Renée Zellweger ist hinreißend als Judy Garland in ihrem letzten Lebensjahr, in dem sie (desaströse) Konzerte in London gab: „Judy“

© Constantin

Filmstarts der Woche
01/02/2020

Filmkritiken der Woche: Jenseits von Oz mit Judy Garland

Renée Zellweger spielt Judy Garland, Daniel Craig wechselt von Bond zum Privatdetektiven und chinesische Politik fordert ihre Opfer.

von Alexandra Seibel

Alle anderen Mädchen werden Hausfrau, Kassiererin oder Mutter. Nur Judy Garland nicht. Sie ist anders. Sie hat diese wunderbare Stimme – und sie wird Weltstar.

Der mächtige Filmstudioboss Louis B. Mayer spricht klare Worte zu Judy Garland, die in seiner Großproduktion „Der Zauberer von Oz“ die Hauptrolle spielt: Wer ein Star werden will, muss leiden.

Garland ist gerade 17 und möchte gern ein ganz normaler Teenager sein. Doch Hamburger essen ist verboten, das macht dick. Schwimmen geht auch nicht, das schadet der Frisur. Statt Hamburger gibt’s Appetitzügler, zum Einschlafen Schlaftabletten.

Schlaflosigkeit und Tablettensucht wird sie ihre ganzes Leben begleiten.

Renée Zellweger ist nicht Judy Garland, aber eine tolle Version davon. Sie verschwindet nicht völlig in der Rolle, sondern verschmilzt sie kongenial mit ihrer eigenen Star-Persona.

Desaströs

Zellweger ist Zellweger ist Garland in ihrem letzten Lebensjahr 1969, wo sie in London eine Serie von – oft desaströsen – Konzerten gibt.

Zu diesem Zeitpunkt hat die Sängerin schwere Geldsorgen. Sie muss für schlecht bezahlte Auftritte durch die Provinz tingeln, kann ihren zwei jungen Kindern – ihre älteste Tochter Liza Minnelli ist bereits erwachsen – kein stetes Zuhause bieten, ficht einen Scheidungsprozess aus und trinkt zu viel. In Amerika ist ihr Stern am Sinken, aber die Briten lieben sie. Die Konzerte in London sollen ihr auf die Beine helfen.

Nun gibt es kaum einen erbärmlicheren Anblick, als wenn ein betrunkener Star auf die Bühne taumelt, das Publikum beschimpft und dann zu Boden stürzt. Typischerweise werden Frauen solche Auftritte übler genommen als Männern. Tatsächlich aber meistert Zellweger selbst potenziell jämmerliche Situationen mit einer Souveränität, die sogar Mitleid verbietet. Treffsicher, mit Witz und rotem Schmollmund wandert sie den schmalen Grat zwischen Absturz und Grandiosität und lässt noch in den größten Miseren die unglaubliche Professionalität der Performerin aufblitzen. Zudem singt Renée Zellweger alle Songs emotionsstark selbst und steigert dadurch deren Dringlichkeit.

Gerade ihr Außenseiterstatus innerhalb der Unterhaltungsindustrie, die sie zum Star, aber auch zum Opfer werden ließ, machte Garland bekanntermaßen zu einer großen Schwulenikone. In einer berührenden Szene trifft sie auf ihre größten Fans, ein schwules Pärchen, das regelmäßig beim Bühnenausgang wartet. Eines Abends – alle Lokale haben geschlossen – lässt Garland sich von den beiden nach Hause einladen. In ihrer Aufregung verpatzen die Köche sogar eine simple Eierspeise; doch während der eine vor Erschöpfung einschläft, sitzt der andere am Klavier und weint. Sein Freund musste eine Gefängnisstrafe verbüßen, denn in England war Homosexualität bis 1967 strafbar.

(Theater-)Regisseur Rupert Goold ist ein konventioneller Erzähler, und vor allem seine Rückblenden in Garlands Kindheit kommen etwas schwerfällig daher. Trotzdem gelingt ihm ein inniger Film, den er liebevoll rund um seine Hauptdarstellerin baut und der beide Frauen – Garland und Zellweger – zum Strahlen bringt.

INFO: GB 2019. 118 Min. Von Rupert Goold. Mit Renée Zellweger, Rufus Sewell, Jessie Buckley.

