von Balkon zu Balkon. Nichts. Keine Menschenseele, nur diese Stille, genauso wie sie Rudi Pschemisl sonst so schätzt. Sah hinab in den Hof, schob zu diesem Zweck seinen Kopf ein Stück aus dem Fenster hinaus, und ruckzuck wieder zurück, so schnell, nur noch das Davongleiten seiner Gehörschützer konnte er spüren, den dumpfen Aufprall auf dem Asphalt des Innenhofes hören, den Nachhall. Dazu der Druck in seinen Schläfen, seinem Brustkorb. Und nur ein Gedanke schoss ihm dabei durch den Kopf: „Meine Tabletten, ich brauch meine Tabletten!“

Den Bach hinunter

Für jeden anderen Hausbewohner wäre dieser Anblick wohl keine große Besonderheit gewesen, Rudi Pschemisl aber wusste weder weiter, noch konnte er umhin, dem ersten Drittel seiner Täglichen Zwölf umgehend das obligate Stamperl Buer-Lecithin folgen zu lassen, diesmal allerdings verlängert mit einem Schuss Wodka. Ungesund natürlich. Schließlich verstand er unter diesen Täglichen Zwölf schon längst keine Aneinanderreihung irgendwelcher Turnübungen mehr – Kniebeugen, Strecksprünge, Liegestütze ... – sondern das Öffnen seines Tablettenspenders.

4 morgens. 4 mittags. 4 abends. Für seine Prostata, gegen die Hypertonie, für seinen Serotonin-Spiegel, gegen die Verstopfung, für seine Manneskraft, gegen die Blutgerinnung, usw., usf.

Wie das Leben eben ein Für und Wider.

Anders jetzt. Nur ein Wider. Zuwider sogar.

Plastikmäuler

„Das kann doch nicht sein?“, trat er mit Feldstecher in der Hand an sein Fenster, sah neuerlich in den Innenhof, und tatsächlich. Eine der Mülltonnen streckte ihm die Zunge entgegen. Rot, ausgefranst und handgeknüpft. Voll Verachtung. Gegenseitiger natürlich. Denn er mochte sie noch nie, diese monströsen Behälter mit ihren breiten gefräßigen Plastikmäulern, ihren dunklen Schlünden, groß genug, um wahrscheinlich fünf ganze Pschemisl auf einmal zu verschlucken. Deckel auf, Dreck hinein, Deckel zu. Ja, Angst machten sie ihm. Seit jeher. Als wären sie die Vergegenständlichung des schlechten Gewissens. Sehen, was der Mensch so alles wegschmeißt, um eines Tages selbst Teil davon zu werden. Rudolf Pschemisl vermied Müll, so gut es ging, und wenn, dann wanderte er auf seine Minimalgröße reduziert draußen auf die ganze Stadt verteilt in diese kleinen, gefälligen Behälter.

Anders jedoch zu Lebzeiten seiner Großmutter: „Trag endlich den Mist runter, du weißt ganz genau, ich hab’s mit den Beinen!“

„Aber, aber, ich fürcht’ mich so im Hof!“

„Na dann kannst du dich ja mit dem Teppichklopfer bewaffnen, gleich den Perser mitnehmen, und auf der Stange ausklopfen, du weißt doch, der Staub bringt mich sonst um!“ Nicht der Staub.

Und nun das! Seine Großmutter war doch längst tot, hatte sich schon vor fünf Jahren ganz genau hier, in ihrer, und nun seiner Wohnung selbst zum Teufel geschickt. Gestolpert. Über den hässlichen, handgeknüpften, ausgefransten Blumenmuster-Teppich, den ihr Rudi Pschemisl zu diesem Zwecke extra in dezente Falten geschoben hatte, unmittelbar vor den spitzen Ecken und scharfen Kanten ihres stets polierten Esstisches. Lachhafte kleine Bodenwellen, zu groß jedoch, um Adolfine Pschemisl darauf reiten zu lassen. Oder gar tanzen. Denn selbstverständlich saß ihr braver und gehorsamer Enkelsohn Rudolf währenddessen an den Tasten.

„Du sollst üben, hab’ ich gesagt!“ Johann Sebastian Bach. Das Wohltemperierte Klavier, Band I. Präludium No.6 in d-Moll. Bearbeitet von Carl Czerny höchstpersönlich. Großmutters Liebling. Schwungvolle Triolen, von Rudi Pschemisl in einem Tempo wiedergegeben, da konnte es die werte Adolfine nur noch verdammt eilig haben. „Langsamer, langsamer, du hetzt! Allegro moderato!“ Wie ein Wirbelwind stürmte sie erwartungsgemäß aus ihrem Schlafgemach ins Wohnzimmer: „Und sitz nicht so buckelig. Entsetzlich schaut das aus. Niemals wird ein Pianist aus dir. Gar nichts wird aus dir. Verstehst du! Nichts. Kein Applaus!“

Und aus. Der Teppich ein fliegender, in gewisser Weise.

Niemals zuvor hatte Rudolf Pschemisl die auf dieses Präludium folgende Fuge mit einer derartigen Inbrunst, ja Liebe gespielt. Den Kontrapunkt so genossen. Denn während seiner Großmutter die Stimme versagte, nahm seine eigene immer mehr Gestalt an, wurde die Fuge eine auch im bautechnischen Sinn. Die Leere, der Spalt, zwischen seiner Vergangenheit und Zukunft. Alles hatte er danach weggeschmissen. In die Mülltonnen des Innenhofes geworfen. Die Teppiche, Kissenüberzüge, Tischdecken. Die Tapeten heruntergerissen. Keine Blumen mehr. Nie wieder. Die Möbel abgeholt, das Klavier verkauft. Der Hof ein steinerner Schaugarten. Von ihm seither unbetreten. Und jetzt streckten sie sich wie Klauen aus der Unterwelt zu ihm herauf: Das Züngeln der Mülltonne, sprich der Teppich seiner Großmutter. Der hinabgesegelte Gehörschützer. Dazu die Ignoranz seines Weckers, das Fehlen jeglicher Beschwerde, diese unerwartete Stille. Rudi Pschemisl war verzweifelt. „Was soll ich jetzt bloß tun, was soll i-!“

Dann konnte er doch noch etwas hören. Aus dem Innenhof drang es zu ihm herein. Triolen, Allegro moderato.

Bach. Präludium No.6.

