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Rassismusvorwurf
06/15/2020

Folgen der Rassismus-Proteste für die Kultur: Vom Gegenwinde verweht

„Vom Winde verweht“, „Fawlty Towers“ oder „Little Britain“ stehen in der Kritik. Die Debatte folgt vorhersagbaren Mustern. Das müsste nicht sein.

von Georg Leyrer

Schnell, wo war noch gleich die Zensur-Karte? Jetzt könnte man sie endlich mal wieder ausspielen. Als Allzweck-Gegenargument, wann immer die Kultur von Fragen der Identität gestreift wird.

Der Anlass ist da: Die weltweiten Proteste gegen Rassismus und Polizeigewalt führen dazu, dass „Vom Winde verweht“ aus dem internationalen Streamingfernsehen geschmissen wurde, wegen Sklaven auf Baumwollplantagen und Wörtern mit „N“.

Ebenfalls vom Schirm: „Little Britain“, weil da die Hauptdarsteller teils schwarz angemalt rumlaufen.

Und eine Folge von „Fawlty Towers“, weil da ein Deutscher auch das Wort mit „N“ um sich wirft.

Ist das gerechtfertigt? Oder überschießende, huch, politische Korrektheit?

Festgefahren

Für Kulturdiskussionen, die bei derartigen Gelegenheiten entbrennen, gibt es festgelegte Verfahrensmuster: Die eine Seite ruft Zeter, Mordio, Zensur und Kunstfreiheit: Man dürfe ein Kunstwerk nicht angreifen, und auch den historischen Gebrauch von Bildern und Wörtern müsse man der Zeit geschuldet lassen.

Die andere wirft die aufklärerische Pflicht zum „Ismus“-Abbau dagegen: Rassismus, Kolonialismus und so weiter sind am Abstellgleis der Geschichte, und damit auch der Kultur.

Dann gibt es da noch den – historisch durchaus argumentierbaren – Einwurf, dass Kultur allzu oft machtnahe war und mithalf, Machtgefüge einzuzementieren.

Und, noch gar nicht so lange, die Identitäts-Argumentation: Wenn sich Betroffene – in diesem Fall Schwarze, aber das gilt für alle Gruppen – von diesen Darstellungen und Wörtern angegriffen fühlen, dann zählt das stärker als alle anderen Argumente.

Und jetzt? An diesem Moment der Diskussion, da alle ihre Positionen einzementiert haben, hat man noch nichts gewonnen. Außer vielleicht, dass man mal wieder über Kultur gesprochen hat.

Wie aber weiter? Kultur, die den Test der Zeit nicht besteht, fällt laufend aus dem Kanon, das ist normal. Reibepunkt ist hier, dass sie aktiv und mit Anlass aus dem Kanon genommen wird.

Und dass sich hier die Mehrheitsgesellschaft plötzlich dort einreiht, wo sonst die Minderheiten zu Hause sind, dass ihr nämlich die Erzählung aus der Hand genommen wird. Schwierig.

Und das Ganze wird nicht leichter dadurch, dass – wie in öffentlichen Diskussionen nicht erst seit Facebook gang und gäbe – Kontexte einplaniert werden, die wichtig wären. Bei „Fawlty Towers“ etwa, dass hier, kaum dreißig Jahre nach dem Krieg, ein Deutscher als Witzfigur vorgeführt wurde. Dass also, worauf John Cleese auch gleich hinweist, hier genau jene Art von Rassist lächerlich gemacht wurde, gegen den sich die jetzigen Proteste richten.

Denn auch die Mehrheitsgesellschaft hat ihre internen Aufarbeitungsbewegungen. Gerade Monty Python und, in begrenzter Form, auch das Cleese-Solo „Fawlty Towers“ haben an den einbetonierten Selbstbildern der europäischen Mehrheitsgesellschaft gerüttelt. Wir sind keine Witzfiguren? Doch, sind wir im Python-Universum alle.

Man zog also am gleichen Strang – im Gegensatz zu „Little Britain“, wo die falschen Bilder ohne ausreichenden Grund verwendet wurden. Matt Lucas, neben David Walliams Hauptdarsteller der Serie, hat bereits 2017 das „Blackfacing“ bedauert. „Ich würde das heute nicht mehr machen“, sagte er.

Und „Vom Winde verweht“? Das in dem Südstaatendrama oft verwendete N-Wort „dokumentiert das Unrecht, das sich in der Sprechweise der Rassisten eingelagert hat“, sagte Andreas Nohl kürzlich zum KURIER. Er hat das Buch – weit mehr als eine Liebesschmonzette – zeittauglich übersetzt. Eine Neuinszenierung eines Klassikers, wie er sagt. Der hier ebenfalls wertvollen Kontext bekam.