Filmkritik zu "Knives Out - Mord ist Familiensache": Schnüffler statt Bond-Spion

Was macht James Bond, wenn er gerade nicht im Dienste Ihrer Majestät die Welt retten muss? Er ermittelt im  Ambiente einer ländlichen Luxus-Villa. So geschehen und gesehen in diesem Film, in dem Daniel Craig als geradezu klassisch agierender Privatdetektiv namens Benoit Blanc unterwegs ist. Was den Plot mit seiner unterhaltsamen Rätselstruktur begrifft, so würde er womöglich sogar Agatha Christie ein anerkennendes Lächeln abringen.

Die Ermittlungen drehen sich um den mysteriösen Tod des Familienpatriarchen und Krimiautors Harlan Thrombey, der die eigene 85er-Geburtstagsparty nicht überlebt. Die Haushälterin findet ihn mit einem Schnitt im Hals. Die anwesenden Verwandten wollen natürlich von allem nichts mitbekommen haben.  Am liebsten würden sie den Fall als „Selbstmord“ zu den Akten zu legen, aber der Privatdetektiv grätscht dazwischen. Er hatte die Nachricht über den Tod des Krimi-Autors gleichzeitig mit einem Geld-Kuvert bekommen, das offenbar als Honorar für seine Ermittlungen gedacht war.

Alibi

In geradezu klassischer Hercule-Poirot-Manier sammelt Benoit Blanc am Ende die Verdächtigen um sich, um sie auf kleinste Fehler in ihren Alibis aufmerksam zu machen. Den Wechsel vom Spion zum Schnüffler, von brachialer Schlagkraft zur Durchschlagskraft der Gehirnzellen-Logik schafft der Bonddarsteller Craig mit sichtlichem Spaß und Selbstironie. Auch die Starbesetzung der teils recht fiesen Anverwandten des Ermordeten, die als Möchtegern-Erben alle ein Motiv hätten, lässt sich sehen: von Jamie Lee Curtis, Christopher Plummer und Toni Colette bis Don Johnson.
Der Film benutzt außerdem die Genre-Struktur eines Krimis, um etwas über Wohlstand und soziale Ungleichheit im heutigen Amerika zu sagen. Gut gespielte und professionell in Szene gesetzte, gepflegte Unterhaltung.

Text:  Gabriele Flossmann

INFO: USA 2019. 131 Min. Von Rian Johnson. Mit Daniel Craig, Chris Evans, Ana de Armas.

 

Filmkritik zu "Bis dann, mein Sohn": Wirtschaftswunder hinter dem Schleier der Trauer

Wie Politik ein ganzes Leben verpatzt, erzählt der chinesische Filmemacher Wang Xiaoshuai in seinem tief empfundenen, absolut sehenswerten Drama, das heuer im Wettbewerb der Berlinale lief. Ein chinesisches Ehepaar verliert seinen einzigen Sohn. Nachdem die Frau zuvor unter dem Druck der  Ein-Kind-Politik abgetrieben hatte, kann sie aufgrund von Komplikationen keine weiteren Kinder mehr bekommen.

Auf  den ersten Blick erscheint Wangs  über mehrere Jahrzehnte andauerndes Beziehungsporträt  und die devastierenden Folgen der Politik als einfühlsames, aber  konventionelles Drama. Allerdings verwendet er komplexe Rückblenden, die er ohne große Ankündigung in den  tragischen Verlauf seiner Geschichte hineinverwebt, dadurch die Handlung leicht verwirrt und   die Folgen der Vergangenheit in der  Gegenwart umso spürbarer macht.

Die private Tragödie um den Kindstod, die Wang  mit leisen Tönen anklingen lässt, greift den  Freundeskreis des Paares an, vergiftet die Beziehungen und provoziert eine endlose Kette an Schuldgefühlen. Das chinesische Wirtschaftswunder   zieht an den desperaten Eltern wie hinter einem Schleier vorbei. Wohlstand und Glück hat in ihrem Leben die längste Zeit nichts zu suchen, der Preis für   den Fortschritt des  Turbokapitalismus war einfach zu hoch.  Meisterlich erzählt.

INFO: CHN 2019. 185 Min. Von Wang Xiaoshuai. Mit Wang Jing-chun, Yong Mei, Qi Xi.