© Giacomo Cosua

Kultur
07/23/2019

Flüchtlinge, Plastikmüll, Unsicherheit: Warum Kunst das Meer neu entdeckt

Die Welt wankt, die Bilder schwimmen: In Venedig, Wien und anderswo geht es um das Meer.

von Michael Huber

Kapitänin Carola Rackete befeuert die Debatte um Flüchtlingsboote. Die Erderwärmung heizt die Angst vor steigenden Meeresspiegeln an. Kreuzfahrtschiffe geraten durch ihren Schadstoffausstoß und brenzlige Manöver in die Kritik. Plastik schwimmt in den Ozeanen und steckt im (immer seltener wild gefangenen) Fisch.

Kunstschaffende illustrieren solche Themen selten direkt. Doch der Eindruck, dass sich die Kunst verstärkt dem Meer widmet, lässt sich beim Blick auf aktuelle Präsentationen nicht ignorieren. Im Hintergrund schwingt dabei stets die Frage mit, wie sich Kunst positionieren kann, um Wirksamkeit zu entfalten: Mit direkter Darstellung, drastischer Überhöhung, gar mit Aktivismus? Oder doch eher mit ästhetischer Distanz?

Alles ist glitschig

Die Reise, um solchen Fragen auf die Spur zu kommen, beginnt in Venedig. Das Wrack eines gesunkenen Flüchtlingsbootes, das der Schweizer Christoph Büchel dort dem Kunstpublikum vorsetzte, zog bei der Eröffnung der Venedig-Biennale (noch bis 24.11.) die meiste mediale Aufmerksamkeit auf sich. Doch das Boot markiert nur einen Extrempunkt möglicher künstlerischer Arbeit zu aktuellen Fragen ums Meer.

Zu den subtileren Ansätzen zählt – neben der prämierten Strand-Installation im Litauen-Pavillon – vor allem der französische Pavillon mit seiner famosen Film-Installation „Deep See Blue Surrounding You“ (sic!) von Laure Prouvost.

Alles in dem Pavillon scheint glitschig und wässrig: Von der mit Sprühregen vernebelten Säulenfront geht es durch einen Hintereingang in einen scheinbar überschwemmten, tatsächlich aber mit Kunstharz ausgegossenen Raum, in dem Müll und Handys zu treiben scheinen.

Oktopus im Netz

Auch ein Oktopus findet sich hier. Er ist das Leittier der Künstlerin, weil sein Gehirn dezentral funktioniert: Die Tentakel „denken“, alles ist mit allem vernetzt, das Wesen ist eine Metapher für kollektive Intelligenz. In einem schlabbrig-weich ausgekleideten Vorführraum im Inneren des Baus ist dann ein irres Roadmovie mit alten und jungen Protagonisten zu sehen, die in zahlreichen Sprachen sprechen und doch miteinander auszukommen scheinen. Die Kamera gibt zwischendurch den Blick durch eine Wasseroberfläche auf den Pavillon frei, der Oktopus flutscht regelmäßig durchs Bild.

Es hilft zu wissen, dass der Philosoph Zygmunt Bauman (1925 - 2017) mit seinem Begriff der „flüssigen Moderne“ einen Referenzpunkt für Prouvost darstellt. Bereits in den 1990er Jahren formulierte Bauman die Idee, dass die Auflösung von Institutionen und die Beschleunigung von Menschen, Informationen und Kapital jedem Einzelnen abverlangt, seine Bindungen stets auf Neue auszuhandeln. Durch die Dauerpräsenz und Dauerüberwachung via Handy, Soziale Medien, Migration und prekäre Arbeit ist dieser Wandel in der heutigen Welt zunehmend sichtbar geworden.

Flüssige Moderne

Ein Formenvokabular, das auf Zentralperspektive, starre Horizonte oder modernistisch-abstrakte Strenge setzt, scheint diesem Lebensgefühl nicht mehr gewachsen. Das Meer, das Wasser – und auch Meerestiere – wurden dagegen in jüngster Zeit mit neuen Metaphern aufgeladen, ohne dass traditionelle Symbolgehalte zwingend wegschwemmt wurden.

