Herausragendes Schauspiel: Charlize Theron als Megyn Kelly und John Lithgow als Roger Ailes

© Constantin

Kultur
02/13/2020

Filmkritiken der Woche: Explodierende Sexbomben und Dohnal im Porträt

Charlize Theron bringt den Chef von "Fox News" zu Fall, eine tolles Porträt von Johanna Dohnal und eine rumänische Krimi-Persiflage.

von Alexandra Seibel

"Bombshell - Das Ende des Schweigens"

Es dauerte nur 15 Tage – dann war die 20 Jahre lange Herrschaft von Roger Ailes gebrochen. Am 21. Juli 2016 trat der tyrannische Boss des US-TV-Senders Fox News – ein Unternehmen von Rupert Murdoch – zurück.

Sein Sturz war sensationell. Über zwei Dutzend Mitarbeiterinnen von Fox News hatten Ailes des sexuellen Missbrauchs beschuldigt. Die prominenteste darunter: Megyn Kelly, attraktive und quotenstärkste Star-Moderatorin des schwer konservativen Nachrichtensenders.

Roger Ailes’ Niedergang schlug in der amerikanischen Medien-Welt ein wie die sprichwörtliche Bombe und lieferte heißen Erzählstoff, aus dem bereits eine Mini-Serie und eine Doku geschneidert wurden. Doch das Thema ist längst noch nicht abgekühlt: Polit-Junkie und Drehbuchautor Charles Randolph („The Big Short“) und „Austin Powers“-Komödienregisseur Jay Roach rekapitulieren den Countdown zu Ailes’ großem Fall als fiebriges Ensembles-Spiel mit herrlich hohem Insider-Faktor. Megyn Kelly selbst fungiert dabei als Informantin: Sie gibt eine Führung durch die Büros von Fox News und spricht dabei ihre vertraulichen Bemerkungen direkt in die Kamera – also zu uns.

Natürlich sind wir sofort auf ihrer Seite.

Die elegant-coole Charlize Theron hat sich zwar nicht gerade das Gesicht operieren lassen, doch ihre Ähnlichkeit mit der echten Megyn Kelly – für den Fall, dass man weiß, wie die echte Megyn Kelly aussieht – ist verblüffend. Auch Nicole Kidman in der Rolle der Gretchen Carson kommt nahe an das Original heran. Einzig Margot Robbie sieht niemandem ähnlich, denn sie ist eine fiktionale Figur.

Abstellgleis

Carson ist es, die mit ihrer Klage gegen Ailes den Fall ins Rollen bringt: Man habe sie bei Fox News auf ein Abstellgleis gestellt, weil sie sich geweigert hatte, Roger Ailes sexuelle „Gefallen“ zu erweisen, so ihr Vorwurf. Die Schlagkraft ihrer Klage hängt einzig und allein davon ab: Werden andere betroffene Frauen von Fox News – und vor allem – wird Megyn Kelly ihrem Beispiel folgen und ihr Schweigen brechen?

Doch Kelly hat vorerst andere Sorgen. Sie liefert sich gerade vor der versammelten TV-Nation mit dem untergriffigen Kandidaten Donald Trump – damals noch im Vorwahlkampf – ein Wortgefecht, das ihr zu weiterer Prominenz verhilft.

Der unverschämte Sexismus, mit dem Trump der Journalistin begegnete – und nicht nur hier hält sich der Film streng an die Fakten – ist schlicht atemberaubend. „Bimbo“ ist noch das geringste Schimpfwort, und Trump ist es auch nicht zu blöd, Anspielungen auf Kellys Menstruationszyklus zu machen.

Die vibrierende Deadline-Energie, die mit dem Journalismus-Setting einhergeht, setzt Regisseur Roach clever ein, um mit agiler Kamera und flotten Timing seine zunehmend dramatische Geschichte zuzuspitzen. Clever auch die Idee, mit Margot Robbie eine junge, naive Frau namens Kayla Pospisil ins Spiel zu bringen, die sich in das Machtzentrum von Roger Ailes begibt.

Kayla ist konservativ, blond, sexy und – wie alle ihre Kolleginnen – von einem eisernen Karrierewillen angetrieben. Sie passt perfekt ins Ailes’ bevorzugtes Moderatorinnenbild: Eine blonde „Bombshell“ (auf gut Deutsch: Sexbombe), die ihre langen Beine in High Heels quetscht und sie dann, gut sichtbar für das Publikum, in die Kamera hält.

Der großartige John Lithgow hat sich für seine Rolle als Roger Ailes in einen schmierigen Koloss verwandelt. Unmissverständlich gibt er Kayla zu verstehen, was er alles für sie tun kann, wenn sie etwas für ihn ... tut.