FSK 18

So ansatzlos können sich die Dinge ändern. Und rasant. Vor wenigen Minuten erst lag Rudi Pschemisl in seinem Bett, Herr über Raum und Zeit, der Innenhof sein Reich, die Anrainer seiner Willkür und seinem Wecker ausgeliefert. Nun aber war alles anders, der Spieß umgedreht. Nur warum? So ein Haufen Nachbarn kann sich doch nicht über Nacht in Luft auflösen. Was also war da los? „Denk nach, denk nach!“ marschierte er wie ein Panther hinter Gittern in seinem schwarzen Flanell-Pyjama und schwarzen Lederschlapfen durch seine komplett mit Filmplakaten tapezierte Wohnung. Immer die gleiche Runde. Den großflächig verlegten Vinylboden in Zementfliesenoptik entlang. Und mit jedem Schritt stellte sich Klarheit ein: „Die Morawetz. Wer sonst?“ Wäre ja nicht das erste Mal.

Hat dieses unsägliche Frauenzimmer auf Tür Nummer 12 also wieder ordentlich zugelangt. Diese Nudistin, getrieben von dem ständigen Ansinnen, auch jeden anderen bloßzustellen. Denn wer hier in den Innenhof kam, um seinen Mist zu entsorgen, konnte sich sicher sein; kaum ist die Luft wieder rein, schleicht die Morawetz hinterher. Mülltonnen durchwühlen, und weiß der Teufel was alles wieder mitnehmen, alte Lampenschirme, Kleiderhaken, Ledertaschen mindestens. Wahrscheinlich also hatte sie all die Teppiche, Kissenüberzüge, Tischdecken seiner Großmutter herausgezerrt und nun hauste sie damit. Pfui Teufel. Seit fünf Jahren schon ging er ihr aus dem Weg. Zu Recht.

Herumschnüffler

„Wirklich, Herr Pschemisl! Das tut mir aber leid mit Ihrer Oma. Und sie ist wirklich gestürzt und war allein zu Hause? Die Arme! Dabei hab ich die gute Adolfine sogar noch Klavier spielen gehört, irgendwas von Bach, und viel schlechter als sonst. Hat sich fast nach Ihnen angehört, hahaha. Wo wird sie eigentlich beerdigt?“  „Verteilt auf die ganze Stadt, hahaha!“ hätte er ihr gern geantwortet. „So wie Leut’, die nicht aufhören können, herumzuschnüffeln!“ Und zu diesem Zeitpunkt war ihm der Wunsch noch Vater eines gar wunderbaren Gedankens. Wie gesagt, er mochte sie eben, all die kleinen Mistkübeln mit ihren gefälligen Behältern. Viel mehr aber war ihm die ergiebige Hinterlassenschaft seiner Großmutter ans Herz gewachsen, da konnte er die Fragerei der Renate Morawetz wirklich nicht gebrauchen.

Wovon sonst hätte er denn leben sollen? Von seiner kleinen Videothek? Wozu noch Horror- und Actionfilme, Perlenvorhänge und das dunkelrote Nebenkammerl? FSK 18 spielt sich doch längst in den eigenen vier Wänden ab. Gewalt im Wohnzimmer, Turnübungen im Schlafgemach, Ergotherapie vorm Computer. Wer braucht heut noch Videotheken?  Die endgültige Sperrstunde stand ihm also unmittelbar bevor, so wie längst all seinen Kollegen. Elende Streamingdienste, fehlte nur mehr einer von Disney. Elendes Internet. Elende Tabletts. Elende Handys – „Handy!“ wurde ihm nun klar „Logisch!“ Nur eine Möglichkeit gab es für diese im Innenhof ausgebrochenen Zustände: Ein Komplott, bestehend aus dem Teppich, dem Präludium Nr. 6 und diesem Schweigen. Wahrscheinlich gab es die Gruppe namens: Wir tunken den Pschemsil ein! Abgesprochen mussten sich alle haben, hundertprozentig. Dieser ganze, bis zum Gipfel der Dummheit Saccharose-verseuchte Haufen. Zuckerberg, Zuckerberg, Zuckerberg. Facebook, Instagram, WhatsApp. Alle schwer geschädigt, dagegen ist sein Diabetes der reinste Schnupfen.
In den Hof also wollte man ihn locken, bloßstellen, wahrscheinlich würden sie, kaum tritt er ins Freie, alle auf ihre Lichterketten-Balkone kommen, zu ihren erfrorenen Pflanzen, mit ihren selbstgemahlenen Siebträger-Espressos in der einen Hand, alles Pseudo-Baristas, ihren Handys in der anderen, stumm, ihn filmen aus allen Richtungen, und diese Videos als finale Gemeinheit ins Internet stellen. „Aber nicht mit mir!“ wusste Rudi Pschemisl sofort, was zu tun sei. Nämlich das Gegenteil. Schwindelfrei war er ja, und droben auf dem Dach, der Sendemast über die Feuerleiter gut erreichbar. 4G, Ade.

Nur leider ...

König Ottokars Glück und Ende

Als Nathalie Schweiger nun schon zum dritten Mal an diesem Tag mit wild schlagendem Herzen vor der geschlossenen Glastür stand, „Tatsächlich Liebe“ in ihrer Handtasche, begann sie sich ernsthaft Sorgen zu machen. Noch nie in all den Jahren war hier ohne entsprechende Beschilderung während der regulären Öffnungszeiten geschlossen. „Komm gleich wieder“, stand dann in fein säuberlicher Handschrift an der Scheibe, oder „Ich bin bis ... auf Urlaub und wünsche Ihnen eine gute Zeit, Ihr Rudolf Pschemisl.“

Klein, geometrisch gleichmäßig, mit schwachem Druck geschrieben. Ein schüchterner, in sich gekehrter Charakter also, ein sparsamer, sorgfältiger Mensch. So wie sie selbst einer war. Dazu die so besondere Linksneigung der Buchstaben, als Hinweise für das Verborgene, die unterdrückten Gefühle, den Wunsch nach Zurückgezogenheit.

Es war genau dieses Schriftbild, „Liebesfilme heute zum halben Preis“, das Nathalie Schweiger eines Tages im Vorübergehen aufmerksam werden und durch die Glasscheibe hat blicken lassen. Auf ihn. Diesen zweifelsohne unsportlichen, gemütlichen Herren mittleren Alters. Zwischen seinen Leihfilmen saß er auf einem einfachen Holzstuhl und las Zeitung. Es war der 14. Mai des Jahres 2017. Ein Sonntag. Die roten Herzen auf der Titelseite unübersehbar.

