Luca Marinella als charismatischer Underdog und Schriftsteller in Pietro Marcellos „Martin Eden“ 

© Venice International Film Festival

Kultur
09/02/2019

Filmfestival Venedig: "Martin Eden“ – Individualist, nicht Sozialist

Mit der Jack-London-Verfilmung „Martin Eden“ von Pietro Marcello hat Italien einen „Löwen“-Favoriten.

von Alexandra Seibel

Die zweite Halbzeit des Filmfestivals in Venedig ist spürbar ruhiger geworden. Das bald startende Filmfestival in Toronto, der große Konkurrent der alten Dame am Lido, wirft bereits seine langen Schatten. Die Menschendichte hat spürbar abgenommen. Man muss nicht mehr Schlange stehen, um sich durch die Drehtür des Hotel Excelsior zu schieben. Auch sieht das Foyer des Luxushotels nicht mehr aus wie eine überfüllte Bahnhofshalle, in der Vertreter der Filmbranche hektisch nach den Gleisen ihrer Züge suchen.

Auch amerikanischen Großproduktionen wie zuletzt „Joker“ sind vorerst abgezogen, nachdem sie sich im Hype der ersten Festivalhälfte gebührend haben feiern lassen. Als ziemlichen Absacker im US-Boom muss man allerdings Steven Soderberghs „The Laundromat“ vermerken – die zweite Netflix-Produktion im heurigen Wettbewerb. Im halblustigen Tonfall erzählt Soderbergh von den unsäglichen Umständen rund um den Daten-Leak der „Panama-Papers“.

Die arme Meryl Streep in der Rolle einer rüstigen Pensionistin ist die erste, die die unfassbaren Machenschaften der Offshore-Geschäfte zu spüren bekommt. Nachdem ihr Mann bei einem Schiffsunfall ertrunken ist, sinkt der daraufhin fällige Versicherungsbetrag auf ein lächerliches Minimum. In Eigenregie fährt die erboste Witwe auf eine Karibikinsel, um dort anstelle des Firmensitzes – nichts vorzufinden.

Steven Soderbergh ist bekannt dafür, ein Freund des flotten Filmemachens zu sein. Doch der unbalanciert und dramaturgisch löchrig erzählte „Laundromat“ lahmt in seinem satirischen Selbstverständnis: Er vermittelt das Gefühl eines künstlerischen Schnellschusses, der eine Spur zu lässig abgegeben wurde.

Ebenfalls nicht ganz auf der Höhe seines eigenen Könnens befindet sich Olivier Assayas. Der eloquente Franzose hat sich, wie bereits mit seinem famosen Terrorismus-Thriller „Carlos“, wieder der Untergrundwelt Lateinamerikas zugewendet. In „Wasp Network“ erzählt er von den „Cuban Five“, fünf kubanischen Geheimagenten, die Anfang der 90er Jahre in Miami die Terrororganisationen der Castro-feindlichen Exil-Kubaner unterwanderten.

Assayas bedient sich der Regeln des Spionagethrillers und dessen Mechanik, ohne die agierenden Figuren mit nennenswertem Profil auszustatten. Mit Édgar Ramírez und Penélope Cruz als kommunistisches Spionage-Pärchen hat er zwar Weltklasse-Schauspieler gewinnen können, doch staffiert er sie nicht mit genügend erzählerischem Umfeld für ein nachvollziehbares Innenleben aus. „Wasp Network“ versickert zwischen Familienmelodram und dürrem Thriller-Gefüge.

Bildungslücke

Umso mehr konnte der italienische Beitrag von Pietro Marcello im Wettbewerb auftrumpfen. Mit seinem (erst) zweiten Spielfilm „Martin Eden“, der lose auf dem gleichnamigen Künstlerroman von Jack London von 1909 basiert, provozierte Marcello mit seinem cinephilen Porträt sowohl Bravo- wie auch Buhrufe.

Martin Eden ist ein armer Prolet, dem es an Bildung mangelt. Er verliebt sich in eine junge Frau aus gutem Hause und versucht (vorerst erfolglos), als Schriftsteller seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Pietro Marcellos funkelnde Studie eines Selfmade-Mannes, der sich schreibend aus sozialen Niederungen hinauf arbeitet, aber dann am Höhepunkt seines Erfolges sich selbst verliert, wurden auf analogem Filmmaterial gedreht. Die weichen Bilder und ihre fülligen Farben scheinen in den 1970er Jahren angesiedelt, rufen aber gleichzeitig das italienische Kino eines gesamten Jahrhunderts auf.

Erinnerungen an Bertolucci

Die Geliebte von Martin Eden sieht in ihrem langen Kleid aus wie eine Aristokratin aus dem 19. Jahrhundert bei Visconti, Bilder von protestierenden Arbeitern und Revolutionären erinnern an das Kino von Bertolucci.

Andere Aufnahmen in Schwarz-weiß stammen aus dokumentarischem Stummfilmmaterial. Diese stilistischen Ineinanderblendungen vermischen die historischen Ebenen zwischen 1900, dem Nachkrieg und den 70er Jahren. Die Zeiten fließen faszinierend zusammen und machen Gegenwart und Vergangenheit gleichermaßen spürbar.

Martin Eden, gespielt von Luca Marinelli mit der grausamen Schönheit eines jungen Alain Delon, wird vorgeworfen, Sozialist zu sein. Doch dagegen wehrt er sich entschieden. Für ihn, den verfemten Dichter, steht Individualismus an höchster Stelle.

Insofern bleibt Martin Eden eine politisch uneinschätzbare Figur. Sein Engagement für die unteren Klassen ist durchtränkt mit elitärem Bewusstsein; seine Empathie gemischt mit Verachtung. Doch gerade dank des (ästhetischen) Amalgams aus italienischer Filmgeschichte und den politischen Unterströmungen des 20. Jahrhunderts, gelingt Pietro Marcello das virulente Gemälde eines charismatischen Aufsteigers, der durch die Zeiten stürmt und schließlich aus der Zeit fällt.

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