Die sexuellen Demütigungsrituale, die folgen, sind schwer erträglich. Doch „Bombshell“ heißt nicht nur Sexbombe, sondern auch einfach nur Bombe – und die kann so richtig explodieren.

INFO: Drama. USA/KAN 2019. 104 Min. Von Jay Roach. Mit Charlize Theron, Nicole Kidman, Margot Robbie.

Filmkritik zu "La Gomera": Gaunersprache als Vogelgezwitscher

La Gomera, die zweitkleinste der Kanarischen Inseln, sei das wildeste Eiland des Kanarischen Archipels, sagt man. Die beeindruckende Landschaft ist in dieser Gauner-Komödie aber nur Kulisse.

Darin bereitet sich eine Gruppe von Spitzbuben und -mädchen auf sehr ungewöhnliche Weise auf ihren nächsten Coup vor: Eine einst auf der Insel übliche, antike Pfeif-Sprache soll bei der Planung eines perfekten Banküberfalls als Geheim- und Gaunersprache dienen.

Ein korrupter rumänischer Polizist möchte da gerne als „Whistleblower“ dazwischenfunken und einen Teil der Beute in die eigene Tasche fließen lassen. Dafür muss er erst einmal die Insel La Gomera bereisen und dort die Pfeifsprache El Silbo lernen. Sie ist jedoch schwieriger als erwartet, weil sie viele zungenbrecherische Zisch-Laute enthält. Dass der Polizist darüber hinaus die Geliebte eines der Gangster für sich gewinnen will, bringt zusätzliche Probleme.

Der rumänische Regisseur Corneliu Porumboiu würzt seine Krimi-Komödie mit klassischen Film-Noir-Zitaten. Dass die Protagonisten ihre  Doppelmoral in Pfeiflaute übersetzen, sorgt für komische Momente, die an Buster Keaton erinnern.

Triebfeder Geld 

Darüber hinaus setzt sich der Krimi auch kritisch mit der rumänischen Gesellschaft auseinander.  Der Banküberfall wird zur Metapher für Korruption. Jede Kameraposition ist demnach eine politische Entscheidung, weil sie auch Überwachung und Machtmissbrauch signalisieren soll. Die Triebfeder aller Figuren ist Geld. Damit steht diese Krimi-Persiflage   im Einklang mit heutigen Hollywood-Komödien. Auch diese arbeiten sich an kapitalistischen Auswüchsen ab. Wenn auch auf glamourösere Weise.

Text: Gabriele Flossmann

INFO: Krimikomödie. RUM/F/D/SWE 2019. 97 Min. Von Corneliu Porumboiu. Mit Vlad Ivanov, Catrinel Marlon.

Filmkritik zu "Die Dohnal": Männerkarenz, "des is a Bledsinn"

„Was halten Sie vom Karenz-Urlaub für Männer?“ Im Wien der 70er und frühen 80er  Jahre  hat der Mann auf der Straße für solche Fragen eine klare Antwort: Männerkarenz, „des is a Bledsinn“.

Kaum zu glauben, wie lange der Kampf um die Väter-Karenz –  gerne auch als „Papa-Monate“ verniedlicht (Gibt es eigentlich auch Mama-Monate?) – schon zurückliegt.


Sabine Derflingers kraftstrotzende  Doku „Die Dohnal“ erinnert nicht nur an  graue, prä-feministische Vorzeiten, sondern vor allem  an jene Durchschlagskraft, die eine kämpferische und unverblümte  Politikerin wie Johanna Dohnal allen Widerständen entgegensetzte. Im Volksmund gerne auch als  unattraktive Männerhasserin abgestempelt, enthüllt Derflinger das prachtvolle Bild einer flamboyanten, wortgewandten und höchst witzigen Frau. 

„Die Dohnal“ war zwischen 1979 und 1995 Staatssekretärin und Ministerin und setzte politische Meilensteine in Sachen Frauenpolitik, wie etwa die Strafbarmachung von   Vergewaltigung innerhalb der Ehe.  Als überzeugte Sozialdemokratin  traf es sie hart, als innerhalb der SPÖ der Gruß „Freundschaft!“ abgeschafft wurde, erinnert sich ihre Lebensgefährtin Annemarie Aufreiter in berührenden Interview-Passagen.


Derflingers materialstarker Film entwirft nicht nur das vielseitige Bild von Johanna Dohnal als Politikerin und Privatperson, sondern dokumentiert auch ein spannendes Stück österreichischer  TV-Geschichte. Zeitgenossinnen wie Emmy Werner, Elfi Semotan oder Brigitte Ederer runden auf das Schönste das Bild einer temperamentvollen Politikerin ab, deren Erbe es um jeden Preis zu erhalten gilt.

INFO: Doku. Ö 2019. 104 Min. Von Sabine Derflinger. Mit  Annemarie Aufreiter.

 

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