Sieg der Liebe

Muttertag. Dazu die Schlagzeile: „Sieg der Liebe!“ Denn der Portugiese Salvador Sobral hatte am Abend zuvor mit einem unmöglich nachzusingenden Lied den 62. Eurovision Song Contest in Kiew gewonnen. „Amar pelos dois“ so der Titel. Liebe für Zwei. All jene Teile ihres Körpers, die eine deutlichere, an sie selbst gerichtet Sprache gar nicht hätten sprechen können, gerieten da in Wallung. Ein ganzer Chor innerer Stimmen, auf dass ihr tiefes Sehnen nach Zweisamkeit endlich Gehör fände.

War er es? Ihr Mann? War dies der Augenblick, den manche Zufall nennen wollen, obwohl es Schicksal ist? Sofort musste sie weiter. Zu groß ihre Angst, er könnte seinen Kopf heben, kurz aus dem Fenster seiner kleinen Videothek heraus auf sie, dann an ihr vorbeisehen, und so die Magie dieses Augenblicks, dieses große Gefühl zerstören.

Wochenlang wagte sich Nathalie Schweiger nicht mehr an diesem Ort vorbei, „Rudis Filmladen“. Zu groß ihre Angst vor Enttäuschungen. Und doch war sie seinem Inhaber näher als noch kaum einem Menschen zuvor, ging gedanklich mit ihm zu Bett und stand neben ihm auf. Er war perfekt. Allein sein Name der Ausdruck größtmöglicher Verschmelzung. Rudolf von Habsburg und Ottokar Pschemisl (Přemysl). Einst Feinde. Der Frieden von Wien im Jahre 1276 ein trügerischer. 1278 zog der Pschemisl Ottl gegen den Habsburger Rudi auf dem Marchfeld in die Schlacht und fand dort seinen Tod. Ein Trauerspiel, 1825 von Franz Grillparzer verarbeitet: „König Ottokars Glück und Ende“. Und nun saß das menschgewordene Sinnbild des Friedens hier in einer Videothek.

Nathalie Schweigers Glück und Anfang.

So viel Zeit hatte sie verstreichen lassen, Lebenszeit, mutlos, in der Gewissheit, kaum steht sie Rudi Pschemisl gegenüber, ihn auch schon wieder zu verlieren. Doch damit sollte es nun vorbei sein.

Die Videothek betreten, ihm den Film „Tatsächlich Liebe“ überreichen, vielleicht sein „Aber den haben Sie gar nicht hier ausgeborgt!“ hören, ihn ansehen, und ein neues Leben beginnen.
Und nun war geschlossen, einfach so ...

 

Wonderwoman

Drei Tage. So lang war Nathalie Schweiger immer wieder dort. Vergeblich. Die Videothek blieb ungeöffnet, der Mann ihrer Träume verschollen. Nun stand sie zu Hause neben ihrem Schreibtisch, voll Wehmut, den Teleskop-Staubwedel in der Hand.

„Bin da“, ging die Wohnungstüre auf, erfüllte sich so wie jeden Abend das Vorzimmer mit Leben, wurde die Türe wieder verschlossen, zwei Schlüsseldrehungen nach links, eine nach rechts, eine nach links, zwei nach rechts. Türe wieder auf. Niemand da. Dann von vorne. So wie es sich gehörte. Wurden Kleidungsstücke ausgezogen, Jacke, Kappe, Schal, aufgehängt, Schuhe ausgezogen, in den Kasten gestellt, Hände gewaschen, eine Minute mindestens, dazu die obligate Begrüßung: „Und? Was gibt’s heut?“

Nathalie aber reagierte nicht, umklammert nur, wie einen Hirtenstab, diese zwei Meter lange Teleskop-Stange. Vor ihren Augen all die an der Wand hängenden Bilder, ihre Herde. Eingerahmte Kinokarten. Jeder von ihr besuchte Film – seit Beginn der neuen Zeitrechnung: 2017. Sie wollte vorbereitet sein, auf diesen Tag X. Bescheid wissen, die Vorlieben des Rudi Pschemisl teilen können.

„Was es heut gibt, war meine Frage?“, ungeduldig die Stimme. Traurig hing ihr Blick an Bilderrahmen Nummer 1. Drei Jahre ist es her, da stand sie erstmals an der Kino-Kassa, völlig unwissend: „Geben Sie mir einfach ein Ticket für den Film, der jetzt als Nächstes läuft!“ Worauf ihr eine Karte zu „Get Out“ ausgehändigt wurde. Der Titel wie ein Wegweiser. Und auch der Film selbst entsprach indirekt ihrer Lebenssituation. Ein junger Mann, in diesem Fall dunkelhäutig, und somit stellvertretend für Natalies Andersartigkeit, besucht erstmals mit seiner weißen Freundin deren Eltern, landet wie ein Außerirdischer in einer Großfamilienfeier, und was zunächst freundlich beginnt, endet in blankem Horror. Wie durch ein Wunder kommt er davon.

Helden und Heldinnen

Logisch wurde dann bald auch die Kinokarte zu „Wonderwoman“ eingerahmt, später „Atomic Blond“. Ein Jahr der Helden- und Heldinnenfilme, sie oft die Älteste im Saal. Inhaltlich schrecklich platte Geschichten, teuer produziert, billig in der Botschaft, und doch allesamt eine Einladung an ihr Leben. „Home Coming (Spiderman)“, „Tag der Entscheidung (Thor)“, „Ich – einfach unverbesserlich 3“ usw. ... Ihr absoluter Höhepunkt aber war, treffend für ihr Dasein: „Planet der Affen – Survival!“

„Hier bist du, zur Abwechslung wieder einmal deine Bilder abstauben. Was gibt es zu essen, ich muss zum Training!“

„Es gibt nichts!“ wandte sie sich nun ihrem in der Tür stehenden Ehemann zu und wurde angestarrt, als spräche sie wie die Schotten gälisch, die Polyneser samoanisch oder die Telanganesen teluguisch. „Was soll das heißen?

„Ich kann dir einen schnellen Toast machen.“

„Einen Toast! Du warst doch den ganzen Tag zu Hause! Und was heißt Toast? Weißbrot? Vielleicht sogar mit Ketchup. Kohlenhydrate pur. Soll ich wieder so werden wie du?“

„Ich muss noch mal weg!“ ging sie an ihm vorbei. – „Wie weg?“

Klack, Klack Klack

„Wonderwoman!“ flüsterte sich Nathalia Schweiger Mut zu, während sie in ihrem schwarzen Jersey-Hausanzug mit Mikrofaserhaptik und Kapuze durch das Treppenhaus lief, „Wonderwoman, Wonderwoman!“ ihre roten Ballerinas an den Füßen, die „Tatsächlich Liebe“-DVD in der Hand. Zittrig.

