Kultur
05.10.2018

Felix Kramer: Distanziert zu den eigenen Wunden

Der Wiener Liedermacher Felix Kramer legt sein berührendes Debütalbum vor: "Wahrnehmungssache".

„Es gibt viele Lieder, die ein Happy End haben. Ich fühle mich dafür aber nicht zuständig“, sagt Felix Kramer im KURIER-Interview. Es sind vielmehr die kleinen und größeren Niederlagen des Alltags, die den jungen Wiener Songwriter, der bürgerlich Felix Pöchhacker heißt, beschäftigen. Denn: Wirklich super sei es im Leben eher selten.

Dass ein 23-Jähriger solche Sätze von sich gibt, sollte einen zwar nachdenklich stimmen, aber nicht weiter beunruhigen. Denn der gebürtige Ottakringer versinkt nicht in Verzweiflung, sondern macht Mut: „Moch die ned fertig, es is hoit nix woan“, singt Felix Kramer – und nimmt mit diesen Worten sich und seinen Hörern die Last von den Schultern. Der dazugehörige Song heißt „Trotzdem nix woan“ und ist Teil seines soeben veröffentlichten Debüts „ Wahrnehmungssache“. Den darauf zu hörenden Texten nach zu urteilen, müsste Felix Kramer weit über 50 sein. Denn die Zeilen, die er im auch außerhalb von Wien verständlichen Hauptstadt-Dialekt singt, klingen lebenserfahren, ja fast schon altersklug. Soll heißen: Die persönlichen Nöte und seelischen Wunden werden nicht pathetisch und hormonüberladen geleckt, sondern mit der nötigen Distanz verarztet.

 

 

Felix Kramer singt von zwischenmenschlichen Gräben, von Beziehungen, die man früher beenden hätte sollen, aber auch von gesellschaftlichen Gräben, von Sorgen, die ihm die neue Regierung bereitet. Das titelgebende Stück „Wahrnehmungssache“ spricht etwa Ereignisse an, die ihn gerade beschäftigen. „Es passieren Dinge in Österreich, die nicht gut für das Land und das Miteinander sind. Momentan treffen Politiker Entscheidungen, die meine Zukunft betreffen und mich deshalb besorgen“, sagt Kramer, der in seinen Liedern Themen ansprechen will – ohne dabei zu jammern.

„Man sollte nicht unnötige Emotionen ins Spiel bringen, sondern sich lieber überlegen, was man dagegen unternehmen kann. Es gilt, hellwach zu bleiben, alles kritisch zu hinterfragen. Denn je abgestumpfter und desinteressierter die Wählerschaft ist, desto mehr ist ihnen egal, desto einfacher ist es, fragwürdige Gesetze zu beschließen“, sagt Kramer.

Ludwig Hirsch

Mit einem klassischen Liebeslied, einer überhöhten Weltschmerz-Hymne kann Kramer nicht dienen. Ausgearbeitet hat er seine Songs mit Hanibal Scheutz von 5/8erl in Ehr’n und Sohn des im Vorjahr verstorbenen Musikers Wilfried Scheutz. Zusammen hüllte man die Texte in ein intimes, aber auch radiotaugliches Vier-Minuten-Pop-Gewand, bei dem die Lagerfeuergitarre den Ton angibt.

Bei Balladen wie „Beide allan“ werden Gefühle durch Streicher verstärkt. Das klingt nach Element of Crime trifft Ludwig Hirsch trifft Georg Danzer. Die Nähe zu solchen Künstlern streitet Felix Kramer auch gar nicht ab. „Ich habe viele alte Musik gehört: Songs von Ludwig Hirsch, Jacques Brel, Yves Montand, Serge Gainsbourg und Bob Dylan.“ Aus diesen Inspirationsquellen hat er seinen eigenen Stil destilliert, mit dem er sich von der zuletzt erfolgreichen wie weingetränkten Tschocherl-Romantik, wie sie Wanda und Voodoo Jürgens in ihren Liedern zelebrieren, abgrenzt. „Unbewusst“, wie er sagt. Denn der Erfolg von Wanda und Co. hätten ihn motiviert, weitere Songs zu schreiben.

Dass nun elf davon veröffentlicht wurden, hat er u. a. Hannes Eder zu verdanken. Der frühere FM4-Musikchef und Ex-Universal-Österreich-Boss hat Kramer zu seinem kürzlich gegründeten Label Phat Penguin geholt.

Auf „Wahrnehmungssache“ entfalten Kramers Songs eine poetische Kraft, die eine morbide Schlagseite ebenso aufweisen wie Trost und Hoffnung spenden. Es kommt eben immer darauf an, von welcher Seite man die Lebensmedaille betrachtet. Auf ein Happy End wartet man bei Felix Kramer aber vergebens. Dafür sind eben andere zuständig.

Felix Kramer live: 9.10., Porgy & Bess/ Wien; 15.10., Scherbe/Graz; 14.2., Kufa/Kufstein; 15.2., Spielboden/Dornbirn; 16.2., Röda/Steyr. 17.2., Jazz It/Salzburg. Weitere Termine folgen.