Viggo Mortensen chauffiert Mahershala Ali durch den US-Süden

© Warner

Kultur
01/31/2019

Filmkritik zu "Green Book": Feist im Feinripp

Hinreißendes Roadmovie mit Viggo Mortensen und Mahershale Ali wurde zehn Mal oscarnominiert.

von Alexandra Seibel

„Ferien ohne Ärger“ versprach ein Handbuch namens „Green Book“ – und meinte damit die Vermeidung grober rassistischer Übergriffe.

Um als Schwarzer in den 60er Jahren eine entspannte Reise durch den (rassistischen) Süden der USA machen zu können, hielt man sich an das Green Book. Im Green Book waren (seit 1936) alle Hotels und Restaurants verzeichnet, in denen man als Black American absteigen konnte, ohne gleich fies angeredet zu werden.

Solch ein Green Book bekommt der italo-amerikanische Türsteher Tony „Lip“ Valleylonga in die Hand gedrückt. Gerade hat er die Aufgabe übernommen, einen genialen schwarzen Pianisten namens Don Shirley durch den Deep South zu kutschieren. Tony soll sicherstellen, dass Shirley seine Konzerttermine einhält und nicht von Rassisten verprügelt wird.

„Green Book“, der Film, verwendet das Erfolgskonzept von „Driving Miss Daisy“ – nur mit umgekehrten Vorzeichen: Diesmal sitzt ein Weißer am Steuer und ein Schwarzer auf der Chef-Bank. Komödienspezialist Peter Farrelly („Dumm und dümmer“) macht daraus ein umwerfendes Roadmovie.

Klar weiß man immer schon, was als nächstes passiert. Die beiden Männer werden sich auf ihrer Tour besser kennenlernen, Krisen durchlaufen und dann als ziemlich beste Freunde enden. So gesehen warten keine Überraschungen. Und ja, „Green Book“ ist einer jener liberalen (und versöhnlichen) Filme wie „Hidden Figures und „The Help“, die ein bisschen so tun, als wäre Rassismus ein Problem der Vergangenheit. Richtig weh tun sie niemandem (schon gar nicht ihrem weißen Publikum), und jegliche Form von Verstörung hält sich in engen Unterhaltungsgrenzen. Gleichzeitig ist „Green Book“ aber auch unglaublich vergnüglich, ein Feelgood-Movie, wie es im Buche steht.

Sopranos

Viggo Mortensen als verfressener Italo-Prolo – feist im weißen Feinripp mit Goldketterl – könnte ungeschaut in jeder „Sopranos“-Folge auftreten. Sandwich mampfend und kettenrauchend, sitzt er hinter seinem Lenkrad und hat die beunruhigende Eigenschaft, sich beim Reden (also dauernd) zu seinem Reisebegleiter umzudrehen. Im breiten Bronx-Sprech textet er den gequälten Don Shirley konsequent mit Halblustigkeiten zu („I call Pittsburgh Tittsburgh, haha“) und bezeichnet sich stolz als „Bullshit-Artist“.

Beide Männer setzen in ihrem dynamischen Zusammenspiel große Schauspielkunst frei. Mortensen braucht nur den Mund aufzumachen, schon wird’s komisch. Gut möglich, dass er dafür einen Oscar erhält.

Da hat Mahershala Ali – dem aufmerksamen Kinobesucher als charismatischer Drogendealer aus „Moonlight“ bekannt – die bei weitem reserviertere Rolle. Als verkniffener Aristokrat, der zwar mehrere Sprachen beherrscht, aber nicht weiß, wer Aretha Franklin ist, sitzt er zwischen allen kulturellen Stühlen. Zwar wird der brillante Pianist – allein Alis Konzertauftritte sind atemberaubend! – von Plantagenbesitzern auf Privat-Konzerten vorgeführt, darf danach aber nicht einmal das „weiße“ Klo benutzen, geschweige denn in eine Bar gehen, ohne verprügelt zu werden.

Mahershala Ali (ebenfalls auf der Liste der Oscarnominierten) spielt seinen entfremdeten Patrizier mit einer distanzierten, verletzten Noblesse, die Großzügigkeit des Herzens verspricht. Geduldig diktiert dem halben Analphabeten Tony romantische Briefe an die Ehefrau in die Feder. Und wenn er am Klavier sitzt, wirft er alle um. Da ist selbst eine Kulturbanause wie Tony begeistert: „Wie Liberace, nur besser.“

INFO:  USA 2018. 130 Min. Von Peter Farrelly. Mit Viggo Mortensen, Mahershala Ali.