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Millionenschweres Erbe
05/07/2014

"Blitz aus heiterem Himmel": Gurlitts Kunst soll nach Bern

Der verstorbene Sammler vermachte seine Werke dem Kunstmuseum Bern. Dort wusste man nichts davon.

von Michael Huber

Die Nachricht schlug laut Direktor Matthias Frehner "wie ein Blitz aus heiterem Himmel" ein: Am Mittwoch "(...) wurde das Kunstmuseum Bern (...) informiert, dass Herr Cornelius Gurlitt die privatrechtliche Stiftung Kunstmuseum Bern zu seiner unbeschränkten und unbeschwerten Alleinerbin eingesetzt habe", hieß es in einer Erklärung des Direktors.

Überrascht war man im Museum auch, weil "zu keiner Zeit irgendwelche Beziehungen zwischen Herrn Gurlitt und dem Kunstmuseum Bern bestanden hatten", so Frehner. Die millionenschwere Kunstsammlung – rund 1400 Werke aus Gurlitts Münchner Wohnung und 238 in Summe möglicherweise noch wertvollere Bilder aus Gurlitts Salzburger Haus – stellen das Museum vor ein enormes Dilemma. Denn mit der Sammlung hat das Haus auch einen enormen Rucksack rechtlicher und ethischer Probleme geerbt. "Zu einer konkreten, sachbezogenen Stellungnahme" sehen sich Direktion und Stiftungsrat daher "vor Einsicht in die relevanten Akten und vor einem ersten Kontakt mit den zuständigen Behörden nicht in der Lage", hieß es.

Problematisches Erbe

Gurlitts Sammlung ist wegen des Verdachts auf Raubkunst ein vermintes Gebiet. Eine Vereinbarung zur Erforschung und Rückgabe von belasteten Werken, die zwischen Gurlitt, dem Freistaat Bayern und der deutschen Bundesregierung im April getroffen wurde, würde auch für Erben gelten, hieß es von Seiten des Gurlitt-Sprechers und des bayerischen Justizministeriums. Die Bilder aus Gurlitts Salzburger Haus sind von der Vereinbarung allerdings ausgenommen.

Da mit dem Kunstmuseum Bern eine Schweizer Institution ins Spiel kommt, werden neue Fragen relevant: Das bayrische Kunstministerium will die Bilder auf ihre kulturelle Relevanz prüfen und möglicherweise das "Gesetz zum Schutz deutschen Kulturgutes" – ähnlich dem Ausfuhrverbot in Österreich – anwenden. Darüber hinaus stellt sich die Frage, wer künftig die Provenienzforschung in der Gurlitt-Sammlung finanzieren soll. Die dafür eingesetzte "Task Force" wird derzeit von der bundesdeutschen und bayrischen Regierung finanziert.

Bilder des Münchner Kunstfundes

Bildungsbürger mit NS-Geschichte

Cornelius Gurlitt war der Sohn des Kunsthändlers Hildebrand Gurlitt (1895 –1956), der in der NS-Zeit zu jenen vier Händlern gehörte, die mit von Nazis beschlagnahmter Kunst und "entarteter" moderner Kunst handeln durften. Zudem tätigte er Kunst-Einkäufe für das von Hitler geplante "Führermuseum" in Linz.

Ein Cousin Hildebrand Gurlitts war Wolfgang Gurlitt, der auch in den NS-Kunstraub in Österreich verwickelt war. Seine Sammlung bildete den Grundstock der Neuen Galerie der Stadt Linz, der Vorläufer-Institution des Lentos Museums. Aus diesem Bestand wurden belastete Gemälde wie Klimts "Ria Munk" restituiert.

Die künstlerischen Wurzeln der Familie Gurlitt reichen noch weiter bis ins 18. Jahrhundert zurück: So war Cornelius’ Gurlitts Urgroßvater Louis Gurlitt (1812–1897) ein zu seiner Zeit geschätzter Landschaftsmaler, sein Urgroßonkel – er hieß ebenfalls Cornelius – war Komponist.

Gurlitts einziges Interview

Cornelius Gurlitt hat sich nur einmal in einem Interview des Nachrichtenmagazins Der Spiegel ausführlich zu seinem Kunstschatz und den Vorwürfen gegen ihn geäußert - Mitte November 2013, kurz nach dem Bekanntwerden der Kunstsensation. Die dpa hat die wichtigsten Zitate aus dem Gespräch gesammelt:

- Über die Behörden:
„Die stellen das alles falsch dar. Ich werde nicht mit denen reden, und freiwillig gebe ich nichts zurück, nein, nein. Der Staatsanwalt hat genug, was mich entlastet.“
„Die hätten doch warten können mit den Bildern, bis ich tot bin.“
„Hier in Augsburg sitzt der Staatsanwalt, dem ich alle Unterlagen geschickt habe. (...) Ich verstehe nicht, warum der sich noch nicht bei mir gemeldet hat.“
„Ich bin kein Mörder, warum jagen die mich?“
„Was ist das für ein Staat, der mein Privateigentum zeigt?“
„Wenn ich woanders gelebt hätte, wäre das alles einfach nie passiert.“

