Tobias Moretti als norddeutscher Maler mit Berufsverbot in „Deutschstunde“

© Constantin

Kino
10/02/2019

Filmkritiken der Woche: Deutsche Geschichtsstunde und Panama-Papers

Schwerfällige "Deutschstunde", Meryl Streep sucht ihr Geld in "Laundromat", Will Smith wird immer jünger in "Gemini Man" und subtiler Schlosshorror.

von Alexandra Seibel

Die wichtigsten Kinostarts der Woche im Überblick.

Filmkritik zu "Deutschstunde": Schwerfälliger Besinnungsaufsatz

Das waren noch Zeiten, als man in der Deutschstunde zu Themen wie „Die Freuden der Pflicht“ Besinnungsaufsätze schreiben musste. Da fiel einem doch gleich viel mehr ein als zu „Mein schönstes Ferienerlebnis“.

Zumindest dann, wenn man wie Siggi Jepsen in einer Anstalt für schwer erziehbare Jugendliche im Deutschland der Nachkriegszeit sitzt und über die „Freuden der Pflicht“ nachdenkt. Zuerst bleibt Siggis Blatt leer, doch dann beginnt er wie manisch zu schreiben und die Schulhefte gleich stapelweise zu füllen. Aus dem Aufsatz wird die Lebensbeichte eines Burschen, der traumatische Erlebnisse aus seiner Kindheit aufrollt und sich dabei an seinem Vater, einem Nazi-treuen Dorfpolizisten, abarbeitet.

Siegfried Lenz schrieb seine „Deutschstunde“ im Revoltejahr 1968 und rechnete mit falsch verstandenem Pflichtbewusstsein ab. Sein knapp 600 Seiten langer Roman wurde zum Bestseller, verkaufte sich über 2,2 Millionen Mal und erschien in 20 Sprachen. Allerdings wurde auch Kritik laut, weil Lenz seine positive Hauptfigur an dem Maler Emil Nolde anlehnte, der zwar unter den Nationalsozialisten Berufsverbot erhalten hatte, sich aber als glühender Antisemit und Nazi-Anhänger entpuppte.

Von all diesen Konflikten spürt man nichts in der Neuverfilmung von „Deutschstunde“. Der „Bad Banks“-Regisseur Christian Schwochow verdichtete Lenz’ Epos in zwei ausdrucksstarken Stunden zu einem Konflikt zwischen einem Dorfpolizisten und einem Maler mit Berufsverbot. Ulrich Noethen spielt mit schmalen Lippen einen pflichtversessenen Ordnungshüter, der im Auftrag der Nazis seinem ehemaligen Freund die expressionistische Malerei verbietet. Tobias Moretti bietet mit hellem Blick und luftiger Malerfrisur das weltoffene Gegenteil zum pathologisch verbohrten Gesinnungstäter.

Das Gut-Böse-Duell der beiden Männer spielt sich auf dem Rücken des kleinen Siggi ab, der zwischen dem strengen Vater und dem Maler, seinem liebevollen Patenonkel, aufgerieben wird.

Schwochow macht sich die eindrucksvolle norddeutsche Landschaft am Wattenmeer zunutze, um die fast menschenleere Einsamkeit seiner lichtlosen Bilder mit symbolschwerer Sinnfälligkeit aufzuladen. Siggi flüchtet sich in ein leeres Haus, in dessen Räumen sich Vogelskelette türmen. Selbst das Meer spuckt nur tote Fische aus. Die Atmosphäre bleibt konsequent beklemmend, gleichzeitig aber auch luftdicht in sich abgeschlossen und historisch versiegelt. „Deutschstunde“ ist didaktisches, schwerfälliges Geschichtskino, dem es nicht gelingt, relevant an die Gegenwart anzuknüpfen.

INFO: D 2019. Von Christian Schwochow. Mit Ulrich Noethen, Tobias Moretti.

Filmkritik zu "Gemini Man": Im Spiegel alt, in Wirklichkeit immer jünger

72 Auftragsmorde sind genug. Wenn sich CIA-Weltklasse-Attentäter Henry Brogan in den Spiegel schaut, fühlt er sich nur noch alt. Zeit für die Pension.

Aber wie immer in solchen Fällen, in denen sich  ein bewährter Actionheld zur Ruhe setzen will, hat das Drehbuch eine letzte große Herausforderung für ihn vorgesehen. Im Falle von Ang Lees „Gemini Man“ sieht sich Brogan plötzlich von einem Auftragskiller verfolgt, der ihm verdammt ähnlich sieht. Tatsächlich – uns so viel Spoiler muss leider sein – wird er von einer jüngeren Version seiner selbst mit dem Tod bedroht.

