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Schrenk/Strunk und der Frosch: „Die Polizei hat uns laufen lassen“

Das Publikum stirbt aus? Die beiden Theatermacher beweisen das Gegenteil. Nun folgt mit einem „X-Men“-Team für Reichenau „Die Fledermaus“
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Nils Strunk und Lukas Schrenk sind ein kongeniales Team. In den letzten zwei Saisonen haben sie sieben Produktionen rausgehaut, darunter „Gullivers Reisen“ am Burgtheater, „Killing Carmen“ an der Volksoper, „Pinocchio“ im Dschungel Wien und „Marie Antoinette“ am Salzburger Schauspielhaus. Am 1. Juli folgt „Die Fledermaus“ zum Start der Festspiele Reichenau.

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 Die Pressefotos gibt es nur in SW. Denn „Die Fledermaus“ spielt in den 1920er-Jahren ...

Wir treffen uns in der Kantine der Burg. Der eine, Nils Strunk, ist ziemlich aufgekratzt, der andere besonnen. Zumeist sprechen sie mit einer Stimme. Sind die beiden „nur“ Bühnenpartner? Oder mehr? „Nein, wir haben zusammen Schauspiel studiert und kennen uns von da an, wir sind sehr gute Freunde und haben nach dem Studium in einem Kollektiv gearbeitet. Und daraus haben wir uns als Duo herausentwickelt. Wir teilen alles außer das Bett sozusagen. Und wir waren nacheinander in Wiesbaden engagiert.“

Regieführen aus Notwehr

Nils Strunk, 1990 geboren und in Lübeck aufgewachsen, ging 2017 nach München: „Ich war bei Martin Kušej am Residenztheater. Seinem Ruf ans Burgtheater bin ich jedoch nicht gefolgt, ich wollte frei Musik machen und Regie führen. Er hat gesagt: ,Du spinnst ja, aber meine Tür steht offen.‘ Aber dann haben meine Partnerin, die bereits an der Burg war, und ich einen Sohn bekommen. Von da an lebte ich in Wien. Ich fragte Kušej, ob seine Tür noch offen sei. Er sagte ,na ja, gut‘. Ich hatte bereits eine Regiearbeit gemacht. Und so hab ich Kušej mein Konzept für die ,Zauberflöte‘ vorgeschlagen. Er sagte: ,Jetzt noch ein Schauspieler, der Regie führen will? Kannst gleich wieder gehen! Obwohl: Bei den Leuten, die wir euch teilweise vorsetzen, kann ich verstehen, dass man es selber machen will.‘“

Lukas Schrenk, 1991 in Heidelberg geboren, illustriert das Gesagte: „Ein Schauspielerfreund, der auch Regie studiert hat, sagt immer: ,Ich mach Regie nur aus Notwehr.‘“

Schrenk/Strunk hatten eine Zeit lang mit ihrem Schicksal gehadert. „Wir sind in einer Welt der postdramatischen Dekonstruktion groß geworden. Es ging um einen neuen Kanon, und man hat sich viel mit sich selbst beschäftigt. Aber etwas, das man definitiv außer Acht gelassen hat, waren die Menschen, die im Theater saßen oder sitzen sollten. Das war manchmal erschütternd. Die Belohnungsmechanismen innerhalb der Bubble sind Festivaleinladungen, eine spezielle Art von Feuilleton, also die Fachpresse, Preise und natürlich die Frage, wie man innerhalb von diesem Zahnradgefüge den nächsten Job bekommt. Das hat sich teilweise so entkoppelt von den Erwartungen des Publikums.“

Im Gummipimmelkostüm

Nils Strunk ergänzt: „Ich habe gar nicht mehr meine Familie zu einer Premiere eingeladen, denn ich wusste, dass sie nichts damit anfangen kann, wenn ich wieder mal mit einem Gummipimmelkostüm erscheine. Das ging aber nicht nur uns so: Wir kennen an deutschen Theatern so viele Ensemblemitglieder, die es frustriert, Dienstleistungen für Pseudo-Handschriften zu erfüllen. Ich war immer neugierig, wie das Publikum es sieht. Nach Vorstellungen im Residenztheater bin ich im Kapuzenpulli ins Foyer, um zu lauschen. Dann sagt der eine zur anderen: “Ich habe nichts verstanden.‘ Das sind die ehrlichsten Kritiken.„

