Bong Joon-ho im Freudentaumel

© REUTERS/JEAN-PAUL PELISSIER

Kultur
05/25/2019

Filmfestival in Cannes: Klassenkampf auf Koreanisch

Die Goldene Palme für die beste Regie ging an Bong Joon-ho, den Schauspiel-Preis ergatterte Jessica Hausners „Little Joe“.

von Alexandra Seibel

„Merci“, stammelte Regisseur Bong Joon-ho überwältigt – dann war er mit seinem Französisch am Ende. Die Dankesrede hielt er dann auf Koreanisch, denn die Goldene Palme geht heuer erstmals nach Südkorea (nachdem sie letztes Jahr nach Japan gewandert war).

Parasite“ heißt die blendend scharfe, gewitzt bösartige Thrillerkomödie von Bong Joon-Ho, die sowohl Kritik als auch Preisjury überzeugte. „Parasite“ erzählt von einer verarmten, vierköpfigen Familie, die sich nach und nach als Dienstboten in einen reichen Haushalt einschleicht und dort sukzessive das Kommando an sich reißt. Der 49-jährige Bong („Snowpiercer“) ist ein Meister der Genre-Melange: Souverän mischt er Komödie, Thriller und blutige Klassenkampf-Satire zu einem ätzenden, dabei durchwegs unterhaltsamen und blendend inszenierten Kinovergnügen.

Herrlich leidender Banderas

Als beste Schauspielerin wurde die Britin Emily Beecham in dem österreichischen Sci-Fi-Drama „Little Joe“ von Jessica Hausner ausgezeichnet. Beecham spielt darin eine kühle Wissenschafterin, die Pflanzen gentechnisch manipuliert und an moralische Grenzen stößt.

„Was ich an Emily so schätze, ist ihre Empfindsamkeit und Fragilität“, sagte Jessica Hausner im KURIER-Gespräch enthusiastisch über ihre Hauptdarstellerin: „Sie ist aber auch jemand, der wie ein Panzer durch die Wand fährt. Das ist eine eigene Mischung, die mich bei Frauenfiguren immer wieder interessiert.“

Das männliche Preis-Pendant zu Emily Beecham ist Antonio Banderas, der als bester männlicher Darsteller ausgezeichnet wurde. In Pedro Almodóvars zutiefst persönlichem Film „Leid und Herrlichkeit“ spielt er das alter ego des spanischen Star-Regisseurs, einen kränkelnden, deprimierten Mann, der sich mit seiner Vergangenheit konfrontiert.

Als erste schwarze Frau war die senegalesisch-französische Regisseurin Mati Diop im Wettbewerb angetreten und hatte gleich den Großen Preis der Jury für sich gewonnen. Ihr traumtänzerisches Debüt „Atlantique“ erzählt von einer Gruppe junger Frauen in Dakar, deren Freunde nach Europa aufbrechen und sterben.

Halbe-Halbe

Der Preis der Jury sorgte bei den Juroren unter der Präsidentschaft von Alejandro Iñárritu offenbar für Uneinigkeit, denn er musste geteilt werden – zwischen dem afro-französischen Regisseur Ladj Ly und seinem Banlieu-Cop-Thriller „Les Misérables“ und dem Brasilianer Kleber Mendonça Filho und seinem Sci-Fi-Drama „Bacurau“.

Der Preis für beste Regie ging an die Altmeister Jean-Pierre und Luc Dardenne für ihre Studie eines jungen Islamisten („Le jeune Ahmed“), während sich die Französin Céline Sciamma für ihre lesbische Liebesgeschichte „Portrait of a Lady on Fire“ mit dem Preis für bestes Drehbuch begnügen musste.

Ganz leer gingen die Amerikaner aus: Weder Tarantino und sein „Once Upon a Time ... In Hollywood“, noch Terrence Malicks „A Hidden Life“ wurden ausgezeichnet. Und schon gar nicht Jim Jarmusch: Mit dessen Zombie-Komödie „The Dead Don’t Die“ hatten die 72. Festspiele in Cannes schwach begonnen, um dann stark zu Ende zu gehen.

Die wichtigsten Auszeichnungen im Überblick:

  • Goldene Palme: "Parasite" ("Gisaengchung") von Bong Joon-Ho
     
  • Großer Preis der Jury: "Atlantique" von Mati Diop
     
  • Preis der Jury: "Les Misérables" von Ladj Ly / "Bacurau" von Kleber Mendonca Filho und Juliano Dornelles (ex aequo)
     
  • Beste Schauspielerin: Emily Beecham in "Little Joe" von Jessica Hausner
     
  • Bester Schauspieler: Antonio Banderas für "Dolor y Gloria" von Pedro Almodovar
     
  • Beste Regie: Jean-Pierre und Luc Dardenne für "Le jeune Ahmed"
     
  • Bestes Drehbuch: Celine Sciamma für "Portrait on a Lady on Fire"
     
  • Besondere Erwähnung: "It must be heaven" von Elia Suleiman
     
  • Camera d'Or für den besten Debütfilm: "Nuestras Madres" von Cesar Diaz
     
  • Goldene Palme für den besten Kurzfilm: "The Distance between us and the Sky" von Vasilis Kekatos
     
  • Besondere Erwähnung der Jury für den Kurzfilm: "Monstruo Dios" von Agustina de San Martin