Jeder Schritt über die gewohnte Routine hinaus war ihr, als müsste sie seekrank irgendein Segelschiff besteigen, unbekannte Welten entdecken. Alles aus dem Gleichgewicht. Nur noch ein Schwanken. Aus dem Hintergrund das Rufen ihres Ehemannes. „Nati, bitte. Was hab ich denn falsch gemacht? Dreimal zusperren, so wie du es willst, die Schuhe nebeneinander in den Kasten gestellt, die Hände gründlich gewaschen! Nati. Und bitte stolpere nicht.“ Ihn ausblenden, nach so langer Zeit anstatt des Aufzugs erstmals wieder die Stufen benutzen, dabei den Handlauf meiden, die Bakterien, Viren, den Staub, Schmutz, mit den Ellenbogen die Haustür öffnen, auf die Straße treten.

Yellow Brick Road

Das Licht der Abendsonne ließ den Asphalt gelblich schimmern, sie zaudern, zurückweichen, an den Film „Rocketman“ denken, Elton John. In ihrem Kopf Musik, wie eine Warnung: „So goodbye yellow brick road, where the dogs of society howl!“ Wo die Hunde der Gesellschaft heulen. „Nathalie, geh zurück, zu deinem Robert, er ist doch gut zu dir!“, so ihre innere Stimme, plötzlich übertönt von: „Weiter, weiter, ab jetzt bist du unterwegs, um den Zauberer zu sehen! You're off to see the wizard...!“ Und wieder Musik, immer lauter, „...the wonderful wizard of Oz“, diesmal Judy Garland: „Follow der yellow brick road!“

Wie sollte sich Nathalie Schweiger da nur auskennen? Nein oder Ja? Ja oder Nein? „Was mach ich nur, was mach ich nur?“ sah sie zu Boden und über dem gelben Asphalt ihre roten Ballerinas leuchten. „Dorothy!“ Die roten magischen Schuhe. Also Absätze aneinanderschlagen – Klack, Klack, Klack – und flüstern: „Es gibt keinen Ort wie zu Hause.“

Für Nathalie Schweiger ein noch ferner, unbekannter. Dort eben, wo die Liebe wartet, der richtige Deckel zu ihrem Topf. „Nati, ich bitte dich! Ich hab’s doch nicht so gemeint mit dem Toast!“ öffnete sich über ihr ein Fenster. „Es tut mir ja leid, und ein Regen kommt auch. Du verirrst dich doch wieder nur, und dann...!“ Eine Verirrte war sie schon. Jetzt ging es darum, endlich nach Hause zu finden. Klack, Klack, Klack. Das Donnern ignorieren, Blitzen. All ihr Gewicht tragen, loslaufen, bald außer Atem nicht weiter kommen und trotzdem kein Aufgeben. Die Hand heben, genauso, wie sie es so oft schon in diversen Romanzen gesehen hatte: „Taxi, Taxi!“ Die Kapuze ihres schwarzen Jersey-Hausanzugs überstreifen, sich selbst die Türe des stehenbleibenden Wagens öffnen, zu einem fremden Mann einsteigen.

„Wo soll’s denn hingehen, Madame?“,  „Pschemisl! Fahren Sie bitte. Schnell.“ „Na jetzt verschnaufen sie erst einmal, ich versteh’ sie ja kaum! Jö, ,Tatsächlich Liebe’, mein Lieblingsfilm. Wird das ein Patschenkinoabend?“, „Nati. So warte doch!“

„Ui. Da ist Ihnen wer auf den Fersen. Also, nach Pschemisl? Na bumm. Laut Navi ist Przemyśl eine Stadt in Polen. Das wird teuer. Wohin genau?“ „Fahren Sie endlich, bitte!“

Die Hausbar
 
„Kennen Sie den?“ Tief das Luftholen, schneidend laut die Stimme: „Rudi, Rudi gibt acht! Dein Schatten schleicht durch die Nacht. Was hast du Verbot’nes gemacht? Rudi, Rudi, gib acht!“

Wer ohne Zusatzversicherung in einem bereits einfach belegten Zweibettzimmer landet, sollte gewarnt sein. Denn möglicherweise handelt es sich bei diesem Nachbarn trotz inländischem Reisepass um eine Abschiebung. Einer Patientenschutzmaßnahme.

„Ob Sie den Song kennen? Passt doch zu Ihnen, oder? Ist von Minisex! Wobei, so wie Sie ausschauen, wird das mit dem Sex so schnell nichts werden, nicht einmal mini, hahaha!“

Und ganz sicher war sich Rudolf Pschemisl nicht, ob er tatsächlich in einem Unfallspital gelandet ist. Oder doch Psychiatrie.

Gips

Sinnlos natürlich diese Fragerei, denn wo sollte er groß hin, und vor allem, wie? Alles unerreichbar. Der rote Knopf mit weißer Schwesternhaube, die Fernbedienung des Fernsehers, der Strohhalm, und selbstverständlich jedes Jucken seines großflächig eingegipsten Körpers. „Da kann sich das ganze Krankenhaus drauf unterschreiben, hahaha!“
Wenigstens wurde er ausreichend sediert, um sich sowohl die Gesamtanzahl der Knochenbrüche als auch den Namen seines Zimmerkollegen merken zu können. „Was hupfen sie auch von Dach zu Dach wie Pan Tau. Können Sie sich erinnern? Pan Tau. Schon, oder? War ein Tscheche wie Sie, hahaha. Sie sind doch einer, Pschem Schiss L? Auch im Anzug, wie der Tau, mit Kopfbedeckung. Und wie Sie hat der Kerl nichts gesprochen. Ich habe ihn geliebt!“

Warum dann kein Beispiel nehmen? Und es ging seit drei Tagen so, dieses unentwegte Gequatsche, dazu das Schlürfen aus dem Schnabelbecher, Schmatzen, Schnarchen. Beraubt wurde Rudi Pschemisl also um jene an Krankenbetten gefesselte Lebenszeit, die dazu dient, über beides gesondert nachdenken zu können: Das eigene Leben und die Zeit. Gott und die Welt.

