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Kultur
07/31/2012

Fasching - Von Gerhard Fritsch

Fritsch erzählt hier die Geschichte einer Heimkehr, eine Art Dürrenmatts "Besuch der alten Dame" unter anderen Vorzeichen.

Harsche Kritik am eigenen Land und etwas, das man Anti-Heimatroman nennen könnte, hat in der öster­reichischen Literatur eine lange Tradition. Das beginnt bei Johann Nestroy, Karl Kraus oder Ödön von Horváth und führt bis zu Thomas Bernhard, Elfriede Jelinek und Robert Schneider. Vielleicht der wichtigste Vertreter in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg ist der 1924 in Wien geborene Gerhard Fritsch. 1967 legte er sein Hauptwerk vor, den Roman "Fasching".

Fritsch erzählt hier die Geschichte einer Heimkehr, eine Art Dürrenmatts "Besuch der alten Dame" unter anderen Vorzeichen. Denn Felix Golub kommt nicht als reicher Förderer, sondern nach zwölf Jahren russischer Kriegsgefangenschaft zurück in sein Dorf. Dort hatte er sich während des Zweiten Weltkriegs versteckt, ein ängstlicher Deserteur, als Dienstmädchen verkleidet und zum Halbsklaven der lokalen Baronin gemacht. Golub rettete bei Kriegsende das Dorf, war der kommandierende Major doch in seine Identität als Magd verliebt. Im entscheidenden Augenblick zwang Golub ihn zur Kapitulation. Die Dörfler dankten es ihm nicht, im Gegenteil, sie lieferten ihn der Gefangenschaft aus.

Jetzt ist er wieder da, der Felix Golub, soll das Foto­atelier des alten Wazurak übernehmen, sich mit der Baronin und den Dorfbewohnern aussöhnen. Doch die Hono­ratioren sind noch so nationalsozialistisch gesinnt wie zuvor, sie alle sind "alte Kameraden", die "ihren Mann gestellt" haben. Sie geben Felix Golub die Schuld an Niederlage und Nachkriegsrepressalien, werden von Gerhard Fritsch als selbstgefällige und vergessensselige Traditionalisten demaskiert. In einer so schrecklichen wie grotesken Szene verwandelt sich der Besuch im Heimatmuseum in eine Eskalation der Gewalttätigkeit: Golub bekommt die "historischen" Folterinstrumente nicht nur zu sehen, sondern erlebt sie am eigenen Leib. Die alten Ortsgruppenleiter, die damaligen Führer von Hitlerjugend und BDM wollen ihn so zwingen, einen Persilschein für sie zu unterschreiben.

Makaber inszeniert Fritsch diese Rückkehr und nutzt dazu einen modernen und komplexen Stil. "Fasching" macht es auch den heutigen Lesern nicht leicht: Die zwei Zeitebenen – Golubs quälendes Versteckspiel als Dienstmädchen und die ausufernde Brutalität und Gewalt nach seiner Heimkehr – werden kunstvoll miteinander verwoben, die Perspektiven wechseln schnell, innere Mono­loge oder indirekte Rede bestimmen die rhythmische Prosa, die sich am Schluss des Romans gar von Grammatik und Satzzeichen löst. So reißt der Text seine Leserinnen und Leser zwischen Gegenwart und Vergangenheit hin und her, treibt sie vorwärts durch die Seiten, lässt sie Bangen und Schaudern. Und zornig werden auf die selbstgefälligen Überlebenden und Kriegsgewinnler.

Erfolg konnte ein solches Buch in den 1960er-Jahren freilich nicht haben. "Fasching" wurde als Pamphlet abgeurteilt – derart krass wollte man nichts von Vergangenheitsbewältigung hören. Bis heute zählt Gerhard Fritsch zu den eher vergessenen Autoren. So wurde "Fasching" erst 1995 durch eine Neuauflage wieder greifbar. Bis heute gibt keine einzige Leser-Rezension auf amazon. "Fasching" ist keine leichte Kost. Aber große, couragierte Literatur, die gegen Doppelmoral und Faschismus anschreibt. Hoffnung freilich, scheint es hier, anders als noch in Fritschs Erstling "Moos auf Steinen" von 1956, keine zu geben. Auch für den Autor nicht, der vor allem durch seine Herausgeber-Tätigkeit die österreichische Literatur maßgeblich formte.

1969 beging der 45-jährige Schriftsteller Selbstmord.

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