© Wiener Festwochen/Andreas Jakwerth

Kultur
12/13/2020

Festwochen-Chef Slagmuylder: "Wir müssen Festwochen abhalten“

Der künstlerische Leiter der Wiener Festwochen über Langzeitfolgen, Kosten und die Eröffnung.

von Georg Leyrer

Zwei Monate früher als die Salzburger Festspiele stehen die Wiener Festwochen auf dem Kalender. 2020 waren das entscheidende zwei Monate: Im Mai musste alles abgesagt werden, im Sommer holte Christophe Slagmuylder einen Teil des Programms nach. Und 2021?

KURIER: Wird es Festwochen geben, wie man sie kennt, mit Publikum, Performance, Live-Erlebnis?

Christophe Slagmuylder: Es ist extrem schwierig, Pläne zu machen. Niemand weiß, was in ein paar Wochen möglich sein wird, geschweige denn in ein paar Monaten. Es ist aber außergewöhnlich wichtig, die Möglichkeiten für Künstlerinnen und Künstler zu schaffen, Werke zu erstellen und mit einem Publikum zu teilen. Wir arbeiten an verschiedenen Szenarien.

Und welches davon ist das wahrscheinlichste?

Eines, das zu vergleichen ist mit den Festwochen, wie sie im Spätsommer stattfanden. Es gab Aufführungen, auf der Bühne, mit Publikum. Aber mit reduzierten Sitzplatzkapazitäten. Das ist ein Teil des Plans, dem wir nachgehen. Wir hoffen, dass es im Mai und Juni möglich sein wird, Publikum im Theater zu haben. Aber es werden vielleicht 60, 70 Prozent der normalen Anzahl sein.

Die Wiener Festwochen zeigen in ihrer nächsten Ausgabe eine Neu-Interpretation von Mozarts Oper „La clemenza di Tito“ von Milo Rau. Dessen radikale Inszenierung werde „eines der zentralen Ereignisse der nächsten Festivaledition sein“, die 2021 von 14. Mai bis 20. Juni stattfinden soll. Das gesamte Programms wird am 18. März 2021 bekannt gegeben.

Die französische Künstlerin Phia Ménard befasst sich in „La Trilogie des Contes Immoraux (pour l'Europe)“ laut Ankündigung mit dem Aufstieg und Fall der westlichen Zivilisation. Weitere Premieren gelten dem neuen Theaterstück „Quasi“ der iranischen Autorin und Regisseurin Azade Shahmiri und der gemeinsam erarbeiteten Performance „Heartbreaking Final“ von Tim Etchells und der Komponistin Aisha Orazbayeva.

Der österreichische Künstler Markus Schinwald präsentiert die von den Festwochen beauftragte performative Arbeit „Danse Macabre“, die bereits heuer gezeigt werden hätte sollen, dem Lockdown jedoch zum Opfer fiel. Im Ausstellungsbereich produzieren die Wiener Festwochen und die Secession als Gemeinschaftsprojekt Maria Hassabis neue Live-Installation „HERE“.

Gibt es Überlegungen für Schnelltests beim Publikum, sodass mehr Menschen eingelassen werden können, oder einen Einlass mit Impfnachweis?

Als Festival dieser Größe und Sichtbarkeit ist es unsere Aufgabe, uns über alle Möglichkeiten, über alle Sicherheitslösungen zu informieren. Und ja, auch darüber informieren wir uns gerade. Deswegen bin ich nicht naiv, wenn ich sage: Ja, es wird 2021 Festwochen geben, und ja, wir werden normale Aufführungen haben, wenn auch mit weniger Besuchern. Das wird möglich sein.

Die Festwochen waren immer ein Fenster ins internationale Kunstschaffen. Das steht nun seit Monaten fast still. Was heißt das für die Festwochen? Wird überhaupt etwas produziert, das man nach Wien holen kann?

Mir ist wichtig, dass die Festwochen viele neue Arbeiten ermöglichen. Das ist ein Problem: Viele Künstlerinnen und Künstler konnten monatelang nicht arbeiten. Aber das hat sich im zweiten Lockdown geändert. Theater sind zwar geschlossen, aber die Künstler können arbeiten und proben. Also hoffe ich, dass die Werke fertig sein werden, um gezeigt zu werden.