Schrenk/Strunk unisono: “Wir haben nie den Umkehrschluss der Avantgarde verstanden: Nur wenn der Saal leer ist, ist es Kunst. Aber die Kunstform basiert darauf, dass nicht nur Leute vom Theater im Theater sitzen. Ist auch mal fein: Warum nicht ein Branchenabend? Aber nicht immer!„

Die beiden konnten den demotivierenden Satz nicht mehr hören: “Das Publikum stirbt aus, hat Goethe schon gesagt.„ Schrenk/Strunk wollten ihn widerlegen. “Innerhalb der Bubble würden einige vielleicht sagen, wir machen gefälliges Theater. Aber es freut uns, wenn es gefällt. Es freut uns, wenn ganze Familien kommen. Oder wenn jemand sagt: ,Ich war so lange nicht mehr im Burgtheater!‘ Oder wenn uns jemand sagt: ,Meine 16-jährige Tochter hat mir die Produktion empfohlen.‘ Etwas Beglückenderes kann man nicht hören. Das ist mega!„

Schrenk/Strunk haben längst Komplizen, darunter den Kollegen, den sie ehrfurchtsvoll den “Paten„ nennen: “Was Nicholas Ofczarek mit „Holzfällen‘ macht! Was das für eine Kraft hat! Das erzeugt einfach eine Resonanz bei den Menschen.“

Vor diesem Hintergrund muss man die Geschichte eines Erfolgs einen Tick anders erzählen. Kušej hatte für den Dezember 2020 die „Zauberflöte“ im Burgtheater angekündigt, umgesetzt vom „Kommando Himmelfahrt“. Im Juni 2021 hoffte er noch, dass es zur Realisierung kommen werde. Aber das Konzept dürfte ziemlich verkopft gewesen sein, der Direktor verlangte eine neue Fassung, man probte unendlich lang. Nils Strunk erzählt: „Ich hab das mitgekriegt und dachte mir: Das muss nach Tom Waits klingen und zirkusartig sein! Ich hatte alles vor Augen. Und man muss doch die Geschichte begreifen! Das hab ich zu Lukas gesagt. Er hat dann recherchiert über die Spektakelfreiheit, und die Wanderbühnen, die daraufhin in Wien sesshaft wurden.“

Die Hütte vollmachen

Nach dem Scheitern des Himmelfahrtskommandos brachte sich Strunk mit Schrenk in Stellung.

Die „Zauberflöte“ kam im Kasino heraus, wurde dort aber nur ein paar Mal gespielt. Dann übersiedelte sie in die Burg. „Das war unser erklärtes Ziel: Wir müssen die Hütte vollmachen.“

Die Hütte war voll. Es kamen erste Anfragen. „Wir stellten die Regel auf: Wir halten unser Wort. Auch gegenüber Maria Happel, die uns bereits vor drei Jahren, gleich nach der ,Zauberflöte‘, wegen der ,Fledermaus‘ gefragt hat. Wir sagten: ,Nach dem Strauss-Jahr? Super Idee!‘ Wir haben alles angenommen, weil wir uns derart gefreut haben. Dann kamen immer größere Anfragen. Aber wir wollten nichts absagen.“

2024 übersiedelte Schrenk, nach Wien. Es folgte u. a. „Die Schachnovelle“ an der Burg. Flops wurden prognostiziert, aber es kam keiner. Steigt daher die Angst vor dem Misserfolg? „Den haben wir mit jeder Arbeit erwartet. Und wir wissen: Irgendwann endet es. Manche halten sich, legen respektable Karrieren hin – über Jahrzehnte, aber zumeist ist es wie beim Tontaubenschießen. Man will das nächste Phänomen.“

Bei Rot über die Kreuzung

Schrenk/Strunk kosten den Erfolg aus, sie sprühen vor Ideen, nehmen aber nicht mehr so viele Aufträge an. „Es ist wichtiger, die Leidenschaft zu behalten, die Qualität zu halten. Denn das Pensum ist langfristig nicht aufrechtzuerhalten.“

