Benedict Cumberbatch als Thomas Edison kämpft mit sich selbst und seiner Konkurrenz: „Edison – Ein Leben voller Licht“

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Filmstarts der Woche
07/30/2020

Filmkritik zu "Edison – Ein Leben voller Licht": Der Funke springt nicht über

Benedict Cumberbatch gibt Thomas Edison. Außerdem: Die Kritiken zu "The King of Staten Island", "Master Cheng in Pohjanjoki", "Auf der Couch in Tunis" und "Drift".

von Alexandra Seibel

Wechselstrom oder Gleichstrom, das ist hier die Frage: Sie beschäftigt Thomas Alva Edison, den Erfinder der Glühbirne ebenso wie seinen großen Konkurrenten, den Geschäftsmann George Westinghouse. Ein Wettkampf zwischen den beiden Männern spitzt sich zu und wird nicht nur zum Showdown der Talente, sondern auch der Charaktereigenschaften.

Benedict Cumberbatch als Edison sollte eigentlich alle Trümpfe als Held der Geschichte in der Hand haben: Er ist das Erfindergenie, das in Manhattan fünf Häuserblocks mit elektrischem Licht illuminiert. Wäre sein Kopf eine Glühbirne, er würde rund um die Uhr hell leuchten. Allerdings tritt er auch arrogant und selbstherrlich auf, vernachlässigt seine Familie („Das machen wir morgen, ich versprech es!“) und stößt seine Geldgeber mit überheblichen Sprüchen vor den Kopf („Ich hoffe, dass Sie Ihre Scheckbücher dabei haben.“)

Im Vergleich zu ihm nimmt sich George Westinghouse – meist düster vor sich hinbrütend: Michael Shannon – wie der „Good Guy“ aus: Eigentlich will er mit Edison zusammenarbeiten, scheitert aber an dessen hoffärtigen Art. Zudem ist er ein umsichtiger Geschäftsmann und – er liebt seine Frau.

Elektrischer Stuhl

Um das Duell der beiden Männer weiter anzufeuern, schickt Regisseur Alfonso Gomez-Rejon („Ich und Earl und das Mädchen“) einen weiteren genialen Kopf ins Rennen, nämlich den Physiker Nikola Tesla.

Die grundlegende Frage allerdings, welche Form von Strom denn nun besser sei – die billigere oder die sicherere Variante? – macht noch keinen packenden Historienfilm aus, zumindest nicht unter der Regiehand von Gomez-Rejon. Um diesem Dilemma abzuhelfen, werden einige Nebenhandlungen eingestreut, die für sich genommen vielleicht gar nicht so uninteressant wären, der Dramatik der Handlung letztlich aber auch nicht auf die Sprünge helfen können.

So verzettelt sich Edison, indem er sich für die Einführung des elektrischen Stuhls als „humane“ Tötungsart einsetzt, nur um seinen Konkurrenten zu desavouieren.

Westinghouse wiederum leidet an einem Kriegstrauma, das immer zu den unpassendsten Gelegenheiten als Flashback durch seinen Kopf schwirrt und die Handlung noch schleppender macht.

Was an Figurentiefgang fehlt, versucht Gomez-Rejon mit ausgefallenen Kamerawinkeln, opulenten Kostümen und ansehnlichen Spezialeffekten wie den Lichtspielen bei der Weltausstellung in Chicago wettzumachen. Das sieht teilweise auch ganz gut aus.

Trotzdem will der Funke nicht so richtig überspringen.

INFO: USA/RUS/GB 2017. 108 Min. Von A. Gomez-Rejon. Benedict Cumberbatch, Michael Shannon.

Filmkritik zu "The King of Staten Island": Kind im Mann will nicht erwachsen werden

Scott Carlin ist ein 24-jähriger, arbeitsloser Tattoo-Künstler und lebt noch zu Hause bei seiner Mutter  auf Staten Island. Manchmal sticht er seinen gutmütigen Freunden ein Tattoo, obwohl sich   das Motiv nicht immer klar erkennen lässt. Bei    Barack Obama muss er beispielsweise noch üben.

Insgesamt aber hat Scott  keinerlei Pläne – weder für die Zukunft, noch für die nächsten fünf Minuten. Als seine Schwester auszieht, um aufs College zu gehen, beruhigt er die heulende Mama: „Keine Sorge. Ich bleibe bei dir. Für immer.“
Das klingt wie eine gefährliche Drohung.

Scott hat nämlich ein Problem mit  seiner Impulskontrolle. Er ist einer jener Helden, die wir aus den Komödien von Regisseur Judd Apatow („Jungfrau (40), männlich, sucht ...“) kennen: Ein erwachsener Mann, in dem ein trotziges Kind steckt. Und Scott ist gerne Kind. Sein Vater – ein Feuerwehrmann – ist bei einen Einsatz  ums Leben. Seitdem tut sich Scott unglaublich leid, raucht sich gemeinsam mit  seiner Depression ein und weigert sich, sein Leben in die Hand zu nehmen.

Räudiger Humor

Scott Carlin wird gespielt von dem herausragendem US-Comedian Pete Davidson, der hier mit seinem typisch räudigen Humor quasi eine Variante seines eigenen Lebens durchspielt. Davidson verlor ebenfalls seinen Feuerwehrmann-Vater, der bei den Anschlägen auf das World Trade Center ums Leben kam. Wäre er nicht Comedian geworden,  würde er vielleicht immer noch in der Kellerwohnung seiner Mutter auf Staten Island stecken.