Whisky

So aber kam ihm dank seines Zimmernachbarn nur Gottes Hausbar in den Sinn. Ja Hausbar. Denn sollte tatsächlich ein Schöpfer existieren, dann muss der Gute noch vor Kreation des Menschen den Wein, Whisky, Wodka, Gin... die ganze Palette eben, erschaffen und alles ordentlich durchgekostet haben, weil anders gibt’s das nicht!Wie sonst, außer stockbesoffen, kann ein derart gravierender Fehler passieren, dieser klugen Idee, Tiere nicht sprechen zu lassen, eine Ausnahme zu verpassen? Als wäre das Uh-uh-uha diverser Affenarten oder Hullabaloo nicht schon genug, gab es nun also auch noch haufenweis’ Sätze, die dringend verboten gehörten, bevor sie noch weiteren Schaden anrichten: „Ja, ich will!“, „Das geht sich schon aus!“, „Im Paradies warten zweiundsiebzig Jungfrauen!“, „Niemand hat die Absicht eine Mauer zu errichten!“, „Let“s make Amerika great again!“ Beispiele Ende nie...
Nur leider. Stimmbänder schwingen und die Erde bangt. Ohne Hoffnung, denn da war sich der Pschemisl Rudi sicher: Möglicherweise schützt Dummheit vor Bildung, aber garantiert Bildung vor Dummheit nicht.

„Hahaha, wissen Sie, was noch gut zu Ihnen passt!“ ging es neben ihm nun wieder los, mit schneidend lauter Stimme „Rudolph, the Red-Nosed Reindeer...“ Und eines stand fest: Es würde Tote geben.

Der Schock

„Miss ma gehen auf Schissel, Herr Pschemisl?“

„Hahaha, bitte Schwester sagen S‘ Topf, weil sonst müssen S‘ mich wiederbeleben, vor lauter Lachen!“

„Wieso missen, Herr Konsalik? Bisserl passive Sterbehilfe kann nix schaden!“ Wenn es für Rudolf Pschemisl einen kleinen Lichtblick gab, dann Schwester Marina. Gemäß Aussprache musste sie einst in einem der Balkanländer das Licht der Welt erblickt haben, und wenn sie, wie so viele andere, nicht hierhergekommen wäre, um all die fehlenden Hände zu ersetzen, müsste dieses Land wohl heruntergefahren werden, wie ein Virusbefallenes Betriebssystem. Unvorstellbar wäre das.

„Was will mir meine liebe Herr Pschemisl denn flistern?“ beugte sie sich zu ihm herab. Und diese Frage ehrlich zu beantworten war ihm natürlich unmöglich. Nicht nur, weil sich nach Verpassen des Sendemasten auch sein Kiefer viel zu ungestüm an den betonierten Innenhof geschmiegt hatte, sondern weil er Schwester Marina hätte flüstern müssen: „Kommen Sie bitte noch näher an mein Gesicht. Noch ein Stück. Ja genau. Und bitte nicht mit der linken Seite, wo dieses harte Namensschild an Ihrer Brust steckt!“ Nie zuvor war Rudi Pschemisl dieser Duft nach Desinfektionsmitteln und Gummihandschuhen ein derart wunderbarer. Nicht hinter dem Perlenvorhang seiner Videothek, nicht in einem der Zimmer drüben im Laufhaus Isabell, und schon gar nicht, wenn er sich dazu herabließ, sein eigenes Häusl zu putzen. Jedem Mann wäre dieses Vergnügend dringend empfohlen, dem freiwilligen Wechsel aus dem Stehen ins Sitzen stünde nichts mehr im Wege.

Ach Marina. Und wenn sie wie nun zu lachen anfing, ihm dabei über den Kopfverband streichelte und seine Hand nahm, war der gute Rudi über die entsprechende Aussparung in seinem Becken-Beingips heilfroh. Von den Zehen bis zu den Rippen, alles weiß, mit Spreizstangen unterstütz, damit der Spaß auch hält, nur der Intimbereich war freigelegt. Dauer des Vergnügens: Mehrere Monate. Das Leben des Rudi Pschemisl war gelaufen.

„Was hat er ihnen gesagt Schwester?“ schien es Albert Konsalik in seinem Bett vor Neugierde nicht mehr auszuhalten.

„Dass auch bisserl aktive Sterbehilfe ziemlicher Glicksfall sein kann!“ Und das saß: „Nicht an Selbstmord denken, Ruderle, um Himmels Willen. Sie stehen ja unter Schock!“ Logisch, dass der Konsalik bei „aktiver Sterbehilfe“ nicht an sich dachte, sprich Mord. Und weiters logisch, dass Rudi Pschemlis, nachdem Schwester Marina das Zimmer wieder verlassen hatte, zurück in sein großes seelisches Loch fiel. Was hatte sein Leben noch für einen Sinn?

So gut es ging drehte er seinen Kopf zur Seite, um aus dem Fenster zu sehen, hinaus in die Freiheit. Dicke Regentropfen klopften aus der Dunkelheit behutsam auf die schallisolierten Scheiben. Eine Frau in einem schwarzen Jersey-Hausanzug mit Kapuze schleppte sich vorbei. „Hahaha, der passt auch zu ihnen. Rudolf Schock! Kennen sie den, ein Tenor!“ stimmte Albert Konsalik wieder ein: „Meine Mutter hatte ihn immer laufen? Die Operette: Der Vetter von Dingsda“ Und ausnahmsweise, waren es leise Töne, die Rudi Pschemisel nun über die Ohren direkt ins Herz trafen, diese triefend nasse, in ein Taxi springende Kapuzenfrau vor Augen: „Ich bin nur ein armer Wandergesell, gute Nacht, liebes Mädel, gut Nacht. Gar dünn ist mein Wams und gar dick ist mein Fell, gute Nacht, liebes Mädel, gut Nacht...“

Macht. Nichts.

Sie hat geputzt.

Unglaublich! Geputzt!

Ihm ist schon viel passiert, aber nicht das.

Betrunkene lässt er zwar ohnedies nicht mehr einsteigen, nur sind die Leut‘ auch völlig nüchtern noch ausreichend große Kotzbrocken und vor allem derart unzurechnungsfähig, um die Schusswaffe unter seinem Fahrersitz zu rechtfertigen. Menschen, die in seinem Wagen hocken, sich anbrüllen, verdreschen, kuscheln, schmusen, grad dass sie sich nicht fortpflanzen, koksen, Dreierschnapsen, sogar eine Tarockrunde hat er schon nach Tulln geführt. Männer, die ihm erklären: „Warten Sie kurz!“ und sich einen Überfall gönnen. Der absurdeste war keine Bank, was will man sich da auch noch groß holen, Bearbeitungsgebühren und Negativzinsen, sondern ein Musikaliengeschäft. Das Objekt der Begierde ein Cello. Ist sich gerade noch ausgegangen. Bei Kontrabass hätte er dann auf den Kollegen Heinrich mit seinem Großraumtaxi verweisen müssen. Ein ganzes Buch könnte er schreiben. Ältere Damen, Krankenhausfahrten, die ihm ihre ganze Lebensgeschichte erzählen, ja und natürlich Herrschaften, die erklären: „Zum Flughafen, Gate E, Austrian Airlines!“ und dann kein Wort mehr sprechen, außer: „Stimmt so!“ Je weniger die Leut reden und je teurer die Kleidung, desto geringer auch das Trinkgeld. Außer nach Bällen und Galaabenden, Sie im herrlichen Abendkleid, Er im Smoking oder Frack, wenn es Richtung Edenbar geht, oder gleich nach Hause, das bringt fetten Schmattes.

