Filmstarts der Woche
07/16/2020

Filmkritik zu "Waves": Verletzung und Vergebung

Eine Familie droht an einer Krise zu zerbrechen, Clint Eastwood erzählt von einem Wachmann und zwei Männer wollen heiraten

von Alexandra Seibel

„Waves“ ist einer jener explosiven Filme, wegen denen man besonders gerne ins Kino geht: Sie sind ausgezeichnet gespielt; ihre halluzinatorischen Bilder saugen einem die Augäpfel aus den Höhlen; und sie entfalten echtes Drama, für dessen Tränen man sich nicht genieren muss.

„Waves“ ist der dritte Film des texanischen Hipster-Filmemachers Trey Edward Shults, zuletzt Regisseur des Horror-Hypes „It Comes at Night“. Produziert wird Shults von dem coolen Filmstudio A24, das für cinephile Independent-Filme mit Massenappeal steht und Prachtwerke wie Barry Jenkins’ „Moonlight“ oder „Good Times“ und „Der schwarze Diamant“ von den Safdie-Brüdern auf der Produktionsliste stehen hat.

„Waves“ sticht schon deshalb heraus, weil eine gutbürgerliche, afroamerikanische Familie in Südflorida im Mittelpunkt steht. Die Story selbst scheint auf den ersten Blick weniger außergewöhnlich: Salopp könnte man es als klassisches Teenage-Drama mit anschließender Reifeprüfung bezeichnen, inklusive Highschoolkids, strenge Eltern, Partys, Karrierepläne – und dann ein fulminanter Absturz.

„Nichts kann mich zu Fall zu bringen“, skandieren die Highschool-Sportler in der Umkleidekabine mit ihrem Trainer, bevor sie auf das Spielfeld rennen. Tatsächlich scheint den 18-jährigen, gutaussenden Tyler wenig von einer glänzenden Zukunft abhalten zu können. Er ist der Wrestling-Star des Sportteams, hat ein College-Stipendium in Aussicht und eine hinreißende Freundin. Zudem stammt er aus einer betuchten Familie, die dem Sohn vom Sporttraining bis hin zum Klavierunterricht alles ermöglicht.

Das Bild von der perfekten Family zeigt jedoch leise Risse: So zieht Tylers humorloser Vater (herrlich intensiv: Sterling K. Brown) die Erziehungsschrauben sichtlich zu stark an. Immer wieder steigt er seinem Sohn zu, stachelt ihn zu Höchstleistungen an und erinnert ihn daran, dass Afroamerikaner wie er nicht „das Privileg haben, durchschnittlich zu sein“.

Ausflippen

Shults hat bei Terrence Malick gelernt, und das sieht man seinem Film an. Mit „Waves“ erzählt er nur in zweiter Linie von Ereignissen; in erster Linie ist er an den inneren Gefühlszuständen – dem Glück, dem Stress, den Niederschlägen – der handelnden Personen interessiert. Wie fühlt es sich an, jung und verliebt zu sein? Trotz großer Schmerzen ein Wrestling-Match zu kämpfen? Im Drogenrausch auszuflippen?

Eine entfesselte Kamera umkreist wie eine Hummel zum treibenden Elektro-Soundtrack von Trent Reznor und Atticus Ross die schönen Teenager, umfasst deren brodelnde Energie und ihre unbezwingbare Jugend.

Doch wenn der Schmerz einsetzt, sieht die Welt plötzlich anders aus. Das Bildformat zieht sich krampfhaft zusammen, Räume verwandeln sich in fiebrige Farborgien von Rot, Blau und Grün, Melodrama rinnt aus allen Fugen.

Zudem schlägt „Waves“ unvorhersehbare Haken, dreht sich abrupt um und blickt plötzlich Personen ins Gesicht, die bisher im Hintergrund geblieben sind.

Trey Edward Shults ist bekannt dafür, aus seiner eigenen Biografie zu schöpfen. Ein Besuch am Totenbett eines alkoholsüchtigen, an Krebs erkrankten Vaters scheint vom eigenen Leben des Regisseurs nicht allzu weit entfernt. Vielleicht deswegen – und natürlich auch, weil die Schauspieler alle so gut sind – fühlt sich sein hochgejazztes Drama von Schuld, Verletzung und Vergebung so herzzerreißend innig und intim an.

