Kultur
05.12.2011

"Faust": Eine lange Geschichte vom Theater

Festspiele: Nicolas Stemann scheitert grandios am aberwitzigen Versuch, den ganzen "Faust" zu inszenieren.

Man wankt um halb zwei Uhr Nachts von der Perner Insel und wird von einem Passanten angesprochen: "Waren Sie im ,Faust'? War's gut?" Als ob man das immer so sagen könnte. Ist das überhaupt wichtig? Achteinhalb Stunden lang lässt man sich von Regisseur Nicolas Stemann und seinem exzellenten Team (stellvertretend seien hier die beiden besten genannt: Sebastian Rudolph und Patrycia Ziolkowska) mit Bildern, Musik und Worten beschießen. Nachher weiß man nicht mehr, wie man heißt, geschweige denn, was man da genau gesehen hat. Man fühlt sich erschöpft, aber zufrieden. Als hätte einem jemand achteinhalb Stunden lang Hirn und Seele durchgeknetet.

Was lässt sich mit Sicherheit sagen? Nicolas Stemann hat etwas inszeniert, das "Faust I" ähnlich sah und das entfernt an "Faust II" erinnerte. Und ja: Doch, es war gut. Danke, gute Nacht. Erstaunlich: Der überwiegende Teil des Publikums hielt bis zum Schluss durch. Man sah auch keine Dösenden. Stemanns Arbeit lässt keine Müdigkeit gelten. Der Applaus am Ende war ohrenbetäubend (mit wenigen Buhs durchsetzt). Vermutlich haben die Zuschauer auch sich selbst applaudiert.

Der Abend beginnt großartig. Eine leere Bühne, ein Schauspieler, ein zerfleddertes Reclam-Heft. Der Schauspieler beginnt zu blättern. Und langsam wächst "Faust" aus dem Bühnenboden. Fast wünscht man sich, der ganze Abend bliebe so.
"Faust I" wird als Monolog erzählt, den sich drei Darsteller teilen. Rollen gibt es nicht. Das ergibt ein großartiges Wortkonzert. Manchmal aber vermisst man schmerzhaft Szenen statt der Bilder. Die schon ranzig riechende Gretchen-Tragödie säuft stellenweise ab.

Chaos

Nach der ersten Pause dann die ersten Akte von "Faust II". Faust erfindet im Vorbeigehen Papiergeld und Kapitalismus, sein Famulus Wagner erschafft den Kunstmenschen Homunculus. Auf der Bühne bricht das reine Chaos aus: Puppenspiel, improvisiertes Kabarett, Selbstironie, Talkshow-Parodie, grelle Kapitalismus-Kritik, ein Jean-Ziegler-Zitat. Dazwischen springt der Regisseur über die Bühne und versucht, teilweise singend, diesen wirren, faszinierenden Furor zu bändigen.

Danach die Helena-Geschichte: Stemann erzählt sie als klassische Tragödie, die am Ende, als Helena und ihr Sohn sterben, in eine Satire auf Spießer-Idyllen in der Reihenhaus-Hölle kippt. Am Ende wieder starke Bilder: Soldaten tanzen, Germanisten faseln, die Darsteller streichen Wände an, auf die Bilder projiziert werden. Die Handlung um Krieg, Landgewinnung, Seelenrettung ist nur zu ahnen. Dann verstummt die Aufführung, der Text wird nur noch als Übertitel eingeblendet - bevor sich alle zum Schluss in einem großen Chor finden.

Elfriede Goethe

Fazit: Dieser Abend trägt zwar den Autorentitel Goethe, aber er fühlt sich an wie von Jelinek. Und das ist KEINE böse Bemerkung. Stemann erzählt die Geschichte vom Versuch, den ganzen "Faust" auf die Bühne zu bringen. Er erzählt vom Theater, von Schauspielern, Tänzern, Sängern, Bühnenbildnern, Musikern, Lichtkünstlern, die versuchen, aus Luft und Staub eine neue Welt zu formen. Er erzählt vom Versuchen, nicht vom Gelingen. Und darum geht es im "Faust". Einmal kommt eine Sängerin auf die Bühne und macht aus einem Stück "Faust"-Sekundärliteratur eine Opernarie. Und zwar eine tolle! Was für ein Abend.

KURIER-Wertung: **** (von *****)