Die Jellicle Cats suchen in einem Gesangswettbewerb das schönste Lied aus: „Cats“

© Universal Pictures

Filmstarts der Woche
12/25/2019

Filmkritiken: "Cats": Katzen mit Damenbart und Als Hitler das rosa Kaninchen stahl

Das Hit-Musical als bizarre Katzen-Mensch-Mischung, Holocaust aus der Kinderperspektive und Satire auf den Literaturbetrieb.

von Alexandra Seibel

So jung kann man fast gar nicht sein, als dass man nicht irgendwann einmal im Leben „Cats“ auf der Bühne gesehen hat. Seit seiner Premiere 1981 in London haben mehr als 80 Millionen Zuseher in 50 verschiedenen Ländern das Hit-Musical von Andrew Lloyd Webber konsumiert und es zu einem der erfolgreichsten Bühnenstücke aller Zeiten gemacht.

Dementsprechend groß war das weltweite Interesse, als im Sommer der erste Trailer von Tom Hoopers Kinoadaption „Cats“ Online ging.

Die ersten Reaktionen in den sozialen Medien waren vernichtend. Sätze wie „Meine Katzen dürfen das nicht sehen“ und „Sieht aus wie ein Albtraum auf Drogen“ gehörten noch zu den freundlicheren Bemerkungen. Besonderen Hohn forderten die Computer animierten Spezialeffekte heraus, die so aussähen, als hätte jemand das Gesicht seines Lieblingspromis auf einen Katzenkörper montiert.

Okay, ganz so schlimm ist es nicht; trotzdem ist der Anblick der wunderlichen Mischung aus Menschengesicht und Katzenschnurrbart gewöhnungsbedürftig; ganz zu schweigen von den Körpern der Darsteller, die im hautengen Katzentrikot stecken und so aussehen, als wären sie nackt und angezogen zugleich. Wenn sich Rebel Wilson als füllige Jenny Fleckenfells mit gespreizten Beinen auf dem Rücken rollt und genüsslich den Innenschenkeln krault, sieht das einigermaßen...äh...interessant aus.

Besondere Mühe haben sich die Computerspezialisten offenbar mit den Ohren und Schwänzen der Mäusejäger gegeben. Deren Beweglichkeit grenzt an Hyperaktivität; besonders die Schweife der Miezen wischen irritierend oft durchs Bild.

Jellicle Cats

Die Handlung selbst stand nie im Zentrum von „Cats“, basiert auf einem Gedichtband von T.S. Eliot und kann im Film bestenfalls als „lose“ bezeichnet werden. Die sogenannten Jellicle Cats leben in den Hinterhöfen von London und starten jedes Jahr einen Gesangswettbewerb. Angeführt werden sie von der weisen Old Deuteronomy, gespielt von der weisen Judy Dench, die aussieht, als hätte sie sich aus „Der König der Löwen“ in „Cats“ verirrt. Umwölkt von einer mächtigen, sandfarbenen Halskrause und gehüllt in einem gewaltigen Pelzmantel (hoffentlich nicht aus Katzenfell!), sucht sie jene Miau-Katze aus, die das schönste Lied singt und dann in den Katzenhimmel aufsteigen darf.

Ein menschenleeres, bühnenhaftes London, getaucht in künstlich-steriles Licht, bildet den leblosen Schauplatz für nächtlichen Tanz und Gesang. Einzelne Choreografien, wie beispielsweise ein energetischer Stepptanz auf der Eisenbahnschiene, beweisen das Können des Ensembles. Deren Dynamik wird jedoch immer wieder durch aufgerissene Kamerawinkel zerstückelt.

Von den durchwegs beschwingt arrangierten Gesangsnummern fährt am besten der Song des magischen Mr. Mistoffelees, einem entzückenden Zauberkater, der mit seinen Tricks einen ganzen Katzenchor beseelt.

Touch Me

Taylor Swift persönlich liefert einen seidigen Auftritt als burleske Bombalurina und hat, gemeinsam mit Webber, den Song „Beautiful Ghosts“ beigesteuert. Der Hit-Song „Memory“ aber kommt von Jennifer Hudson in der Rolle der Grizabella: Einst schönste Katze der Stadt, nun ausgestoßen und obdachlos, singt Hudson tränenüberströmt und mit Rotzglocke die „Touch Me“-Zeile so inbrünstig, dass es ihr fast die Stimme überschlägt. Da bleibt kein Auge trocken.

