Schnappschuss: In Regina Kings FilmdebĂŒt „One Night in Miami“ hat Malcolm X (li.) Auseinandersetzungen mit Freunden

© La Biennale di Venezia/Patti Perret

Kino
09/07/2020

Filmfestival Venedig: Marx, Black Power und Punkrock

Cassius Clay wird Mohammed Ali, Eleanor Marx scheitert an ihrer Beziehung und Vanessa Kirby verliebt sich

von Alexandra Seibel

Heftig Gewitter ĂŒber Venedig haben die spĂ€tsommerliche Hitze der letzten Tage unterbrochen. Aufgerissene Wolkendecken ĂŒber dem zerwĂŒhlten Meer bieten wunderbare Ansichten auf den Himmel, Regenwasser umspĂŒlt die Straßen auf dem Lido. Wenn dann bei einer dramatischen Szene im draußen auch noch der Donner grollt, ist das Spektakel perfekt.

Das Filmfestival in Venedig geht in die zweite Halbzeit. Der Ablauf der Sicherheitsmaßnahmen wird immer reibungsloser. Es ist nicht nur die Angst vor dem Coronavirus, die die Schutzmaßnahmen bestimmen, sondern auch die Furcht vor TerroranschlĂ€gen. Die Temperatur der Festivalbesucher ist relativ schnell gemessen, komplizierter wird es bei den Taschenkontrollen. Die italienische Polizei durchwĂŒhlt jede Tasche einzeln, oft mit Maschinengewehr im Anschlag. Besonder am Anfang des Festivals kam es zu lĂ€ngeren Wartezeiten: WĂ€hrend die Polizisten seelenruhig Geldbörsen öffnen ließen, um nach verdĂ€chtigen GegenstĂ€nden zu suchen, wurde die murrende Menge immer grĂ¶ĂŸer.

Doch diese Anfangsschwierigkeiten haben sich gelegt, und sogar an das stĂ€ndige Masken tragen wĂ€hrend der FilmvorfĂŒhrungen konnten sich die meisten Leute gewöhnen. Manchmal, wenn es im klimatisierten Kinosaal allzu kalt wird, fĂŒhlt es sich hinter dem Mund-Nasen-Schutz geradezu kuschelig warm an.

Boxkampf

Gerade im letzten Jahr musste sich Festivalchef Alberto Barbera dafĂŒr schelten lassen, nur wenig Frauen in den Wettbewerb aufgenommen zu haben. Das ist heuer erfreulicherweise anders. Acht Filme – also fast die HĂ€lfte des Wettbewerbs – stammen von Frauen und stellen schöne, intime und zwingende Arbeiten in die Auslage. Und manchmal wird dabei auch recht eindringlich Geschichtsnachhilfe geleistet.

„One Night in Miami“ nennt die afroamerikanischen Schauspielerin Regina King ihr RegiedebĂŒt, das außer Konkurrenz lief und einen speziellen Moment in der US-Geschichte zeigt. King, die einen Oscar fĂŒr ihre Rolle in Barry Jenkins’ Verfilmung „If Beale Street Could Talk“ erhalten hatte und in der HBO-Serie „Watchmen“ als Superheldin heraussticht, adaptierte dafĂŒr ein gleichnamiges TheaterstĂŒck. „One Night in Miami“ zeigt die (fiktive) kontroversielle Begegnung von vier wichtigen Wegbereitern der Black-Power-Bewegung in einem Motel-Zimmer in Miami.

Der US-Boxer Cassius Clay hat in der Nacht zum 25. Februar 1964 die Weltmeisterschaft im Schwergewicht gewonnen. Gemeinsam mit seinen Freunden Malcom X, dem SoulsĂ€nger Sam Cooke und dem Profi-Footballer Jim Brown möchte er seinen Sieg feiern. Malcom X allerdings entpuppt sich als echte Spaßbremse. Nein, Alkohol hat er keinen, Chips auch nicht, nur Eiscreme. Über kurz oder lang bricht ein heftiger Streit zwischen den MĂ€nnern darĂŒber aus, wie man strategisch am besten im Kampf gegen Rassismus vorgehen soll.

AnfĂ€nglich kommt „One Night in Miami“ inszenatorisch etwas ungelenk daher, nimmt aber an Fahrt auf, sobald Regina King ihre Protagonisten im Hotelzimmer versammelt hat.

„Malcolm ist immer angefressen“, beschwert sich einer der GĂ€ste ĂŒber Malcolm X., der seine Freunde mit vagen Todesahnungen verstört. Exakt ein Jahr spĂ€ter wird er erschossen.

Jeder weiß, dass Cassius Clay zum Islam ĂŒbertrat und sich in Mohammed Ali umbenannte. Doch die politischen und persönlichen Auseinandersetzungen, die zu dieser Entscheidung fĂŒhrten, hat Regina King in ein dichtes, lehrreiches Kammerspiel gepackt und fĂŒr eine amerikanische Gegenwart aktualisiert.

Beziehungskampf

Die italienische Regisseurin Susanna Nicchiarelli, zuletzt mit einem PortrĂ€t ĂŒber die SĂ€ngerin Nico aufgefallen, hat sich ebenfalls der Vergangenheit zugewendet. In ihrem schlichten, aber intimen Bio-Pic ĂŒber Eleanor Marx, die jĂŒngste Tochter von Karl Marx, zeichnet die Regisseurin das Bild einer couragierten, letztlich aber allzu fragilen KĂ€mpferin fĂŒr Sozialismus und Frauenrechte. Nicchiarelli knallt eine provokante Punkrock-Tonspur unter die marxistischen Manifeste ihrer streitbaren Hauptfigur, ehe diese an einer auszehrenden Beziehung zerbricht.

Auch die Liebe zweier Farmersfrauen in Mona Vastvolds melancholisch-poetischem Liebesdrama „The World to Come“ endet tragisch, wenngleich unter gĂ€nzlich anderen UmstĂ€nden. Im lĂ€ndlichen New York des Jahres 1856 trauert die junge Abigail um ihre verstorbene Tochter. Abgeschieden auf einem Bauernhof, findet sich keine Ablenkung von ihrem Schmerz, bis sie plötzlich Besuch von ihrer Nachbarin erhĂ€lt.

Vanessa Kirby (Prinzessin Margaret aus der Netflix-Serie „The Crown“) und Katherine Waterstone verkörpern hingebungsvoll zwei jungen Frauen, deren leidenschaftliche Beziehung keine Chance bekommt. Übrigens: Nicht nur die Frauen sind hervorragend, sondern auch ihre „EhemĂ€nner“, vor allem Casey Affleck. Affleck, der den Film auch mitproduziert hat, spielt eindrucksvoll, hĂ€lt sich aber dezent im Hintergrund.

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