Wer also demnächst einen Kinobesuch ins Auge fast: Das ist die Gelegenheit.

INFO: USA 2019. 135 Min. Von Trey Edward Shults. Mit Taylor Russell, Kelvin Harrison Jr. Alexa Demie

Filmkritik zu "Der Fall Richard Jewell": Erst Volksheld, dann Verräter

Wer dem FBI einen Hinweis darauf gibt, wo eine Bombe versteckt liegt, macht sich  selbst verdächtig. Ein Klassiker aus dem Polizisten-Latein, der für den braven US-Sicherheitsbeamten Richard Jewell zum Verhängnis wird.

Basierend auf wahren Ereignissen, erzählt Regisseur Clint Eastwood die Geschichte von Richard Jewell, der im Juli 1996 während eines Konzerts im Centennial Olympic Park in Atlanta  einen verdächtigen Rucksack bemerkt und der Polizei meldet. Tatsächlich handelt es sich um eine Bombe, doch durch Jewells rasches Eingreifen kann ein größeres Blutbad verhindert werden.
Richard Jewell wird als Held gefeiert.

Kurze Zeit später wendet sich das Blatt. Eine Journalistin veröffentlicht einen Artikel, in der Jewell als Hauptverdächtiger genannt wird – und der Volkszorn wendet sich gegen ihn.
In  seinem üblich klassischen Regiestil erzählt  Clint Eastwood – wie schon zuvor in „Sully“ – vom gesetzestreuen, „kleinen Mann“, der zum Opfer großer Institutionen  – Medien, FBI – wird.

Paul Walter Hauser spielt seinen Richard Jewell als traurigen Möchtegern-Polizisten und einsames Muttersöhnchen ganz exquisit. Olivia Wilde hingegen verkörpert   die (mittlerweile  verstorbene) Reporterin Kathy Scruggs, die sich  Informationen von FBI-Beamten offenbar auch im Bett holte. Diese  Behauptung brachte Clint Eastwood und seinem über weite Strecken packenden Drama eine Menge Ärger ein.

INFO: USA 2019.131 Min. Von Clint Eastwood. Mit Paul Walter Hauser, Sam Rockwell

Filmkritik zu "Amore al dente – Ein fast gewöhnlicher Sommer": Sommerurlaub mit Familienintrigen

Papa ist schwul. Damit hat keiner gerechnet: Weder die großbürgerliche Patchworkfamilie des reichen Kunsthändlers Carlo, noch der proletarische Anhang des Fischers Tony.Beide Männer haben bereits erwachsene Kinder, doch diese können sich mit der (Neu-)Orientierung der Väter nicht anfreunden. Nachdem alle  gemeinsam den Urlaub in Carlos schicker Designervilla am Meer verbringen, nutzen Carlos Tochter und Tonys Sohn die Gelegenheit, mithilfe von Intrigen die beiden Männer wieder auseinanderzubringen.

Der deutsche Verleihtitel „Amore al dente“ deutet bereits das  kuschelig-komische Wohlfühlniveau an, auf dem sich die klischeebefeuerte Queerkomödie bewegt. Dass zwischen den beiden älteren Herren so etwas wie erotische Spannung herrschen soll, lässt sich  nur mit  Mühe nachvollziehen und wird auch konsequent heruntergespielt. Der Fokus liegt vielmehr auf Tochter Penelope, die ihrem Vater, von dem sie sich immer vernachlässigt gefühlt hat, das Glück nicht gönnt. Und Sohn Sandro, der die Homosexualität des Vaters als Verrat an der toten Mutter empfindet.

Allzu tiefschürfend soll es allerdings ohnehin nicht werden, dazu bleibt alles viel zu sehr dem sommerlichen Urlaubsspaß und der guten Laune verpflichtet.  Ein bisschen Küchenpsychologie, ein bisschen Selbsttherapie, ein bisschen Klamauk und ein paar zerdrückte Tränen – und  die Liebe ist wieder weich gekocht.

INFO: I 2019. 100 Min. Von Simone Godano. Mit Alessandro Gassmann, Fabrizio Bentivoglio

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