Wer „Cats“ nie auf der Bühne gesehen hat, könnte das jetzt im Kino nachholen.

Muss aber nicht sein.

INFO: GB/USA 2019. 110 Min. Von Tom Hooper. Mit Francesca Hayward, Taylor Swift, Idris Elba.

Filmkritik zu "Als Hitler das rosa Kaninchen stahl": Der Holocaust aus der Kinderperspektive

Nationalsozialismus, Vertreibung und Antisemitismus aus einer kindlich-optimistischen Perspektive: Diese schwierige Vorgabe versetzen die geschmacklichen Alarm-Glocken schon im Vorfeld in Schwingung.

Der Film einer Vertreibung aus Nazi-Deutschland beginnt mit der verzweifelten Anna, die sich von ihrem rosa Kaninchen verabschiedet. Ihre Eltern haben sie vor die Wahl gestellt: Nur ein Stofftier darf sie mitnehmen auf die Flucht. Ihr heiß geliebtes rosa Kaninchen – oder ihr ältestes Plüschtier. Grund für diese Wahl mit Qual ist Annas Vater.  Ein Journalist, der   Hitler und den Nationalsozialisten kritisch gegenübersteht und – wie auch seine Familie – jüdisch ist. 

Die Handlung setzt unmittelbar vor den Wahlen in Deutschland im März 1933 ein, die die Nazis an die Macht bringen werden. Die Entscheidung ins schweizerische Exil zu gehen, folgt schnell, die Koffer werden hastig gepackt, nur das Nötigste darf mitgenommen werden – und so bleibt das Kaninchen zurück.  


Verlust von Heimat

Judith Kerr, die im Mai dieses Jahres in England verstorbene Autorin des Romans, wurde mit ihrem autobiografischen Buch weltberühmt. 1971 erschien es zunächst in englischer Sprache, zwei Jahre später übersetzte es Annemarie Böll, die Frau des Nobelpreisträgers Heinrich Böll, auch ins Deutsche.


Die  deutsch Autorin fand für den Verlust von Heimat und den Abschied von Kindheitserinnerungen ein starkes literarisches Bild: Ein rosa Plüschtier, das quasi in den Fängen von Hitler zurückbleiben muss. Dass dieses Bild in der visuellen Umsetzung  einigermaßen hält, ist ein Verdienst der Schauspieler und der deutschen Regisseurin Caroline Link  – auch wenn die Oscarpreisträgerin bei der musikalischen Untermalung  zu tief in den Schmalztopf greift.

Vielleicht ist es  der richtige Ansatz, Kinder zum Thema  Holocaust mit dieser Spielzeug-Metaphorik zu konfrontieren. Bei älteren Zuschauern  lässt er ein gewisses Unbehagen zurück.

Text: Gabriele Flossmann

INFO: D/CH 2019. 119 Min. von Caroline Link. Mit Riva Krymalowski.
 

Filmkritik zu "Der geheime Roman des Monsieur Pick": Pizzabäcker mit literarischem Doppelleben

Es gibt sie, die „Bibliothek der abgelehnten Bücher“: Irgendwo in der Bretagne findet sich ein Ort, an dem unveröffentlichte Manuskripte vor sich hin stauben und ihrer Entdeckung harren.


Genau dort stolpert eine junge Verlagsangestellte  auf ein geniales Werk, das   angeblich der dörfliche Pizzabäcker – vor zwei Jahren verstorben – geschrieben haben soll.

Die Veröffentlichung wird zum Verkaufsschlager. Doch ein berühmter Literaturkritiker (gespielt von Fabrice Luchini mit Kampflächeln) zweifelt die Authentizität des Romans an und sucht den wahren Autor. Heitere Satire auf den Literaturzirkus mit schönen Landschaftsaufnahmen von der Bretagne.

INFO: F 2019. 100 Min. Von Rémi Bezançon. Mit Fabrice Luchini.

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