Minty alias Harriet Tubman (Cynthia Erivo) und William Still (Leslie Odom Jr.) engagieren sich als Fluchthelfer: „Harriet “ 

© UPI/Glen Wilson

Filmstarts
07/09/2020

Filmkritik zu "Harriet – Der Weg in die Freiheit": Laufend in Lebensgefahr

Veredeltes Drama über die Sklavenfluchthelferin Harriet Tubman, Grenzkomödie um entlaufenen Hund und Porträt von Gitarrist Ronnie Wood.

von Alexandra Seibel

„Möglicherweise Gehirnschaden“, notiert William Still, ein Anti-Sklaverei-Aktivist, in sein Notizbuch. Vor ihm sitzt eine entlaufene Sklavin namens Minty, die es geschafft hat, von einer Plantage in Maryland zu flüchten und sich unter Todesgefahren bis nach Philadelphia durchzuschlagen.

Als Kind sei sie von ihrem Besitzer schwer am Schädel verletzt worden, berichtet Minty, tatsächlich aber stehe sie in engem Kontakt mit Gott: In Schwarz-Weiß-Bildern, die ihr wie Blitzlichtgewitter durchs Gehirn fahren, enthülle er ihr nahende Ereignisse: „Gott hat mir die Zukunft gezeigt.“

In der neu gewonnenen Freiheit lässt Minty ihren Sklavennamen hinter sich und nennt sich von nun an Harriet Tubman.

Als Harriet Tubman spielte sie in der US-Geschichte der Sklavenbefreiung eine entscheidende Rolle. Sie wurde zu einer Schlüsselfigur der Hilfsorganisation Underground Railroad, einem Schleusennetzwerk, das Sklaven die Flucht aus den Südstaaten ermöglichte. Schon längst hätte Tubman – und darin sind sich die US-Kritiker einig – ein filmisches Denkmal gesetzt werden müssen. Mit dem pflichtschuldigen Bio-Pic von Regisseurin Kasi Lemmons („Eve’s Bayou“) wurde diese Forderung nun zwar würdig, wenn auch nicht übermäßig inspiriert erfüllt.

Die britische Schauspielerin und Sängerin Cynthia Erivo versetzt die Figur der Harriet mit grimmigem Kampfgeist: Mit zornig zusammen gezogenen Augenbrauen schlägt sie alle Vorsichtsmaßnahmen in den Wind und begibt sich laufend in Lebensgefahr, um weitere Sklaven aus dem Süden zu retten. Zu Recht wurde Erivo bei der letzten Oscarverleihung mit einer Nominierung belohnt.

Doch so außergewöhnlich die Person Harriet gewesen sein mag, so salopp durchschnittlich bleibt ihre Lebensverfilmung.

Einfach gestrickt

Während ein Drama wie „12 Years a Slave“ die Brutalität von Menschenbesitz in aller Grausamkeit ausleuchtete oder ein Werk wie Colson Whiteheads Roman „Underground Railroad“ die historischen Fakten literarisch komplex erzählte, verhält sich „Harriet“, das Bio-Pic, dazu relativ einfach gestrickt.

Nachdem ihre erste Flucht geglückt ist, setzt Harriet wiederholt zur Rückreise an, um möglichst vielen Sklaven – darunter ihre Familie – in die Freiheit zu leiten. Ihr unverbrüchlicher Glaube hilft ihr bei einer Abfolge von Verfolgungsjagden, in denen sich die aufgebrachten Sklavenbesitzer zusammenrotten, um ihr fliehendes Eigentum einzufangen.

Nina Simones legendärer Song „Sinnerman“ untermalt eine Montage mit Szenen von flüchtenden Sklaven mit einer Kraft, die den polierten Bildern oft fehlt. Auch finden im steten Fluss der Actionsequenzen einzelne Figuren kaum die Muße, Wurzeln in der Erzählung zu schlagen und charakterlichen Tiefgang zu entwickeln. Die Protagonisten, sogar die Hauptfigur selbst, bleiben schematisch und wenig ausgeklügelt, trotz Cynthia Erivos packendem Spiel.

Insofern funktioniert „Harriet“ besser als veredeltes Filmdenkmal einer bewunderungswürdigen, glaubensstarken Heldin , denn als Porträt einer vielschichtigen, interessanten Frau.

