Farin Urlaub im All und auf Reise-Mission

SWITZERLAND MUSIC OPENAIR ST. GALLEN
Foto: EPA/ENNIO LEANZA Farin Urlaub  und sein Racing Team 2015 live: 5. Juni Wien, Arena; 6.  Juni  Graz, Stadt- halle

Am Freitag erscheit das neue Farin-Urlaub-Album "Faszination Weltraum". Ein Interview.

Was hat ein Footballer mit dem Weltall zu tun? Und was haben rockige Songs über Bausünden, den Sommer oder Superman mit dem Weltall zu tun?

"Absolut gar nichts", sagt Farin Urlaub und grinst zufrieden. Der Die-Ärzte-Gitarrist und -Sänger hat sein kommenden Freitag erscheinendes Solo-Album "Faszination Weltraum" genannt und zeigt sich am Cover als heroischer Sportler mit breit gepolsterten Schultern und Kriegsbemalung – nur, weil beides Spaß macht.

Insofern passt es dann doch zur Musik: Einmal mehr zeigt Urlaub in den neuen Songs einen Drive und eine Leidenschaft, die 25-jährige Newcomer oft nicht aufbringen. Einmal mehr sind seine Texte geprägt von skurrilen Geschichten und schwarzem Humor, wobei sich hinter scheinbar banalen Sätzen oft auch pointiert formulierte Weisheiten verstecken.

KURIER: Sie sagen, dass viele der neuen Songs auf diversen Reisen entstanden sind. Wo waren Sie, welche Songs sind wo entstanden?

KONZERT "DIE ÄRZTE" Foto: APA/MARKUS LEODOLTER Farin Urlaub: Wo welcher Song entstanden ist, kann ich nicht genau sagen, ich führe da kein Tagebuch. Ich habe ein Diktiergerät, da nehme ich alle Ideen auf. Texte oder Melodien. Und im Idealfall beides, im Idealfall gleich das komplette Lied.

Die Ideen, die Ihnen da kommen, hängen aber selten mit den Reisen zusammen. Außer vielleicht in dem Song „Keine Angst“.

Nein, tun sie auch nicht. Es ist so, dass mich die Reisen in einen Zustand der Ekstase und Freude bringen. Und in diesem Zustand fallen mir viele Sachen ein. In „Keine Angst“ spreche ich nicht von mir, denn ich habe auf Reisen genug Angst. Das gehört schon dazu, denn ohne Angst wird man unvorsichtig, geht gefährliche Risiken ein und stirbt vielleicht.

Wo hatten Sie Angst?

Darüber möchte ich eigentlich nicht reden. Denn ich würde das nicht zur Nachahmung empfehlen, was ich dabei manchmal so mache.

Als wir das letzten Mal sprachen, sagten Sie, ihr Ziel ist, jedes Land der Erde einmal bereist zu haben. Wie weit sind Sie dabei gekommen?

Damals hatte ich glaube ich 118 Länder bereist. Jetzt bin ich ein Stückchen weiter, aber noch weit vom Ziel entfernt. Es gibt ja auch einige Länder, wo man gerade nicht hinfahren kann. Aber vielleicht geht es in drei oder vier Jahren. Da muss ich dann ganz schnell hin, bevor es wieder nicht mehr geht.

Zurück zum Album: Was hat der Titel „Faszination Weltraum“ mit den Songs zu tun? Und was hat der Footballer, den Sie am Cover darstellen, mit dem Weltraum zu tun?

Absolut gar nichts! Aber ich fand, dass „Faszination Weltraum“ ein schöner Titel ist. Der musste einfach sein. Und das Cover passt weder zum Album noch zum Titel. Aber das ist doch schön, so soll das sein. 

Einer sehr mysteriöser Song auf dem Album ist „Immer dabei“. Da weiß man am Ende nicht, wer da immer dabei ist. Das Gewissen? Ein . . .

SWITZERLAND MUSIC OPENAIR ST. GALLEN Foto: EPA/ENNIO LEANZA Und die Wahrheit ist, ich weiß es auch nicht. Ehrlich nicht. Wir haben bei den Aufnahmen im Studio, einen Wettbewerb gehabt, mit der Frage, wer könnte das sein – einfach, um es selbst zu wissen. Ist es das Über-Ich, ist es das Gewissen, ist es die Seele? Und irgendwann kam ich morgens ins Studio und Mirko (Anm.: einer der Produzenten) sagte, ich weiß, wer das ist. Ich: Na wer denn? Er: Otto Sander, der Engel aus "Der Himmel über Berlin". Dann sind wir den Text durchgegangen und fanden, nee, das passt auch nicht. Also: Ich weiß es einfach nicht.