Aber jetzt „Die Fledermaus“ mit voller Energie. „Wir arbeiten mit Leuten aus dem Rabenhof, aus der Volksoper, aus dem Bronski, aus der Josefstadt zusammen. Das ist wie bei ,X-Men‘: Die Besten der Besten kommen zusammen und geben alles!“ Und Strunk ergänzt: „Wir haben gestern mit Sebastian Wendelin noch nach der Probe im Auto am Frosch-Monolog gearbeitet. Ich war so enthusiasmiert dabei, dass ich am Ring eine rote Ampel überfahren habe. Dann hat uns die Polizei angehalten. Wendelin sitzt im VW Golf schwerst tätowiert mit einer Knarre in der Hand am Beifahrersitz. Da hatten wir Erklärungsnotstand. Aber die Polizei war dann durchaus amüsiert und hat uns laufen lassen.“

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Sebastian Wendelin als Frosch

Schrenk/Strunk scheint der Druck zu beflügeln. „Corona hatte Gewohnheiten gekillt. Denn Theater war für viele Menschen eine Gewohnheit: Wir gehen hin, obschon es uns wieder nicht gefallen hat. Damit hat man dann aufgehört. Daher waren manche Häuser recht leer. Aber in Zeiten der Budgetknappheit merken auch die groß geförderten Theater, wie wichtig Einnahmen sind.“ Den Verkaufsdruck gibt es in Reichenau, vergleichsweise gering subventioniert, seit Anbeginn.

Wie ein Meisterwerk entsteht

„Das fordert uns heraus. Das Interessante ist: ,Carmen‘, ,Zauberflöte‘ und ,Fledermaus‘ waren Projekte: ,Wir brauchen dringend einen Erfolg!‘ Die Premiere der ,Fledermaus‘ wurde 1874 wegen Geldproblemen sogar vorverlegt. Da mussten die Szenen und Lieder noch schneller geschrieben werden, die Kuriere sind am Tag zigmal zwischen Johann Strauss und Richard Genée hin- und hergefahren. Und dann entsteht so ein Meisterwerk. Auch wenn es viele kleine Logikfehler drin gibt. Völlig egal! Seit 150 Jahren folgt man der Handlung mit Begeisterung. Wir bleiben nahe am Original, aber fragen uns schon: Warum wird in dieser Verwechslungskomödie das ganze Konfliktpotenzial aufgebaut, wenn man das nicht effektvoll abschöpft? Wir versuchen daher ein etwas anderes Ende. Vielleicht scheitern wir auf ganzer Linie, weil uns das Reichenauer Publikum das nicht verzeiht. Zumal diese Operette in den 1920er spielt, da das Theater von Reichenau 1926 eröffnet wurde – mit der ,Fledermaus‘.“

Schrenk/Strunk beruhigen sogleich: „Sie ist so voller Hits, da kommt man gar nicht drum rum. Aber wir bringen nicht nur Csárdás und Walzer, sondern auch das, was in den 20ern beliebt war, Tango und Polka. Man wird also die ,Fledermaus‘ hören – und viel über eine Zeit erfahren, die sehr nah jener ist, in der diese Operette entstanden ist. Und es gibt Parallelen zu heute.“

Schrenk/Strunk schreiben das Stück (um), führen Regie, machen die Musik, bekommen Auftrittshonorare: „Ja, wir verdienen gut. Aber wir hackeln auch wie die Blöden. Manche Theater drücken sich gerne vor Tantiemen. Wir sind kompromissbereit, aber es geht um ein Prinzip. Ein Theater leiht sich das Recht, ein Stück aufzuführen. Und das muss selbstredend bezahlt werden.“

Wie einst bei Lennon/McCartney: „Wir machen in der Regel alles 50-50. Es ist so eine Art Yin-Yang-Prinzip, mal ist die Musik der Ausgangspunkt für einen Songtext, mal ist es umgekehrt. 50-50 ist die einfachste Lösung. Dann muss man nicht darüber nachdenken, ob man drei Stunden mehr gearbeitet hat – und man muss nichts auf die Goldwaage legen. Irgendwann gleicht sich ohnedies alles aus.“

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