Zuerst den Sarg von Charlie Chaplin entführen und dann im Zirkus als Clown auftreten: Benoît Poelvoorde in „The Prize of Fame“

© La Biennale di Venezia

Filmfestspiele Venedig
08/29/2014

Der Diebstahl von Charlie Chaplins Sarg

Fulminanter Start des Festivals mit neuer Technik, Hollywood-Stars und starken Filmen.

von Alexandra Seibel

Auf den ersten Blick sieht es auf dem 71. Filmfestival in Venedig aus wie immer. Die Baugrube auf dem Lido, an deren Stelle eigentlich ein neuer Kinopalast hätte entstehen sollen, wirkt schon seit Jahren wie eine unbehandelte Zahnlücke. Ob Asbest, mafiöse Verstrickungen oder schlicht Geldmangel – mit dem Neubau wird es wohl so schnell nichts werden.

Trotzdem ist die alte Dame Venedig – immerhin das älteste Filmfestival der Welt – nicht von gestern. So entschloss man sich etwa dazu, das große Pressekino Darsena komplett neu zu renovieren. Noch bis letztes Jahr fanden die Pressevorführungen in einem riesigem Blechcontainer statt, der mit derartig engen Sitzreihen bestückt war, dass man die Knie in den Rücken des Vordersitzmannes bohren musste. Doch das ist Geschichte.

Gewitter

Die Stadt Venedig ließ knackige 6 Millionen Euro für die Renovierung springen, erweiterte die Sitzkapazität auf 1409 Plätze und installierte ein neues Audio-System mit 3-D-Effekten. Gleich zum Auftakt des Filmfestes präsentierte Biennale-Präsident Paolo Baratta höchstpersönlich das neue Sound-System, in dem er die Toneffekte eines anrollenden Gewitters vorführte.

Die Wucht der Anlage konnte man bei der Vorführung des Eröffnungsfilmes "Birdman" überprüfen. Die Musik zu Alejandro Iñárritus witzig-pritzelnder Superhelden-Satire "Birdman" donnerte ohrenfüllend aus den Lautsprechern. Trotz angekündigter (Star-)Sparmaßnahmen machte Festivalchef Alberto Barbera mit "Birdman" einen guten Griff und lieferte die richtige Mischung aus smartem Unterhaltungskino und Starruhm mit Edward Norton und Michael Keaton (zur Lang-Kritik).

Sein künstlerisches Credo legt Barbera gleich im Vorwort seines Festivalkataloges ab: Sein Programm wolle sich nicht der Ökonomie der Einspielergebnisse beugen, sondern innovatives Autorenkino bieten. Rund fünfzig Filme laufen (bis 6. 9.) – zwanzig im Bewerb um den Goldenen Löwen. Er, Barbera, wünsche sich ein Festival mit Filmen, die sich darum bemühten, die Welt mit anderen Augen zu sehen.

Der französische Wettbewerbsbeitrag "The Prize of Fame" von Xavier Beauvois, bietet so einen unverstellten Blick. Während der Franzose zuletzt in seinem harten Drama "Von Menschen und Göttern" über die Ermordung von Mönchen in Algerien erzählte, schlägt er für "The Prize of Fame" eine völlig andere, tragikomische Tonart an. Sein arbeitsloser Held Eddy ist ein sympathischer Witzbold und Tagedieb. Nach einem Gefängnisaufenthalt schlüpft er bei seinem Freund Osman und dessen kleiner Tochter in deren Wohnmobil am Genfer See unter. Die finanzielle Lage ist bedrückend. Als Eddy in den Nachrichten vom Tod Charlie Chaplins hört (wir schreiben das Jahr 1977), hat er eine geniale Idee: Die Leiche von Chaplin zu klauen und gegen Lösegeld der Familie zurückzugeben.

Sargraub

Allein der Kampf mit Charlie Chaplins Sarg bietet umfassenden Komödienstoff. Beauvois verschränkt seine glasklaren Bilder von den armen Rändern einer reichen Schweiz mit dem Glücksversprechen des klassischen Hollywood-Kinos. Er tut dies über seine Filmmusik, komponiert vom großen Michel Legrand: Wann immer seine einfältigen Kleinganoven von der großen Lebensveränderung träumen, schwillt die Musik auf Orchestergröße.

Und zuletzt sieht man zumindest Charlie Chaplin mit anderen Augen.

Um den Blick geht es auch in Joshua Oppenheimers niederschmetternder Doku "The Look of Silence": Als Nachfolgefilm zu seinem Monumentalwerk "The Act of Killing" über die Massenmorde an vermeintlichen Kommunisten in Indonesien 1965/’66 widmet sich Oppenheimer erneut dieser Thematik. Ein junger Mann trifft auf die Mörder seines Bruders und stellt sie zur Rede. Doch die Täter erwidern seinen forschenden Blick nicht, erfinden Lügen oder bedrohen ihn ganz offen.

So lange niemand hinschaut – das erzählt der Film eindringlich – lässt sich weder die Vergangenheit, noch die Zukunft Indonesiens mit neuen Augen sehen – und schon gar nicht verändern.

Die Wettbewerbsfilme in Venedig

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