Aber es gibt weitere Herausforderungen.

Ja, es stellt sich immer noch die Frage der Mobilität, der Reisen. Natürlich wünsche ich mir, dass die Festwochen nicht nur Künstlerinnen und Künstler aus Österreich, Deutschland, der Schweiz oder Belgien zeigen, weil man innerhalb von Europa reisen kann. Die große Frage ist: Wie kommen Kunstschaffende von anderen Kontinenten her? Wir sind vorsichtig, aber es gibt mögliche Lösungen. Dass etwa Künstler aus Asien oder Südamerika kommen, in Quarantäne gehen – aber dann auf mehreren europäischen Festivals auftreten. Die nötigen Tests und Quarantäne-Vorkehrungen sind neue Kosten, die wir einberechnen müssen. Aber wir versuchen, ein Netzwerk mit Partnern zu schaffen, um die Projekte nachhaltiger zu machen.

Apropos Kosten: Wie geht es den Festwochen finanziell?

Es gibt neue Herausforderungen und wir müssen einiges neu denken. Aber ja, Sie können sich vorstellen: Weniger Besucher heißt weniger Ticketeinnahmen. Zusätzlich entstehen neue bzw. höhere Kosten wie z. B. durch besagte Sicherheitskonzepte. Es gibt weniger Einnahmen und mehr Ausgaben – natürlich hat das Konsequenzen. Aber seien wir ehrlich: Wir sind privilegiert. Wir sind eine Institution, die es weitergibt. Es gibt für mich keinen Zweifel: Wir müssen Festwochen abhalten. Wir sollten Vorbild sein, um Kultur zurück in die Gesellschaft zu bringen.

Die wurde in der Pandemie rasch an den Rand gedrängt – alles andere schien wichtiger als Kultur.

Das finde ich auch. Und das ist ein gewaltiger Langzeit-Schaden für die Kultur. Es ist schrecklich, was in dieser Krise passiert. Vor allem für die Künstlerinnen und Künstler, weniger für die Institutionen. Mein Job ist es nun plötzlich, Menschen von der Wichtigkeit der Kultur für die Gesellschaft zu überzeugen. Denn ich habe Sorge, dass man in dieser Krise sehr schnell sagt: Schaut mal, wir kommen auch ohne Kultur ganz gut zurecht. Es ist eine vernachlässigbare Größe. Aber das ist auch eine Chance, einiges neu zu denken oder zurückzusetzen. Die Herausforderung ist, nicht einfach zu sagen, dass Kunst fundamental notwendig ist. Sondern Kunst zu machen, die fundamental notwendig ist und eine essenzielle Rolle in der Gesellschaft spielt.

Was müsste man neu denken, was war denn falsch an der Kultur? Das Schielen auf Quoten?

Ja, zudem das Verhältnis zum Markt. Und wie die Kunst auch Teil eines Systems von Über-Produktion und Über-Konsum ist. Es war nie die Frage der Nachhaltigkeit von Produktionen. Es ging ums Tun, Tun, Tun. Nicht um die langfristigen Perspektiven.

Wie kann man die einnehmen?

Wir wollen künftig Künstler für längere Zeiträume an uns binden, diese auch in die lokale Szene einbringen, um andere, tiefer gehende Formen von Dauer zu definieren als „ich komme, ich spiele, und tschüss“. Und die Institutionen müssen viel flexiblere Werkzeuge entwickeln, um künftig das Unvorhersehbare zu meistern. Damit kann die Kunst zum Vorbild für den Rest der Gesellschaft werden.

Was unmöglich erscheint, ist die Eröffnung am Rathausplatz. Wird es irgendwas geben?

Das ist eine sehr gute Frage, wir führen derzeit Gespräche, um uns mit diesem Aspekt auseinanderzusetzen. Auch hier müssen wir natürlich verschiedene Szenarien durchdenken.

Was wären denn die Alternativen?

Da es ein Festival gibt, soll es auch eine Art geben, das Festival zu beginnen. Einfach die Besucherzahl zu verringern und weniger Menschen auf den Platz zu lassen, ist wohl keine Lösung. Wir arbeiten mit unseren Partnern an einer Strategie für den Rathausplatz, aber es gibt da noch etliche Fragezeichen.

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