INFO: USA 2019. 125 Min. Von Kasi Lemons. Mit Cynthia Erivo, Janelle Monáe

Filmkritik zu "Smuggling Hendrix": Angelina Jolie war noch nicht hier

„Warum kaufen Sie sich nicht   einen neuen Hund?“

Wahrscheinlich wäre das tatsächlich am einfachsten gewesen, aber wie jeder Hundebesitzer weiß, hängt man nun mal an seinem eigenen Haustier.  So auch der glücklose Mittvierziger Yiannis, ein verkrachter griechisch-zypriotischer Musiker, der Zypern verlassen und in Holland ein neues Leben beginnen möchte. Leider büxt ihm sein Hund Jimi, eine aufgeweckte Promenadenmischung, aus und galoppiert   in die UN-Pufferzone auf der von der Türkei kontrollierten Seite Zyperns. Daraus ergibt sich ein Problem: Ein Hund, der „illegal“ ausgereist ist, darf  nicht  legal einreisen.

Ratlos steht  Yiannis nun mit seinem Kelef an der Grenze und kann nicht mehr   nach Hause zurück.

Mit sanftem Humor erzählt Regisseur Marios Piperides in seinem Filmdebüt von der Absurdität einer Grenzsituation, die wenig im Bewusstsein der Weltöffentlichkeit verankert ist: „Prinzessin Diana war nie hier, Angelina Jolie auch noch nicht.

Im Zuge seiner Hundesuche  gerät Yiannis an einen türkischen Zyprer, der  in jenem Haus wohnt, in dem Yiannis’ Familie vor der türkischen Besetzung gelebt hat. Unter dem Schlachtruf „Das ist mein Haus!“  brechen sofort die Animositäten auf, doch schließlich werden alle  widerwillig Verbündete beim Hundeschmuggeln.

Adam Bousdoukos, bekannt aus Fatih Akins „Soul Kitchen“, stolpert als Yiannis sympathisch unbedarft durch eine freundliche,  superb gespielte  Grenzkomödie, die zwar  manchmal  ins Klischee kippt,   aber mit  bestechender Einfachheit und gutmütigem Witz eine todernste Situation aufhellt.


INFO: CYP/D/GRC 2018. 90 Min. Von Marios Piperides. Mit Adam Bousdoukos, Fatih Al

Filmkritik zu "Ronnie Wood: Somebody Up There Likes Me": „Surreal  wie ein Bild von Dalí“

In seinem Kopf habe er das Alter von 29  nie überschritten, sagt Ronnie Wood,  Gitarrist der Rolling Stones: „Dass ich bereits 72 bin, kommt mir  so  surreal vor wie ein Bild von Dalí.“

Humor hat er, der ausgemergelte Brite mit der  Frisur einer zerzausten Nebelkrähe: Im Porträt von „Leaving Las Vegas“-Regisseur Mike Figgis erinnert sich Ronnie Wood leutselig an seine åKindheit im Londoner Sozialbau mit Alkoholikervater, seinen exzessiven Konsum von Zigaretten und Drogen und die frühen Jahre der britschen Rock-’n’-Roll-Szene, die er bei der Jeff-Beck-Group und den Faces verbrachte, ehe  er bei den Rolling Stones landete.

„Irgendjemand da oben mag mich“, bemerkt  Wood lakonisch mit Verweis auf seine kürzlich überstandene Lungenkrebsoperation. In leichtem Plauderton erinnert sich Ronnie Wood an zahlreiche Freunde und Weggefährten, die in Form von Mick Jagger, Keith Richards, Charlie Watts, Rod Stewart oder Damien Hirst auch selbst zu Wort kommen.

„Wenn ich vor einer Weggabelung stehe, nehme ich sie“, kichert der Musiker auf die Frage nach seiner Lebensphilosophie. Sehr viel tiefsinniger wird’s nicht, was psychologische Einsichten anbelangt: Wood, der Hobbymaler,  pinselt zartbekleidete Ballerinen, die Figgis meist dezent im Hintergrund hält, während die Männer über   Vergangenheit und Gegenwart plaudern. 

Hardcore-Stones-Fans werden  nicht viel Neues erfahren. Doch  das schöne Archiv-Material, mit dem  Figgis seine  Aufnahmen spickt,  und Ronnie Woods gut gelaunte Britishness machen die  knappe  Rock-Doku kurzweilig und sehenswert.


INFO: UK 2019. 72 Min. Von Mike Figgis. Mit Ron Wood, Mick Jagger

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