Die Kapuzenfrau jedenfalls würde ihm keinen Cent mehr geben, das wusste er sofort. Wahrscheinlich würde sie ihm gar nichts geben können. Frauen ohne Handtasche, das geht selten gut aus.

Dafür hat sie hektisch das Oberteil ihres, nach einem gigantischen Mikrofasertuch anmutenden Jersey-Hausanzuges ausgezogen, nur ein Trägerleibchen darunter, durchnässt, der Rest erklärt sich von selbst, und die Ledersitze zu wischen begonnen, dann die Scheiben, die Innenverkleidung. Wie irre, als würde sie die möglichen anfallenden Fahrkosten mit ihrer Putzleistung abgelten wollen. Richtig Angst hat er bekommen, es könnte ihn ein ähnlicher Albtraum erwarten, wie bei jeder Folge „Wischen ist Macht!“ Manchmal macht Wischen einfach nur noch machtlos. Anders hier: „Hören Sie doch auf, Frau, Frau?“, „Schweiger, Nathalie Schweiger. Sind wir bald da?“ Er wusste zwar noch immer nicht wohin, nur hatte er mittlerweile ohnedies den Verdacht, es könnten die Steinhofgründe sein. „Ich bitte Sie, Frau Schweiger, ziehen Sie sich wieder etwas an, und lassen sie das Putzen bleiben!“ so sein Flehen. Und es wurde erhört. Wenn auch mit Schockstarre und Flüsterstimme. „Saddam Hussain!“ so ihre Worte. Ja, er heißt so, meine Güte! Schuldlos. Und was soll er noch alles machen, außer akzentfrei Deutsch zu sprechen, stets glattrasiert, sauber und freundlich zu sein. Einziger Trost: Wenigstens werden in ein paar Jahren die jüngeren Fahrgäste mit seinem Namen nichts mehr anfangen können. Nicht auszudenken, er hieße Dieter Bohlen.

„Nach Polen und in die Stadt Przemyśl geht es also nicht, nehm ich an? Und bitte Frau Schweiger, Sie müssen keine Angst vor mir haben, ich heiß nur so. Also: Wo darf ich Sie hinbringen!“

„Nach Hause!“

„Und das wäre dann wo?“

„Bei Ihnen. Nach Hause. Bitte!

 

Das Opossum

Saddam Hussain wusste nicht was tun, während Nathalie Schweiger zu putzen aufhörte, ihr nasses Jersey-Oberteil wieder anziehen wollte, sich halbnackt durch die klebrigen, weil feuchten Ärmelöffnungen zappelte, als müsste sie irgendeiner Quote wegen eine erbarmungswürdige Dschungelprüfung absolvieren. Wenn sie den Kapuzenpulli jetzt über ihren Kopf stülpt, erstickt sie womöglich, wurde Saddam bewusst. „Bitte nehmen Sie meine Jacke, Frau Schweiger. Und was heißt das: Sie wollen zu mir nach Haus?“ Wie eine Decke schob sie, ohne ihm zu antworten, sein Leder Blouson über ihre Schultern und roch daran. „Soll ich Sie in meine Gasse führen, oder die Gegend, oder - !“ Klack, klack, klack, schlug sie hinter ihm die Absätze ihre roten Ballerinas energisch zusammen und wiederholte flüsternd „Nach Hause“, fast wie in Trance. „Zu Dir.“ Ein Du also, ein sprachliches Näherrücken.

„In meine Wohnung?“

Klack, klack, klack, „Deine Wohnung.“

„Sie sind schon ein seltsamer Fahrgast, Frau Schweiger!“

Der Fahrgast? wurde ihm bewusst. Ihm fiele dazu keine weibliche Form ein, maximal eine Erzählung von Franz Kafka. Und wer weiß, vielleicht ist ein Mann eben immer nur „der Gast“ und eine Frau „die Gastgeber“. Die Heimat. Das Zuhause. Und ja, so ein zuhause fehlte ihm, dringend. „Frau Schweiger, ich kann Sie nicht zu mir mitnehmen. Erstens kennen wir uns nicht, und zweitens hab ich die ganze Nacht Dienst?“

„Dienst bei Saddam Hussain!“ so ihre letzten Worte, danach wurde sie ihrem Nachnamen gerecht, verfiel wie Insekten, Spinnen, Vögel, Reptilien in eine Art Thanatose, Katalepsie, Akinese, Schreckstarre eben. Tiere, die sich von ihrem Beutegreifer schützen wollen. Wenngleich sich Saddam Hussain selbst als Beute empfand. Nathalie Schweiger ausgeliefert. Kurz darauf war sie eingeschlafen, tief und fest, mit offenem Mund. Leblos sah sie aus. Totgestellt. „Opossum!“ flüsterte er. Und Saddam fuhr weiter, nun mit dieser fremden, so geräuschlos atmenden Frau in seinem Wagen. Hatte die üblichen Fahrgäste, nur eben mit der Bemerkung: „Die Dame gehört zu mir, bitte verzeihen Sie!“

Darunter auch ein besonders Lustiger. Auf dem Beifahrersitz nahm er Platz: „Hahaha, Sie heißen Saddam Hussain!“, „Und Sie?“, „Heinzi Konsalik!“, „Und das ist besser? Wie der verstorbene Schriftsteller!“, „Nein, wie mein lebender Vater, aber der liegt grad im Spital, wer weiß, ob das gut ausgeht, hahaha!“, „Die Namensbedeutung von Saddam lautet übrigens: ‚Einer, der häufig zu Kollisionen neigt‘ Wollen Sie nicht lieber den Wagen wechseln, Herr Konsalik?“, „Lieber durchsuchen!“ fing Heinzi Konsalik an, zwecks Gaudi als George Bush das Taxi des Saddam Hussain vergeblich nach Massenvernichtungswaffen zu durchstöbern, was umgekehrt natürlich deutlich aussichtsreicher wäre: Als falscher Diktator Saddam Hussain den Porsche eines echten Landesparteichefs, auch ein Georg, kontrollieren, bevorzugt am Innsbrucker Flughafen. Fahrgäste gibt’s, die liegen auf der lAauer und sind ein Dorn im Aug. Die ganze Nacht fuhr Saddam wie geplant seinen Dienst, schlief zwischen 3 und 5, fast Seite an Seite mit der Fremden, um sie dann um 6 Uhr plötzlich flüstern zu hören: „Schön ist das. Du hast gesagt: Die Dame gehört zu mir!“