Scott Carlin wird gespielt von dem herausragendem US-Comedian Pete Davidson, der hier mit seinem typisch räudigen Humor quasi eine Variante seines eigenen Lebens durchspielt. Davidson verlor ebenfalls seinen Feuerwehrmann-Vater, der bei den Anschlägen auf das World Trade Center ums Leben kam. Wäre er nicht Comedian geworden, würde er vielleicht immer noch in der Kellerwohnung seiner Mutter auf Staten Island stecken.

Mit  aufgerissenen Augen liefert er als Scott Carlin die unglaublichsten Wuchteln, allerdings  nicht als Witze, sondern als   ungefilterte Lebensweisheit. Als seine Mutter plötzlich einen neuen Freund hat,  flippt er komplett aus, und setzt alles daran, den Konkurrenten aus dem Haushalt zu drängen.

Während sich die erste Filmstunde mit kruder Comedy höchst unterhaltsam zwischen halsbrecherischem Witz und tiefstem Abgrund  einpendelt, nimmt die zweite Hälfte die Läuterung des Helden ins Visier: Wie kann sich Scott helfen, um vom Kind zum erwachsenen Mann zu reifen? Dieser Umschwung  „zum Guten“ entpuppt sich für  die Filmdynamik  jedoch als   humoriger Absacker: Scott entdeckt die Solidargemeinschaft der Feuerwehrleute, wo er endlich – Männer unter sich! – sein Daddy-Problem lösen kann. Mehr bittersüß als lustig, 

INFO: USA 2020.136 Min. Von Judd Apatow. Mit Pete Davidson, Marisa Tomei.

Filmkritik zu "Drift": Sich von den Wellen des Ozeans treiben lassen

Das Wort „Drift“ heißt auf Deutsch „Strömung“. Noch  schöner aber  ist es als Verb: „To drift“ bedeutet „dahintreiben, schlendern, abweichen“ – also jene Bewegungen, die nicht auf ein Ziel ausgerichtet sind, sondern sich dem Zufall  überlassen.

Die deutsche Regisseurin Helena Wittmann nimmt in ihrem experimentell erzähltem, fast wortlosen  Kinodebüt   den Titel „Drift“ überaus ernst und setzt sich mit Strömungen und Bewegungen  – vor allem des Meeres – auseinander: Das Meer ist tintenblau mit weißem Schaum oder ölig schwarz und mächtig. Manchmal bewegt es sich langsam und schwerfällig,  manchmal kräftig und temperamentvoll. 
Wittmanns Kamera scheint sich dabei in den Wellen mitzubewegen, umherzuschweifen, zu treiben, zu .... driften.

Die 37-jährige Wittmann hat in Hamburg an der Hochschule für Bildende Künste studiert und  ihr Diplom bei Angela Schanelec, Deutschlands großer Poetin des Kinos, absolviert. Wie Schanelec, so ist auch Wittmann weniger an Handlung  interessiert, sondern an der Komposition von Bildern.

Atlantik

Insofern lässt sich  der Mini-Plot von „Drift“  schnell erzählen. Zwei Freundinnen machen Urlaub an der Nordsee, dann trennen sich ihre Wege: Die eine kehrt  nach Argentinien zurück, die  andere tritt eine Reise über den Atlantik an. Sie startet in der Karibik und geht dann an Bord eines Schiffes, dessen Pflug durchs Wasser sich  die Kamera völlig überlässt. Die Bewegungen der Wellen sind rauschhaft, kontemplativ und endlos. Selten hat man das Meer im Kino so  gesehen wie bei Helena Wittmann.

INFO: Deutschland  2017. 95 Minuten. Von Helena Wittmann. MIt Theresa George, Josefina Gill.   

 

Filmkritik zu "Master Cheng in Pohjanjoki": Würstchen in Mehlsoße mit Erdäpfelpüree

Ein chinesischer Koch  namens Cheng strandet mit seinem Sohn in einem kleinen Restaurant irgendwo in Lappland. Dort gibt es nur Wurstscheiben in  pampiger Mehlsoße mit Erdäpfelpüree zu essen. Als eines Tages eine chinesische Touristengruppe in dem Restaurant haltmacht,  zaubert Master Cheng köstliches Essen auf den Tisch. Sympathische Feel-Good-Komödie von Mika Kaurismäki, großem Bruder von Aki, mit viel finnischem Flair.

INFO: FIN/UK/CHN 2019. 114 min. Mit Anna-Maija Tuokko, Chu Pak Hong.

Filmkritik zu "Auf der Couch in Tunis": Psychoanalyse bringt Tunesier zum Sprechen

Selma ist Psychoanalytikerin, wurde in Tunis geboren, verbrachte jedoch die meiste  Zeit in Paris. Eines Tages beschließt sie, nach Tunesien zurückzukehren und eine psychoanalytische Praxis zu eröffnen. Die Bevölkerung ist baff: „Ist das ein muslimischer Verwandter?“, will ein Möbelpacker wissen. „Nein, er ist Jude, und er ist mein Boss“, so die Antwort. Auf dem Bild ist ein Porträt von  Freud zu sehen. Temperamtenvolle Komödie mit einer   glänzenden  Golshifteh Farahani als Selma.

INFO: F 2019. 88 Min. Von Manele Labidi. Mit Golshifteh Farahani, Majd Mastoura. 

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