Diagnose misslungen, Patient tot - Wer ist schuld?
Özlem Sağlanmak (re.) als Neurologin, der eine geschockte Mutter (Trine Dyrholm) Vorwürfe macht: „Nachbeben“.
Ein 18-Jähriger kommt mit ungeklärten Kopfschmerzen auf die Notaufnahme eines dänischen Krankenhauses, begleitet von seiner besorgten Mutter. Wie groß ist die medizinische Wahrscheinlichkeit, dass der junge Bursche einfach zu viel Party gefeiert hat und nur verkatert ist? Oder dass er kurz vor einer desaströsen Gehirnblutung steht?
Die behandelnde Ärztin, eine kompetente und erfahrene, aber auch sehr gestresste Neurologin namens Alex, führt die Standardtests durch. Nichts Auffälliges. Der Patient reagiert normal und beteuert, dass es ihm gut geht. Alex entlässt ihn, ohne ein MRT anzuordnen. Kurze Zeit später erleidet er eine massive Hirnblutung und fällt ins Koma.
Die Eltern sind außer sich und drohen mit Klage. Die Ärztin ist von ihrer Fehldiagnose geschockt und quält sich mit Vorwürfen: Hat sie etwas falsch gemacht? Hätte sie die Ereignisse vorhersehen müssen?
„Nachbeben“ nennt die junge, dänische Regisseurin Zinnini Elkington ihr packendes, bestens besetztes Thriller-Drama, das im Original „Second Victim“ (wörtlich „zweites Opfer“) heißt.
Das „Second-Victim-Phänomen“ bezeichnet Beschäftigte im Gesundheitswesen, die nach einem schwerwiegenden medizinischen Zwischenfall oder Fehler selbst ein Trauma erleiden, erzählt Zinnini Elkington im KURIER-Interview: „Man kennt diesen psychologischen Begriff seit dem Zweiten Weltkrieg. Er bezog sich auf Soldaten, die in Hospitälern arbeiteten und ebenfalls an Traumatisierungen litten, obwohl sie nicht an der Front eingesetzt waren.“
Regisseurin Zinnini Elkington plädiert für Empathie in ihrem Film "Nachbeben".
Aufmerksam auf dieses Phänomen war die Filmemacherin durch ihre Schwester geworden, die als frisch gebackene Ärztin in einem dänischen Krankenhaus zu arbeiten begann und von der großen Verantwortung und den damit verbundenen Dilemmata erzählte, mit denen sie konfrontiert war. Beeindruckt von ihren Schilderungen beschloss Elkington daraufhin, einen Film über eine Ärztin und ihr Umfeld zu drehen.
Das zweite Opfer
„Das „Second-Victim-Phänomen“ erwies sich für das Erzählen ihrer empathischen Geschichte als hilfreich, um den – wie sie meint – fast schon „mythischen Status“, den Ärzten und Ärztinnen in unserer Gesellschaft zugeschrieben werden, zu hinterfragen: „Wir wollen daran festhalten, dass Ärzte stärker, mächtiger oder fähiger sind als alle anderen. Wenn man als Patient in ein Krankenhaus geht, fühlt es sich einfach sicherer an. Umgekehrt ist es auch eine Illusion, die die Ärzte brauchen, um Entscheidungen treffen zu können. Denn wenn man sich seiner eigenen Verletzlichkeit bewusst ist, während man Entscheidungen trifft, macht das zögerlich.“
Wer sein Leben der Arbeit im Krankenhaus gewidmet hat, will helfen, davon ist Zinnini Elkington überzeugt: „Das ist für mich eine sehr heilsame Sichtweise: Selbst wenn Ärzte scheitern, weiß ich, dass sie ihr Bestes gegeben haben. Sie leiden wie wir, wenn anderen Menschen etwas zustößt.“
Was die mit Schuldgefühlen geplagte Ärztin in „Nachbeben“ betrifft, so hat sie aufgrund ihres Wissens eine Einschätzung getroffen, die sich später als nicht richtig herausstellt: „Aber das ist nicht dasselbe wie ein medizinischer Fehler“, betont die Regisseurin: „Diese Nuance ist für uns jedoch sehr schwer zu verstehen.“
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