- Über die Bilder:
„Jetzt sind die Bilder irgendwo in einem Keller, und ich bin allein. Warum haben sie die Bilder nicht dagelassen und nur immer die abgeholt, die sie prüfen wollen? Dann wäre es jetzt nicht so leer.“
„Mehr als meine Bilder habe ich nichts geliebt in meinem Leben.“
„Hoffentlich klärt sich alles schnell, und ich bekomme endlich meine Bilder zurück.“
„Ich hatte nie etwas mit der Anschaffung der Bilder zu tun, nur mit der Rettung.“
„Ich habe die Bilder sehr vermisst, das merke ich jetzt.“

- Über die Medien:
„Ich bin doch nicht Boris Becker, was wollen diese Menschen nur von mir? Ich bin doch etwas ganz Stilles. Ich habe doch nur mit meinen Bildern leben wollen. Warum fotografieren die mich für diese Zeitungen, in denen sonst nur Halbweltgestalten abgelichtet werden?“

- Über seinen Vater:
„Mein Vater wurde oft vertrieben, er ist oft gestürzt, aber er stand immer wieder auf.“
„Es kann ja sein, dass meinem Vater mal etwas Privates angeboten wurde, aber er hat es sicher nicht genommen. Das wäre ihm übel bekommen.“
„Ich bin nicht so mutig wie mein Vater. Er hat für die Kunst gelebt und für sie gekämpft. Der Staatsanwalt muss den Ruf von meinem Vater geraderücken.“

- Über sich selbst:
„Ich habe noch nie eine Straftat begangen, und selbst wenn, wäre das verjährt.“
„Ich habe nie illegal und unverzollt etwas über die Schweizer Grenze gebracht.“
„Jetzt ist alles so miserabel.“

Der Fall Gurlitt

22. September 2010: Der Kunsthändlersohn Cornelius Gurlitt wird auf einer Zugfahrt von Zürich nach München kontrolliert. Zollfahnder schöpfen Verdacht, es könne ein Steuerdelikt vorliegen.

23. September 2011: Das Amtsgericht Augsburg bewilligt einen Durchsuchungs- und Beschlagnahmebeschluss für Gurlitts Münchner Wohnung.

28. Februar 2012: Gurlitts Wohnung in München wird durchsucht. Die Fahnder entdecken rund 1.280 wertvolle Kunstwerke. Der Fund wird geheim gehalten, eine Berliner Kunstexpertin mit der Erforschung der Herkunft beauftragt.

3. November 2013: Das Nachrichtenmagazin Focus bringt den Fall an die Öffentlichkeit und sorgt damit für eine Sensation.

11. November 2013: Die ersten 25 Werke werden auf der Plattform lostart.de veröffentlicht - nach und nach folgen alle weiteren unter Verdacht stehenden Werke. Eine Taskforce wird eingesetzt, sie soll die Herkunft der Bilder erforschen.

19. November 2013: Die Behörden teilen mit, dass Gurlitt Hunderte Bilder zurückbekommen soll, die ihm zweifelsfrei gehören. Den Angaben zufolge scheiterten mehrere Übergabeversuche.

23. Dezember 2013: Es wird bekannt, dass Gurlitt unter vorläufige Betreuung gestellt wird.

28. Jänner 2014: Die Taskforce gibt bekannt, dass nach einer ersten Sichtung 458 Werke aus Gurlitts Sammlung unter Raubkunstverdacht stehen. Gurlitts damaliger Anwalt, Hannes Hartung, sagt, sein Mandant sei gesprächsbereit und an einer "fairen und gerechten Lösung" interessiert.

3. Februar 2014: Gurlitts Anwälte teilen mit, dass sie Anzeige gegen Unbekannt stellen, weil vertrauliche Informationen aus den Ermittlungsakten an die Öffentlichkeit gerieten.

10. Februar 2014: Nach Angaben von Gurlitts Sprecher Stephan Holzinger wurden mehr als 60 weitere wertvolle Bilder in Gurlitts Haus in Salzburg gesichtet und an einen sicheren Ort gebracht - darunter Werke von Picasso, Renoir und Monet.

19. Februar: Gurlitts Anwälte geben bekannt, dass sie beim Amtsgericht Augsburg Beschwerde gegen die Beschlagnahmung der Kunstsammlung eingelegt haben.

24. und 28. Februar: Bei weiteren Besichtigungen des Salzburger Anwesens von Gurlitt werden zahlreiche weitere Kunstgegenstände "in einem zuvor nicht zugänglichen Teil des alten Hauses" gefunden.

5. März: Das Amtsgericht München ordnet die weitere Betreuung Gurlitts an. Sie soll zunächst bis Ende des Jahres gelten.

26. März: Gurlitts Betreuer Christoph Edel lässt mitteilten, dass die Salzburger Sammlung Gurlitts nicht nur 60, sondern 238 Werke umfasst. Außerdem gibt er bekannt, dass Gurlitt sich bereit erklärt, als Raubkunst anerkannte Bilder der Münchner Sammlung an die Erben jüdischer Vorbesitzer zurückzugeben. Den Anfang soll die "Sitzende Frau" von Henri Matisse machen.

7. April: Gurlitts Anwälte unterzeichnen einen Vertrag mit der Bundesregierung, in dem der Kunsthändler sich bereit erklärt, Bilder, bei denen es sich um Nazi-Raubkunst handelt, freiwillig zurückzugeben.

9. April: Zwei Tage nach der Vertragsunterzeichnung zwischen Gurlitt und dem Bund gibt die Staatsanwaltschaft Augsburg die beschlagnahmten Bilder nach mehr als zwei Jahren wieder frei.

6. Mai: Cornelius Gurlitt stirbt im Alter von 81 Jahren in seiner Wohnung in München.

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