 

Oaligs Kraut

 

Überraschend still war es geworden, als Rudi Pschemisl an diesem Morgen erwachte, müde und mit einem feinen Bukett in der Nase. Urin vielleicht. Traumreich sein Schlaf. Irgendjemand hatte ihm darin eine Topfpflanze in dieses Krankenzimmer gestellt. Ein Knabenkraut, benannt nach seinen beiden hodenförmigen Wurzelknollen. Logisch aus dem griechischen. Hoden: Orchis. Kurzum: Eine Orchidee. Wer auch immer diesen Namen ausgesucht hat, muss entweder eine holde Maid gewesen sein, verliebt in einen nicht minder älteren Jüngling, oder ein pädophiler alter Drecksack. Knabenkraut! So ein Schwachsinn. Da konnte sich Rudi Pschemisl noch gut erinnern, wie er einst nicht wusste, wo er den Film „Wilde Orchidee“ in seiner Videothek hinstellen sollte. Hinter oder vor den Perlenvorhang? Definitiv ein schwerer cineastischer Sündenfall, 1991 nominiert für die Goldene Himbeere. Mickey Rourke als schlechtester Schauspieler, Carré Otis als schlechteste Newcomerin. Seither war bei Rudi Pschemisl die Orchidee unten durch. Die reinste Verhöhnung. Der sogenannten Königin der Blumen den perversen Namen Knabenkraut andichten, weil Buberl-Eier, und sie gleichzeitig als Deckname für ein hübsches Fräulein missbrauchen. Pflanzen nein Danke. Und diese ganz besonders. Schon beim leisen Öffnen der Krankenzimmertür konnte er in diesem so schrecklichen Traum sofort das matte, hässliche Rot des hereingetragenen Exemplars erkennen, und sich augenblicklich soweit gar nicht wegdrehen. Angewidert. Angsterfüllt. An seine fast ident gefärbten Prostata Plus Kapseln musste er denken, logisch an die entsprechende Aussparung in seinem Becken-Beingips, den Harndrang, und in weiterer Folge an die Leibschüssel. Älterwerden ist kein Spaß. Seine schlafbringende Infusion aber schon. Anfangs wagte er keinen Muckser, kurz darauf stellte sich die Frage nicht mehr und er nickte ein. Im Traum selbst also eingeschlafen. Ja und nun war er aufgewacht, zurück in seiner Wirklichkeit und umgeben von völliger Stille. Dazu dieser schwere Duft. Urin. Ein Weilchen brauchte er, um zu erkennen: Dieses Geruchserlebnisses entsprang eindeutig seiner gipsfreien Körpermitte. Die Auflage darunter durchtränkt. Und direkt neben ihm, auf dem Beistelltisch seines Nachbarn, das matte Rot des Knabenkrauts. Kein Traum. Nichts davon. Jemand hatte sich in sein Zimmer geschlichen, die Orchidee abgeliefert, mitten in der Nacht. Trotz Verbot. Wenn Grünzeug, dann sind nur Schnittblumen erlaubt, keine Topfpflanzen. Die feuchte Erde, der darin wachsende Schimmelpilz, die sich ausbreitenden Sporen, dazu ein schwaches Immunsystem und schon hast du den Salat. Kann tödlich enden. Dauert aber für gewöhnlich ein Weilchen.

„Oalig!“ schwer fiel ihm die Aussprache, die Artikulation mit gebrochenem Kiefer, durchbissener Zunge, schmerzhaft jedes Wort. „Oalig!“ wurde er immer lauter. „Haoooo!“

„Ja Herr Pschemisl, bekomm ich gleich schäne Gefühle, wenn här ich sie reden!“ Schwester Marina. Und selbst nach dem Nachtdienst sah sie immer noch so wunderbar aus, wie davor. Vielleicht war das Geheimnis wahrer Schönheit ja in ihr zu finden, Rudi Pschemisl wusste es nicht. Eines aber wusste er mit Sicherheit:

„Heah Oalig!“ deutet er mit seinem Kopf zum Nebenbett.

„Herr Konsalik!“ verstand sie ihn richtig, „Ach so: Vergess ich schon nix auf ihn. Oder Herr Konsalik! Auf Sie vergessen ist unmäglich. Herr Konsalik? Meine Gite. Herr Konsalik!“

 

Glückszahl

Wie soll es enden, eines Tages?

Uh-uh-uh? Wie der Ruf der Gelbbauch-Unke?

Uh-uh-uh? Wie neun von zehn Ikea-Einkaufswagerln? Oder wenn Renate Morawetz von Tür Nummer 12 auf ihrem Balkon steht und mit rhythmischem Auf und Ab die Fenster putzt?

Uh-Uh-Uh. So jedenfalls hörte sich das davonfahrende Kranken- beziehungsweise Totenbett des Albert Konsalik an. Immer leiser wurde das Quietschen und ging in eine sogar für Rudolf Pschemisl bedrückende Leere über. Und Lehre natürlich auch. Nein, wenn es eines Tages Zeit werden sollte, zu gehen, dann bitte mit keinem Nerv tötenden Uh-uh-uh, sondern einem beschwingten Wu-hu Whu-hu-hu im 12-Takte Bluesschema. Jawohl. Vielleicht hatte Jesus Christus ja den Blues und deshalb 12 Aposteln. Der „Woo Hoo“ Song der Rock-A-Teens aus dem Jahr 1959 also, verwendet in Kill Bill – Volume 1, 2003. Rudi Pschemisl liebt diesen Film. Alles daran. Denn was ist besser? Als Superheldin wie Uma Thurman allein in einem gelben Lederoverall mit Schwert in der Hand den steinigen Weg entlang, oder als Püppchen wie Judy Garland einen gelben Weg dahinhopsen mit drei Waschlappen an der Seite?

Für Rudolf Pschemisl lag die Antwort klar auf der Hand.