In Wien hat etwa die Künstlerin Claudia Märzendorfer den Wal ins Zentrum einer Installation in der Garage des Kunsthaus Wien gerückt (bis 29.9.). Das Faksimile eines niederländischen Stichs aus dem 16. Jahrhundert erinnert hier daran, dass ein gestrandeter Wal einst als Sinnbild für selbst verschuldetes Unglück galt.

Märzendorfer schloss diese Symbolik mit dem Bild jener Walkuh kurz, die im April 2019 mit über 22 Kilo Plastik im Bauch verendet und gestrandet war. Die Künstlerin reproduzierte den Bauchinhalt, indem sie Plastikflaschen im entsprechen Volumen in Gips abgoss.

Walkampf-Auftakt

Der Wal habe „ein Stück Frankreich verschluckt“, heißt es dazu in einem Text, der einen weiteren Teil von Märzendorfers Arbeit bildet: Die Fläche Frankreichs galt lange als Maß für die Menge des Plastiks, das im Pazifik schwimmt. Heute geht man von der dreifachen Fläche aus.

Wale gastieren derzeit auch in der Wiener Secession: In der Schau der Künstlerin Nora Schultz (bis 1. 9.) ist ein Video zu sehen, das bei einer Walbeobachtungs-Tour derart aufgenommen wurde, dass Horizontlinien ständig kippen und alles zu schwanken scheint. Später stellte die Künstlerin dieses Video im Atelier mit bewegten Stoff- und Papierbahnen nach. Beide Filme sind Teil einer Installation, die in abstrakter Form ein Gefühl von Unsicherheit und Nicht-Fixiertheit behandelt.

Schwamm-Intelligenz

Doch gehen formale Experimente mit Raum und Volumen auch mit Ökobewusstsein und Klimaaktivismus zusammen? Diese Frage führt fast zwingend zu Francesca Thyssen-Bornemisza.Die Mäzenin, in Österreich als Francesca Habsburg bekannt, kann als Teil jener „nomadischen Elite“ gelten, die Bauman als Merkmal der „flüssigen Moderne“ ausmachte. Die Sammlerin lebt nach Jahren in Wien wieder in London und führt wieder ihren Mädchennamen. Ihre Projekte schienen nie an einen Ort gebunden.

Seit einiger Zeit lässt Thyssen-Bornemisza Geld und Energie in die „TBA21-Academy“ fließen, eine Institution, die unter anderem Ozean-Expeditionen von Künstlern und Wissenschaftern sponsert. 2017 gab es eine Kostprobe davon im Wiener Augarten, seit März ankert die Einrichtung im „Ocean Space“ in Venedig.

Die riesige Kirche San Lorenzo – der Legende nach liegt der Seefahrer Marco Polo hier begraben – wurde als „Botschaftsgebäude für die Ozeane“ adaptiert. Bis Ende September sieht man hier eine Ausstellung der US-Künstlerin Joan Jonas, die Zeichnungen von Fischen mit Unterwasser-Aufnahmen und einer Tonspur aus Musik und Gedichten kombiniert.

Poetischer Aktivismus

Schön? Ja. Poetisch? Ja. Ob es die effizienteste Art ist, die Meere zu retten, darf man infrage stellen. Dennoch bleibt die Idee, dass Kunst in der Lage ist, Bewusstsein zu bilden, der Rettungsanker für all jene, die angesichts ihrer Nutzung als bloßes Repräsentationswerkzeug an ihr zu zweifeln begonnen haben.

Auch für diese Spielart der Kunst findet man reichlich Anschauungsmaterial in Venedig – dort, wo ein anderer Teil der „nomadischen Elite“ mit seinen Yachten ankert, wo Damien Hirst 2017 Monumentalkitsch als aus dem Meer gehobenen Schatz anpries und sein Kollege Marc Quinn 2013 riesige Seeschnecken aus Bronze feilbot. Selbst das teuerste Kunstwerk der Welt, der „Salvator Mundi“, soll sich heute auf einer Yacht befinden. Wer Sinnbilder unserer Zeit sucht, wird also auf See fündig – auf welche Art auch immer.

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