Kultur
06.08.2018

Festspiele: „Pique Dame“ mit einem Ass

Kritik.Triumph für Mariss Jansons am Pult der Wiener Philharmoniker im Großen Salzburger Festspielhaus

Was war das nicht für ein Aufreger, damals, 2001, im letzten Jahr der Intendanz von Gérard Mortier bei den Salzburger Festspielen. Hans Neuenfels inszenierte „Die Fledermaus“ mit seiner Frau Elisabeth Trissenaar als Frosch und einer ziemlich mediokren Sängerbesetzung. Marcel Prawy lief in seiner Ablehnung zur Hochform auf, Besucher klagten vor Gericht auf Rückerstattung des Kartenpreises, weil nicht die „Die Fledermaus“ von Johann Strauss gegeben worden sei – und manche behaupten, man höre den Hall des Buh-Gebrülls immer noch wie die „Jedermann“-Rufe in Salzburg.

Nun, 2018, kehrte Neuenfels durch eine Verkettung unglücklicher (oder nach dem Erfolg nunmehr glücklicher?) Umstände nach Salzburg zurück. Eigentlich hätte Verdis „Aida“ noch einen Sommer lang gegeben werden sollen, dann wollte Anna Netrebko nicht mehr dabei sein, danach auch Dirigent Riccardo Muti nicht, sodass es wenig Sinn gemacht hätte, die Produktion von Shirin Neshat wieder aufzunehmen.

Als kurzfristigen Ersatz gelang es Intendant Markus Hinterhäuser, den wohl wichtigsten und auch besten Dirigenten unserer Zeit, Mariss Jansons, zu engagieren – ein Luxus von einem Einspringer! Der entschied sich für die Oper „Pique Dame“ von Peter Iljitsch Tschaikowsky, die in Salzburg erst einmal, konzertant mit Valery Gergiev, auf dem Programm gestanden war. Und als Regisseur holten die Festspiele ... Hans Neuenfels.

Die Inszenierung

Nun hatte natürlich niemand, der Neuenfels-Arbeiten zuletzt gesehen hatte, mit einem ähnlichen Skandal wie bei der „Fledermaus“ gerechnet, weshalb wir seine Inszenierung der auf Puschkin basierenden Geschichte (das Libretto stammt von Tschaikowskys Bruder Modest) unabhängig von historischen Aufregern beurteilen wollen. Und da zeigt sich: Neuenfels ist nach wie vor ein extrem professioneller, hochkarätiger Regisseur, der Räume famos nützen kann, sogar komplexe Einschübe wie das Schäferspiel souverän bewältigt und auch den großen Chor (sehr gut: die Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor) handwerklich gut auf der Bühne zu bewegen weiß. Die dunklen, mysteriösen, bedrohlichen Bilder (Bühne: Christian Schmidt) passen zum melancholischen und dramatischen Grundton der Oper und zur letzten Lebensphase des Offiziers Hermann, der der legendären Gräfin das Geheimnis der drei Karten gewaltsam entlockt, dafür seine Geliebte Lisa opfert und danach selbst zugrunde geht. Allerdings sind Teile der Interpretation und auch die Personenführung von Neuenfels klischeehaft, sogar banal und zahnlos.

Neuenfels konfrontiert die Protagonisten mit der Gesellschaft, die einmal in absurden Badeanzügen schwimmt, dann so seltsame Mützen auf dem Kopf trägt, dass man an seinen „Lohengrin“ im Rattenreich in Bayreuth erinnert wird. Wirkliche Spannung baut er damit nicht auf. Die Ästhetik wird zur Ästhetisierung, fast jedes Bild zum Selbstzweck mit ein paar halbprovokanten Zitaten aus dem eigenen Fundus. Dass die Zarin Katharina als Skelett erscheint, kann man zumindest als Ansatz von Gesellschaftskritik interpretieren, als Symbol für ein untergehendes Reich.

Die Liebesgeschichte zwischen Hermann und Lisa wirkt kaum glaubwürdig. Hermann macht wenig Entwicklung durch und ist von Anfang an der Narr im roten Kostüm, das der aktuellen „Zauberflöte“ entsprungen sein könnte. Lisa, großteils in weiß, repräsentiert eine extrem naive Frau. Die Russen sehen aus wie aus einem Kinderbuch, mit Pelzmänteln und langen Haaren, alles sehr stereotyp. Allerdings ist die Gräfin diesmal besonders gut und auch gut gezeichnet: Hanna Schwarz singt nach wie vor höchst intensiv, ausdrucksstark und spielt erfreulicherweise keine Greisin im Rollstuhl, sondern eine Dame, die immer noch zu lieben bereit wäre und sich sehnsüchtig an ihre eigene Vergangenheit erinnert.

Das Dirigat

Das Beste an diesem Abend im Großen Festspielhaus ist aber eindeutig das Dirigat von Mariss Jansons am Pult der Wiener Philharmoniker, die nach der „Salome“ von Richard Strauss nun auch bei der Tschaikowsky-Oper in bestechender Form spielen. Jansons, der offenkundig extrem viel geprobt hat, ist ein meisterhafter musikalischer Erzähler, bei dem jede Phrase Sinn macht und der Tschaikowsky als genialen Melodiker ausweist, was ihm diesfalls besonders wichtig war. Er changiert zwischen großer Dramatik und zartesten, kammermusikalischen Momenten. Sein Dirigat ist differenziert, wie es differenzierter kaum sein könnte, dynamisch ausbalanciert. Die Frage, ob etwas zu schnell oder zu langsam gespielt wird, zu laut oder zu leise, stellt sich bei ihm nicht – hier ist alles richtig, stringent, überwältigend. Ein Meisterstück, wie schon im vergangenen Sommer seine Gestaltung der „Lady Macbeth von Mzensk“ von Schostakowitsch.

Die Sänger

Aus der Besetzung ragt neben der Gräfin Igor Golovatenko als Fürst Jelezki heraus – mit schön timbriertem, noblem, aber kraftvollem Bariton. Er ist ein wahrer Stilist. Brandon Jovanovich als Hermann setzt alles, was er hat, für darstellerische und gesangliche Gestaltung ein, und das ist definitiv viel. Allerdings muss er sich in der Höhe doch ziemlich abmühen. Evgenia Muraveva ist eine schön singende, dunkel timbrierte, solide Lisa, bei ihr gäbe es jedoch ausdrucksmäßig einige Luft nach oben. Die Geschichte der beiden lässt einen ziemlich kalt. Der Rest der Besetzung ist gut, von Vladislav Sulimsky als Graf Tomski bis Alexander Kravets als Tschekalinski, von Stanislav Trofimov als Surin bis Oksana Volkova als Polina.

Das Premierenpublikum jubelte am intensivsten, als Evgenia Muraveva den Dirigenten zum Schlussapplaus holte. Neuenfels wurde mit seinem Team von niemandem abgeholt – er marschierte selbst zum (lauen) Applaus auf die Bühne. Als könnte er es nach 17 Jahren nicht mehr erwarten.