Wenngleich ihm in seinem nun zum Einzel- gewordenen Doppelzimmer ein wenig mehr an Courage keineswegs geschadet hätte. Derart totenstill blieb es für die nächsten zwei Stunden, richtig Angst und Bang wurde ihm. Nicht dass Rudi Pschemisl einer gewissen Ruhe abgeneigt gewesen wäre, aber als Lebender in dieser Gruft hier zu liegen, den Blumenschmuck bereits neben sich, und obendrein in einer Verpackung zu stecken, jeder Sarg hätte ihm deutlich mehr Bewegungsfreiheit geboten, das ging dann doch zu weit. Kein Wunder, wenn er da an letzten Sonntag denken musste, das Läuten seines 110 Dezibel Weckers, die ausbleibende Reaktion, dieses schaurige Schweigen im Innenhof, folglich sein Aufstieg Richtung Sendemasten und schließlich der tiefe Fall, beinah in den Tod, direkt vor die gefräßigen Plastikmäuler der Mülltonnen. Wozu noch sterben, wenn er doch sein persönliches Fegefeuer schon um sich hatte?

Er musste weg hier. Nur wie?

Als könnte sie nicht nur Gedanken lesen, sondern durch seinen Gips in die waidwunde Pschemisl-Seele blicken, stand plötzlich Schwester Marina in der Türe: „Na wie geht es meine Herrn Rudi? Ist schon bisserl Schock mit Konsalik, oder?“ Wenn es einen Gott gab, oder eine liebe Göttin, dann waren Krankenschwestern die auf diese Erde geschickten Engeln, sogar die hantigen, das himmlische Heer. Hair auch, denn wie gern hätte Rudi Pschemisel zuerst Marinas Haar auf seinen Wangen gespürt, auf seiner Haut, dann ihren Atem, dann- „Aber nehmen Sie sich nix zu viel zu Herzen tote Konsalik!“ unterbrach sie seine Gedanken, „Ist jetzt in Himmel, direkt gebracht zu Abteilung Gesprächsrunden. Sitzt jetzt bei paradiesischer Version von Runde Tisch. Oder Barbara Stäckl und Schäneberger. Oder Michael Fleischhacker und Markus Lanz. Oder Anne Will und Marbirt Illner, wie sagt man, jessas Maria, Mabirt, oder Mabrit, oder Brad Pitt!“ musste sie lachen. Und wenn dies geschah, schob sich der weiße, rissige Krankenzimmer-Plafond zur Seite und wurde zu einem Panoramadach in die Sonne. „Haben Sie noch Winsche, Herr Pschemisl!“ hob sie mit ihren weichen Einweggummihandschuhen seine Decke an. „Ohohoh, glaub ich, lässt nix zu winschen ibrig!“ Folglich wurden ihm unter Hilfe einer zweiten Schwester die feuchten Laken gewechselt, bekam er ein frisches Zitronen-Wattestäbchen in seinen trockenen Mund und in gewisser Weise ein Messer in sein Herz geschoben: „Dann winsch ich Ihnen noch gute Tage, weil hab ich jetzt Dienstschluss und bisserl Urlaub. Sind Osterferien!“ Wie, Dienstschluss? Und was heißt Urlaub? „So wie Sie, Herr Pschemisl! Kännen Sie jetzt genießen Ruhe! So allein. Bisserl psychische Ruhestand.“ Dann war sie weg, blieb ihr betörender Desinfektionsmitteln-Duft noch in seinem Zimmer hängen, bis auch dieser sich verflüchtigte.

Ruhestand? Dachte er nach, so tief betroffen. Was sollte das sein? Eine Yogaposition, „Katze!“, „Krähe!“, „Kobra!“, „Schulterstand!“, „Kopfstand“, „Ruhestand!“ An den Turnunterricht fühlte er sich erinnert „Und jetzt gehen wir alle in den Vierfüßlerstand!“ Ruhestand. Da kommt man nicht mehr weit. Oder noch schlimmer: Sich zur Ruhe setzten. Ist das dann für alle, die den Ruhestand nicht mehr dastehen? Und wer dieses Zur-Ruhe-Setzen nicht mehr dasitzt, kann sich dann zur Ruhe legen, auf seine Ruhestätte.

Durch sein Fenster sah er Schwester Marina hinaus auf die Straße treten. Beinah hätte er sie nicht erkannt in ihrer gelben Lederjacke. Wie Superheldin Uma Thurman aus Kill Bill sah sie aus, nur eben nicht gar so erbarmungswürdig unternährt. Und dann geschah es, dieses Wunder. Zu seinem ebenerdigen Fenster kam sie, streckte sich empor und rief ihm zu, so laut, die schalldichten Scheiben waren chancenlos: „Sehen wir uns wieder, meine Herr Rudi, und halten Sie durch. Bringt uns so schnell nix um?“ Nein nicht ihn. Er heißt ja auch nicht Bill, sondern Rudi. Rudi Pschemisl. „Weil was sagt Igel zu Hase?“ so ihre letzten Worte: „Ich bin schon-“, „- da!“ öffnete er den Mund, und sah ihr Lächeln. Dann ging sie davon. Schwester Marina. Und übrig blieb die Musik, so leicht und froh, als könnte er fliegen, der Pschemisl Rudi:

 

Marina, Marina, Marina

Ti voglio al piu' presto sposar

Marina, Marina, Marina

Ti voglio al piu' presto sposar

 

O mia bella mora

No non mi lasciare

Non mi devi rovinare

Oh, no, no, no, no, no

 

Liebe Kurier-LeserInnen und Kurierleser,

ich danke Ihnen von Herzen für den gemeinsamen Weg bis hierher ... wie es weitergeht, ich weiß es noch nicht. Vielleicht findet Rudi Pschemisl in Schwester Marina sein Glück, und die Microfaser-Kapuzenfrau Nathalie Schweiger in Saddam Hussain; vielleicht hat Heinzi Konsalik seinen Vater auf dem Gewissen, und sich ein ganzer Wohnblock, angeführt von Renate Morawetz, gegen Rudi Pschemisl verschworen...

Eines aber ist mir während des Schreibens wieder bewusst geworden: Wie sehr doch jeder von uns für andere Bedeutung hat, oft sogar, ohne es zu ahnen. Wie sehr sich das Handeln des Einzelnen auf ein ganzes Gefüge auswirkt, und vor allem, was das Fehlen eines Menschen an seinem angestammten Ort für Ereignisketten mit sich bringt, Domino, wie sehr alles verwoben ist. Niemand ist ersetzbar. Und selbstverständlich taucht in Zeiten wie diesen die Fragen auf, was es überhaupt auf sich hat mit dem Glück und der Liebe... Beides wünsch ich Ihnen, und Gesundheit. Halten Sie durch - und zusammen.

Wir.

Es ist Frühling.

Nur das Beste, Ihr Thomas Raab

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