Tina (Eva Melander, re.) hat in Vore (Eero Milonoff) einen  Verehrer gefunden: „Border“

© Henrik Petit/FILMladen

Kultur
04/11/2019

Filmkritik zu "Border": Grenzgang mit Regenwurm

In Ali Abbasis schrägem Arthouse-Horror verlieben sich zwei unansehnliche Außenseiter.

von Alexandra Seibel

Tina ist die perfekte Grenzpolizistin. Sie riecht Schuld, schlechtes Gewissen und Scham. Wer sich mit verbotenem Alkohol im Gepäck von Dänemark über die schwedische Grenze schieben will, hat bei ihr Pech gehabt.

Tinas Oberlippe beginnt zu zucken und nimmt Witterung auf. Treffsicher greift sie aus einer Gruppe von Einreisenden jene heraus, die etwas zu verbergen haben.

Tina ist anders. Vor allem ist sie – nach landläufigen Standards – bemerkenswert hässlich. Wer sie sieht, ist baff. Ihr Gesicht erinnert an einen Neandertaler, und man will gar nicht aufhören, sie anzustarren. Grobschlächtige Visage, herbe Zähnen, dreckige Fingernägel – und ein seltsam inniges Verhältnis zu Elchen und Füchsen.

Border“ nannte der iranische, in Schweden wohnhaften Regisseur Ali Abbasi seinen schrägen Arthouse-Horror und er gewann damit in Cannes den Siegerpreis in der Reihe „Un Certain Regard“. Zielbewusst hatte er auf eine charismatische Kurzgeschichte des schwedischen Schriftstellers John Ajvide Lindqvist zurückgegriffen, dessen fürs Kino adaptierte Vampir-Geschichte „Let the Right One In“ längst den Gütesiegel Kult-Film trägt.

Border“ schielt ebenfalls in diese Richtung.

Neandertaler-Look

„Wer bin ich?“

Diese quälende Frage begleitet Tina schon lange. Unglücklich lebt sie mit ihrem bezopften Boyfriend im Wald und versenkt sich in den Anblick von Wildtieren, während er wild kläffende Kampfhunde züchtet.

Sich selbst hält Tina für eine abartige, menschliche Ausnahmeerscheinung – solange, bis sie auf ihrem Grenzposten auf jemanden namens Vore trifft. Vore sieht ihr überraschend ähnlich. Noch so jemand im abstoßenden Neandertaler-Look. Spätestens jetzt hat man übrigens begriffen, dass es sich bei Tinas (und Vores) Gesicht um einen gewieften Spezialeffekt handelt, der heuer für einen Oscar nominiert wurde.

Und dann werden Grenzen verschoben. Die Ekelgrenze, zum Beispiel: Tina entdeckt unter dem erotischen Einfluss von Vore, dass sie gerne Regenwürmer verspeist. Und Insekten.

Auch die Gender-Grenzen beginnen zu verschwimmen: Vore scheint ein Mann zu sein – oder doch nicht? Und ist Tina – wie der Name glauben macht – tatsächlich eine Frau? Eine unglaubliche Sex-Szene geht diesen Fragen detailreich auf den Grund und gehört mit zum Bizarrsten, was man seit Langem im Kino gesehen hat.

Selbstbewusst inszeniert Abbasi seine skurrile Liebesgeschichte im nordischen Schlechtwetter-Realismus und verlässt sich dabei sehr auf seine Originalität. Neben der Lovestory flicht er eine (in der literarischen Vorlage nicht vorhandene) unangenehme Thrillerhandlung ein, deren Krimi-Kicks spekulativ bleiben. Aber die Zärtlichkeit, mit der Ali Abbasi von seinen Außenseitern erzählt, lässt ahnen, dass er eine ziemlich genaue Ahnung davon hat, wie sich Anderssein anfühlt.

INFO: SWE/DKN 2018. 110 Min. Von Ali Abbasi. Mit Eva Melander, Eero Milonoff, Jörgen Thorrson.

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