Nun ist Will Smith ein Schauspieler, dem man immer gerne zusieht, zumal dann, wenn er plötzlich aussieht wie damals in „Der Prinz von Bel-Air“. An schönen Bildern mangelt es tatsächlich nicht: Der taiwanesische Meisterregisseur Ang Lee hat seinen futuristischen 3-D-Thriller in 120 Bildern pro Sekunde  gedreht und eine  glasklare Tiefenschärfe bis ins kleinste Detail zustande gebracht, dass einem förmlich die Spucke wegbleibt. Der brillante Look seiner  leicht überbelichteten, Action-befeuerten   Bilder ist tatsächlich umwerfend, stellt jedoch das Handlungsniveau beträchtlich in den Schatten. Die Idee, vom jüngeren Ich überflügelt zu werden, birgt vielleicht philosophische Tiefe, verflacht aber zum albernen Katz-und- Maus-Spiel, aufgeladen  mit Vater-Sohn-Pathos.

INFO: CHN/USA 2019. 117 Min. Von Ang Lee. Mit Will Smith, Clive Owen, Mary Elizabeth Winstead.

Filmkritik zu "The Laundromat - Die Geldwäscherei": Oh wie schön ist Panama

Steven Soderbergh ist bekannt dafür, ein Freund des flotten Filmemachens zu sein. Aber die  für   Netflix  gedrehte Satire, die im halblustigen Tonfall von den unsäglichen Umständen rund um den Daten-Leak der „Panama-Papers“ erzählt, fühlt sich an wie ein künstlerischer Schnellschuss, der eine Spur zu lässig abgegeben wurde.

Gary Oldman und Antonio Banderas treten als zwei skrupellose Anwälte auf, die sich vertrauensvoll ans Publikum wenden und ihre falschen Deals  in die Kamera plaudern. Die arme Meryl Streep in der Rolle einer rüstigen Pensionistin ist die erste, die die  Machenschaften der Offshore-Geschäfte zu spüren bekommt. Nachdem ihr Mann bei einem Schiffsunfall ertrunken ist, sinkt der daraufhin fällige Versicherungsbetrag auf ein Minimum. In Eigenregie fährt die erboste Witwe auf eine Karibikinsel, um dort anstelle des Firmensitzes – nichts vorzufinden.  

Soderbergh hat sich viel von der Immobilienblase-Farce „The Big Short“ abgeschaut, doch sein unbalanciert und dramaturgisch löchrig erzählter „Laundromat“ lahmt in seinem satirischen Selbstverständnis. 

INFO: USA 2019. 95 Min. Von Stephen Soderbergh. Mit Meryl Streep, Gary Oldman.

Filmkritik zu "We Have Always Lived In The Castle": Kampf mit inneren Dämonen

Um dem Film gerecht zu werden, muss man zuerst   auf die Autorin eingehen, auf deren Roman er beruht. Im Jahr 1948 veröffentlichte die in Kalifornien geborene Shirley Jackson ihre erste Kurzgeschichte „The Lottery“ und erntete damit jede Menge Empörung.   Aber bereits mit ihrer Geistergeschichte „Wir haben schon immer im Schloss gelebt“ landete die 1965 verstorbene Autorin auf der Liste der wichtigsten Vertreter der US-Literatur. Und für Stephen King ist sie überhaupt  die „Queen of Horror“.

Film wie Buch handeln von den Geschwistern Merricat und Constance Blackwood, die nach einem Schicksalsschlag zurückgezogen mit ihrem Onkel Julian im Schloss leben.  In der Nachbarschaft  ist man fest davon überzeugt, dass eine der beiden die Eltern vergiftet hat. Seither werden die Blackwoods verachtet und gehasst. Doch damit haben sich die Schwestern   abgefunden – bis Unordnung in ihren zurückgezogenen Alltag kommt.

Man hat das Gefühl, dass die Figuren den Zuschauer in eine tiefere Bewusstseinsebene locken, während sich an der Oberfläche die Bedrohungen buchstäblich in Luft auflösen.  Denn  es sind nicht etwa Schlossgeister, die für das Mystery-Thriller-Unbehagen zuständig sind, sondern der Kampf mit inneren Dämonen. Sie sorgen für eine subtil angelegte Klaustrophobie, die der Film zwar nicht so virtuos hervorrufen kann, wie das Buch  – aber für gepflegtes Spannungskino sorgt sie allemal.

(von Gabriele Flossmann)

INFO: USA 2018. Von Stacie Passon. Mit Taissa Farmiga, Alexandra Daddario.

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