Der Dokumentarist Gianfranco Rosi liefert Bilder von Krisengebieten: „Notturno“

© La Biennale di Venezia

Kino
09/08/2020

Filmfestival Venedig: Tableau des Grauens, gezeichnet von Kindern

Zwei eindringliche Dokus denken über Bilder vom Krieg nach: Gianfranco Rosis "Notturno“ läuft im Wettbewerb

von Alexandra Seibel

Das Wetter in Venedig hat nach einem kurzen herbstlichen Zwischenstopp wieder in den Spätsommer zurückgefunden. Draußen kreischt grell die Sonne vom Himmel, doch im Kino eröffnen sich düstere Ausblicke auf Krieg, Tod und Zerstörung.

Der italienisch-amerikanische Filmemacher Gianfranco Rosi hat es schon einmal geschafft, mit einem Dokumentarfilm nicht nur in den Hauptwettbewerb von Venedig zu gelangen: Mit „Sacro GRA“, einer Doku über das Leben am Rand der Außenringautobahn von Rom, gewann er als erster Dokumentarist 2013 den Goldenen Löwen. Danach stieg Rosis Erfolgskurve weiter an. Sein Nachfolgefilm „Fuccoamare“, der vom Leben der Bevölkerung auf der Insel Lampedusa inmitten der Migrationskrise erzählt, brachte ihm 2016 den Goldenen Bären auf der Berlinale ein. Nun kehrt der 56-jährige Rosi mit seinem bildgewaltigen Dokumentarfilm „Notturno“ in den Wettbewerb von Venedigzurück.

Auch „Notturno“ ist ein Krisenfilm und bewegt sich im Grenzgebiet zwischen Irak, Kurdistan, Syrien und dem Libanon. Die Landschaften dort sind geprägt von zerstörten Straßenzügen, flüchtenden Menschen, Gefängnislagern und Waffenstützpunkten. Rosi bemüht sich darum, dem Fluss an Kriegsschnappschüssen, der unsere medialen Informationskanäle durchflutet, andere, vom Alltag geprägte Bilder entgegenzuhalten.

Er selbst steht hinter der Kamera und entwirft Bilder von ästhetischer Wucht, manchmal mit dem Nachteil, dass die Menschen darin Gefahr laufen, zum Zierrat zu verkommen. Immer wieder jedoch schafft er große, emotionale Höhepunkte.

Traumatisierte Kinder werden dazu angehalten, ihre Zeichnungen zu erklären. Zu sehen sind Männer in schwarzer Vermummung – unschwer als IS-Kämpfer zu erkennen. Sie bedrohen mit Schwertern weinende Frauen. Blutrote Punkte spritzen über das Blatt. „Hast du gesehen, wie deine Mutter getötet wurde?“, fragt die Lehrerin mit sanfter Stimme. „Ja“, erwidert das Mädchen.

Am Ende hängen die Bilder alle nebeneinander an der Wand und ergeben einen unfassbaren Anblick: Ein Tableau des Grauens, gezeichnet von Kinderhänden.

Sieger und Verlierer

Ansichten des Krieges liefert auch die Doku „Guerra e pace“ („Krieg und Frieden“) der italienischen Filmemacher Martina Parenti und Massimo D’Anolfi. Die Regisseure untersuchen Kriegsbilder, die seit der Geburtsstunde des Kinos entstanden und vor allem zu Beginn nur die Perspektive der Sieger zeigen.

Wie wichtig die Kontrolle über die mediale Repräsentation des Krieges ist, demonstriert eindrucksvoll die Spezialausbildung für französische Soldaten.

Ihnen wird beispielsweise beigebracht, wie sie möglichst vorteilhaft die französische Flagge fotografieren und heroische Porträts von Soldaten schießen. „Fotos sind Beweismaterial“, erläutert der Ausbildner.

Und Zeugnisse von Verbrechen. Deswegen ist es auch so entscheidend, wer hinter der Kamera steht.

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