Woher kommen Ihnen dann solche Ideen für Texte, wenn sie keine schlüssige Story haben?

Ich weiß nie, wo diese Ideen herkommen. In dem Fall hatte ich zuerst die Musik und wusste, dass es eine etwas düstere und rätselhafte Geschichte werden sollte. Dann hatte ich die erste Zeile, hab damit weitergemacht und abgewartet, wo es hinführt. Das Schöne ist, dass man sich so als Künstler selbst überraschen kann. Als ich die letzte Zeile hatte, dachte ich, das ist schon ein Schlag in die Magengrube. Deshalb habe ich sie mal versuchsweise gegen etwas Harmloseres ausgetauscht, war damit aber auch nicht glücklich. Anders war das irgendwie runder. Aber warum? Keine Ahnung! Das ist der Grund, warum ich meine Texte auch nicht gerne analysiere.

„Fan“ singen Sie aus der Sicht eines Hörers. Welche Band hat sie so enttäuscht?

Ich bin von ein paar Künstlern enttäuscht, aber lange nicht so arg, wie der Typ in dem Lied. Nein, dieses Lied ist eine Sammlung von all den Kommentaren, die ich seit den 80er-Jahren kriege - sowohl für Die Ärzte, als auch für meine Solo-Sachen. Bei jedem Album ist für irgendwen Schluss, der sagt, also bis hierher bin ich den Weg gegangen, aber jetzt ist es ganz schlimm. Das ist seit dem zweiten Die Ärzte-Album so.

Warum glauben Sie, ist das so?

Die Leute verbringen eine gewisse Zeit mit einem Album und dann ist es ihnen ans Herz gewachsen. Damit kann ein neuer Song natürlich nicht mithalten. Und weil es ihnen so viel bedeutet, sind sie auch ganz schnell enttäuscht. Aber sie suchen auch nach so einer Enttäuschung. Einer meiner Lieblings-Mail-Wechsel war mit jemanden, der sich zwei Seiten lang darüber ausgekotzt hat, dass er all die Jahre dachte, wir wären eine coole Band. Und jetzt hat er gesehen, unsere Tickets kosten 60 Euro und wir sind totale Schweine. Da konnte ich nur sagen, das ist aber der Schwarzhändler-Preis. Unsere Tickets kosten die Hälfte!

Ist es eine Herausforderung, in Zeiten wie diesen an Ihren Richtlinien von früher - wie eben moderate Ticketpreise - festzuhalten?

Leute-News: Farin Urlaub Foto: dapd/Katja Lenz/ddp Nein! Man darf halt nicht zu gierig werden. Wenn man mit dem zufrieden ist, was man hat, braucht man nicht immer noch mehr und mehr. Der Erfolg ist zu unserer großen Verwunderung ganz von selbst immer größer geworden. Aber man muss ja nicht immer noch größer werden.

Sie sagen über Ihr Leben und Ihren Erfolg, dass Sie sehr viel Glück hatten. Fragen Sie sich manchmal, warum gerade Sie so viel Glück hatten?

Nein. Ich benutze das Glück, um meine Neugier zu befriedigen, um vielleicht auch mal jemandem zu helfen. Aber da nach Gründen suchen . . . wo sollten die liegen? Selbst wenn wir die Existenz einer kosmologischen Macht zu Grunde legen - was ich nicht tue -, habe ich zu der keinen Zugang. Dann kann ich auch nur ,Dankeschön‘ sagen. Was natürlich nicht heißt, dass ich mein Leben nicht als Glück wahrnehme. Ich nehme das sehr wohl als sehr außergewöhnlich wahr.

Es interessant, dass Sie so viel in verschiedenen Ländern und Kulturen unterwegs sind, so viele unterschiedliche Philosophien kennengelernt haben, und trotzdem so realistisch geblieben sind.

