Der hübsche Jonas Dassler verwandelte sich in den verunstalteten Serienmörder Fritz Honka

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Kultur
03/02/2019

Fatih Akin über "Der Goldene Handschuh": „Nicht für jeden zu empfehlen“

Fatih Akin verfilmte Heinz Strunks Roman über Serienmörder Fritz Honka: „Der Goldene Handschuh“.

von Alexandra Seibel

In Hamburg kennt ihn jeder, in Restdeutschland – und vielleicht auch in Österreich – spätestens seit 2016: Da erschien das Buch von Heinz Strunk über Fritz Honka, einen deutschen Serienmörder, der in den frühen 70er Jahren mindestens vier Frauen brutal tötete und ihre Leichenteile in seiner Wohnung versteckte.

Strunk nannte seine hoch akklamierte, sorgfältige Milieustudie „Der goldene Handschuh“. Er bezog seinen Titel auf jene ranzige Kiezkneipe in Hamburgs St. Pauli, in der Honka seine späteren Opfer kennen lernte.

Es dauerte nur zwei Jahre, bis das Kino in Form von Fatih Akin zuschlug. Zuletzt reüssierte der deutsche Regisseur über die Maßen mit seinem Neo-Nazi-Thriller „Aus dem Nichts“. Mit seiner Verfilmung von „Der Goldene Handschuh(derzeit im Kino) schaffte er einen Aufreger auf der diesjährigen Berlinale. Das Publikum spaltete sich in begeisterte Bewunderer und wütende Gegner.

In einem sind sich Fans und Feinde jedoch einig: Die Rekonstruktion des tristen 70er-Jahre-Milieus der saufenden Stammgäste in „Der Goldene Handschuh“ ist unfassbar detailgetreu, die Darstellung von Honkas Mordserie unfassbar brutal.

„Ich habe die Möglichkeit gesehen, aus diesem Buch einen Horrorfilm zu machen“, erklärt Fatih Akin im KURIER-Gespräch: „Horror hat mich zum Film gebracht. Und meist können die Amis Genre-Filme besser. Aber nach der Lektüre von Strunks Roman hatte ich die Idee, den Serienmörders, der ja eine popkulturelle Figur ist, stark hervorzuheben: Ich brauchte nur die Chronologie und die Perspektive etwas zu verschieben.“

Säufer

Die Perspektive, das ist die eines durch Unfall entstellten Nachtwächters und Säufers, dessen Hässlichkeit die Frauen abschreckt. Nur obdachlose, alkoholkranke, ältliche Prostituierte lassen sich in dessen Wohnung abschleppen. Dort kommt es zu impotenten, dafür umso ekelhafteren sexuellen Interaktionen und schließlich stumpfen Schlachtungen, von Fatih Akin empathielos, dafür in großer Drastik, abgefilmt. Seine verwahrlosten Opfer zerlegt Honka mit amateurhafter Blödheit, steckt Leichenteile in den Küchenasten und verscheucht Schmeißfliegen.

„Ich kann den Film nicht jedem empfehlen“, gibt Akin gut gelaunt zu: „Es ist ein radikaler Film, den man auch ablehnen kann. Bestimmte Platten von Iggy Pop kann man auch ablehnen, ich hör’ sie trotzdem gerne.“

Der Selbstvergleich mit Iggy Pop liegt zwar nicht klar auf der Hand, die Brutalität der Taten schon: „Ich wollte nicht erklären, warum Honka ist, wie er ist. Ich habe dazu Szenen gedreht, aber wieder heraus geschnitten. Was weiß ich, warum der so ist. Er ist einfach krank.“

Akin selbst wuchs „um die Ecke“ des Hamburger Tatortes auf, sein Freund, der Schauspieler Adam Bousdoukos spielt seinen eigenen Patenonkel, der tatsächlich in einer Nachbarwohnung von Honka wohnte: „Es war real, es war greifbar“, erinnert sich der 45-jährige Regisseur: „Das macht es gruseliger, weil es glaubhafter ist.“

Was er sich dazu überlegt habe – apropos #MeToo – wie man Gewalt an (nackten) Frauen inszeniert?

Nicht allzu viel.

„Es war nicht mein Wunsch, Gewalt zu feiern“, sagt Akin: „Ich musste einen Weg finden, der die Würde der Opfer behält und trotzdem realistisch ist.“

Allerdings ist es schwierig, seine Würde zu behalten,wenn man minutenlang zu Tode stranguliert wird: „Ich war immer in Dialog mit den Schauspielerinnen“, beteuert Fatih Akin: „Sie sind gestandene Frauen und haben immer alles unterstützt. In so einem Moment kann ich mich auf die Frauen verlassen und ihnen vertrauen.“

Wie schön. Aber einen Seelsorger gab’s auch am Set. Für alle Fälle.