© Century Fox/Festival de Cannes

Film
07/13/2021

Filmfestival in Cannes: Kunstvortrag und Hustenreiz

Regisseur Kirill Serebrennikow liefert einen Chaos-Trip durch die russische Gesellschaft, Wes Anderson verbeugt sich vor einem Journalismus der alten Schule.

von Alexandra Seibel

Sein Sessel blieb leer. Der russische Regisseur Kirill Serebrennikow konnte zur Premiere seines neuen Films "Petrov’s Flu" nicht nach Cannes reisen. Der Kreml-Kritiker wurde in Moskau wegen angeblicher Veruntreuung verurteilt und darf sein Land nicht verlassen. Seine Crew schritt ohne ihren Regisseur über den roten Teppich und trug gut sichtbar Buttons mit seinem Gesicht auf ihren Anzügen. Serebrennikow selbst musste sich via FaceTime bei seinem Premierenpublikum bedanken.

Mit seinem Wettbewerbsbeitrag "Petrov’s Flu" liefert Serebrennikow die wüste Verfilmung von Alexei Salnikovs Bestsellers von 2018 und trifft dabei mitten ins Herz unserer pandemischen Gegenwart.

Denn die mysteriöse Grippe, die da im postkommunistischen Russland grassiert, zeigt bedrohlich-vertraute Symptome: Ein Mann steht mit Schweißperlen auf der Stirn in einem vollgestopften Bus und hustet vor sich hin. "Ich glaube, Sie haben Krebs", kommentiert eine Mitfahrerin wenig hilfreich.

Kaum zu glauben, wie schwer erträglich es ist, heutzutage jemandem beim Husten zuzusehen – zumal in einem überfüllten Verkehrsmittel. Aber auch sonst ist Serebrennikows halluzinatorische Reise durch eine desolate Provinzstadt, gesehen durch den fiebrigen Blick eines Comiczeichners, eine Herausforderung. Surreale Bilder stürzen in wilder Abfolge übereinander und ergeben einen rauschhaften Trip durch eine derangierte Chaos-Gesellschaft.

Komplett aufgeräumt hingegen geht es in Wes Andersons beschwingten, neuem Film "The French Dispatch" zu.

Berühmt für seine sorgfältig gebauten, symmetrisch und farblich bis ins Detail perfekt komponierten Bilder, singt der "Grand Budapest Hotel"-Regisseur ein Lob auf den Journalismus der alten Schule. "The French Dispatch" – der Name eines Magazins, das in seinem Layout eindeutig an The New Yorker erinnert – versteht sich als Andersons Hommage an die berühmte Zeitschrift und ihre Autoren und Autorinnen.

In drei heiter bis wolkigen Episoden, die in einer imaginären französischen Stadt mit dem wunderbaren Namen Ennui-sur-Blasé spielen, wird die Entstehung von drei Magazingeschichten erzählt.

Wie immer bietet Anderson nicht nur visuelle Preziosen, sondern auch einen imposanten Star-Auflauf.

So lässt Bill Murray als lakonischer Chefredakteur Arthur Howitzer Jr. seinen Mitarbeitern alle kreativen Freiheiten. Frances McDormand beispielsweise spielt eine resolute Journalistin auf Recherche im Revolutionsjahr 1968, wo sie auf protestierende Studierende trifft. Frankreichs berühmte Léa Seydoux trägt eine Gefängnisuniform und steht dann einem Häftling als Nacktmodell zur Verfügung. Tilda Swinton hat ein falsches Gebiss im Gesicht und hält einen Kunstvortrag. Und sogar Christoph Waltz bietet einen originellen Kurzauftritt – mit schütterem Haar und Bartkoteletten.

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