Vielleicht bin ich das gerade deshalb. Philosophie ist ja nichts anderes, als der Versuch der Menschen, Sinn in alles Unerwartete hineinzulegen. Früher war die Wahrscheinlichkeit, dass du jung stirbst, dass deine Kinder jung sterben, recht hoch. Um deshalb dem Ganzen einen Sinn zu geben, hat man verschiedene Ebenen von Gottheiten dazwischen geschalten - um zu sagen, ja, das hat einen höheren Sinn. Denn es ist hart für die Leute, sich mit der Wahrheit konfrontiert zu sehen, dass unser Leben völlig sinnlos ist. Und dann auch noch schmerzhaft und kurz - das ist zu viel! Mein Leben ist genauso sinnlos, aber es ist schon relativ lang und überhaupt nicht schmerzhaft, sondern einfach wunderbar. Vielleicht brauche ich deshalb kein Gerüst, um zu sagen, ja es ist zwar hart, aber die Belohnung kommt in Jenseits.

Ist der Song „Alles wird gut“ zynisch gemeint?

Da muss man unterscheiden: Wenn ich die Nachrichten lese und auch in gewisse Gegenden reise, dann kriege ich natürlich mit, dass überhaupt nicht alles gut ist. Aber ich sage mal, die Leute, die dort leben, hören meine Lieder nicht. Die sind schon für unseren Kulturkreis bestimmt. Und in unserem Kulturkreis beobachte ich Leute, die sich furchtbare Sorgen um ganz viele Dinge machen, die, wenn man sie mal ehrlich betrachtet, gar nicht so wichtig sind. Aber wir schaffen es nicht, zu sagen: Muss ich jetzt wirklich zwei Mal in der Stunde auf Facebook sein, um zu kontrollieren, wer mich noch mag und wie viel Applaus ich noch kriege? Oder ist das vielleicht gar nicht so furchtbar wichtig? Wobei ich natürlich auch weiß, dass ich ein sehr spezielles Leben führe und deshalb darf ich „Alles wird gut“ nicht zu laut sagen.

Der Song „3000“ beginnt mit der Zeile „Alle fragen sich, wie kann ich noch schöner werden, aber keiner fragt sich, für wen“ . . .

Das ist doch eine total schöne Zeile, oder? Und sie stimmt ja auch: Es ist immer wieder erstaunlich, wie viel Aufwand Leute in Kleidung oder Ähnliches investieren. Ich denke dann immer, okay, gut . . . und jetzt? Und im letzten Jahr haben zwei Bekannte von mir damit angefangen: Ich habe Burn-Out. Und ich: Überleg mal, wie es dazu kommen kann? Ist wirklich die Firma schuld, oder hast du dich darauf eingelassen? Ich halte diese Erreichbarkeit für 24 Stunden am Tag und sieben Tage in der Woche für ein großes Problem. Die Tatsache, dass man überhaupt keine Rückzugsgebiete oder  -Auszeiten mehr hat. Dass man sagt, ich bin jetzt Teil einer gewissen Corporate Culture und ich muss sofort Ergebnisse liefern. Ich glaube, dass ich in so einer Welt nicht funktionieren könnte.

Aber ist es nicht eher ein Privileg Ihres Jobs und Ihrer Branche, dass Sie sich da gut raushalten können?

Vielleicht könnte es aber auch bei mir so sein, wenn ich mich darauf einlassen würde. Da sind wir wieder bei der früheren Frage: Wenn ich noch viel mehr wollen würde, müsste ich noch viel mehr geben. Aber mir reicht das, was ich habe. Das ist schon mehr, als ich mir je hätte träumen lassen. Deswegen ist es immer schwierig, wenn ich Lieder über diese fremde Welt schreibe, denn natürlich habe ich ganz viel Schwein gehabt. Und ja, wer weiß, wenn ich in einer anderen Position wäre, müsste ich vielleicht auch rund um die Uhr erreichbar sein. Aber von außen betrachtet, denke ich, das ist nicht der richtige Weg für unsere Gesellschaft.

Sie hatten in den letzten Jahren diesen Die Ärzte-Solo-Die-Ärzte-Rhythmus? Geht es so weiter? Kommt nach der Tour mit dem Farin Urlaub Racing Team wieder ein Die Ärzte-Album?

Schauen wir mal. Bis jetzt war es so. Ich hätte auch noch genug Ideen für ein zweites Solo-Projekt, aber ich habe keine Zeit! Ich will ja auch reisen.

(kurier) Erstellt am
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