Kultur
08.08.2015

"Es ist möglich, dass er es nicht war"

Filmfestival Locarno: Elisabeth Scharangs "Jack" erzählt die Story des Mörders und Häfenliteraten Jack Unterweger als Spielfilm.

Eigentlich hatte sie keine Lust mehr, ein weiteres Stück österreichischer Kriminalgeschichte aufzuarbeiten. Nach ihrer TV-Spieldoku "Franz Fuchs – ein Patriot" von 2007 nahm sich Elisabeth Scharang dann doch die Geschichte des Häfenpoeten und Frauenmörders Jack Unterweger vor – aber mit anderen Mitteln. Scharang erschuf für den Spielfilm ihren eigenen "Jack", den Johannes Krisch als dandyhaften, smarten Frauenhelden anlegt. Nach Recherchen und Gesprächen mit Zeitzeugen baute Scharang einen kühlen Hochglanz-Thriller mit fiktiven Figuren, die an reale Personen angelehnt sind. Diese sind mit Birgit Minichmayr, Corinna Harfouch oder Paulus Manker hochkarätig besetzt.

"Dieser Film liebt die ganz große Leinwand", meint die Regisseurin. Dass die Weltpremiere beim Schweizer Filmfestival Locarno stattfindet, ist stimmig. Auf der Piazza Grande, wo "Jack" Samstagnacht (8.8.) gezeigt wird, steht die größte Freiluftleinwand Europas.

KURIER: Ein Spielfilm lebt von der Identifikation des Publikums mit der Hauptfigur. Wie funktioniert das bei einer Person wie Jack Unterweger?

Elisabeth Scharang: Ich hatte lange keine Ahnung, wie ich diese Männerfigur schreiben soll. Daher habe ich viel mit den Frauen gesprochen, die mit ihm zu tun hatten. Ich habe ihn lange Zeit von außen beobachtet, bevor ich ihn zu meinem "Jack" – nicht Jack Unterweger – machen konnte. Das letzte Quäntchen war, dass ein Mann wie Johannes Krisch da hineinschlüpft und lebendig macht, was noch fehlt.

Johannes Krisch sagte in einem Interview, er musste für sich klären, ob Unterweger schuldig oder nicht schuldig ist, um das überhaupt spielen zu können. Haben Sie das auch getan?

Nein. Für mich ist es gut möglich, dass er es war. Es ist auch gut möglich, dass er es nicht war. Und eigentlich hieße das, ob man das will oder nicht, in unserem Rechtssystem: "Im Zweifel für den Angeklagten."

Es geht um die elf Morde Anfang der 90er-Jahre, für die Unterweger nach seinem Selbstmord nicht rechtskräftig verurteilt werden konnte. Wie wichtig war das für den Film?

Ganz wichtig. Wäre das ein abgeschlossener, klarer Fall, mit einem Urteil, an dem nicht mehr zu rütteln ist, hätte ich das nie mehr angegriffen. Es ging mir darum, dass es eine offene Geschichte ist. Es ist aber niemandem so im Kopf geblieben. Für fast alle , die man darauf anspricht, ist vollkommen klar: Unterweger war’s.

Wie positionieren Sie sich dazu mit Ihrem Film?

Mir geht es nicht um eine neuerliche Resozialisierung Jack Unterwegers. Mir geht’s um die Frage: Warum tun wir uns so schwer, wenn wir einmal festgeschrieben haben, wie das Böse aussieht, das zu verschieben und noch einmal nachzuschauen? Damals gingen alle davon aus, dass der Indizienprozess in die zweite Instanz gehen würde. In Österreich wurden erstmals DNA-Analysen verwendet, die aber noch nicht ausgereift waren. Zu der Zeit gab es in den USA den O.J.-Simpson-Prozess. Er wurde freigesprochen, weil es nur einen DNA-Beweis gab. Dabei war man in den USA mit den Analyseverfahren schon viel weiter.

Sie inszenieren " Jack" als dandyhaften Frauenhelden mit gewählter Sprache, Tattoos und auffälliger Kleidung. Wie entgeht man der Gefahr der Ästhetisierung des Verbrecherischen?

Die Geschichte von jemandem zu erzählen, der zum Star wird und dann wieder fällt, wäre unglaublich uninteressant, wenn man nicht einen gewissen "Starshine" um ihn herum aufbaut.

Sie haben Unterweger nach seiner Entlassung selbst für Radioreportagen getroffen. Wie haben Sie ihn erlebt?

Ich habe ihn als höflichen, korrekten Typ kennengelernt, er war schon eine interessante Erscheinung. Mein "Jack" sieht aber besser aus, ist besser gekleidet und smarter, als Unterweger es je war.

Wie konnte Unterweger für die Kulturszene so interessant werden, dass man sich auch in Petitionen für ihn eingesetzt hat?

Da herrscht ein gewisses Missverständnis. Er war nur ein Symbol dafür, dass man sich für eine Strafrechtsreform eingesetzt hat und Resozialisierung stärken wollte. Er hat im Gefängnis in Eigeninitiative eine Literaturzeitschrift herausgegeben. Daher war für viele klar: Einer, der so viel aus dem Nichts aus sich gemacht hat, soll unterstützt werden. Dann war da noch die High Society, die ihn als eine Art Hofnarr verwendet hat. Es gibt immer wieder Leute, die auftauchen, eine Zeit lang gut für die Unterhaltung sind, und wenn sie’s nicht mehr sind, wirft man sie wieder weg. Unterweger hat 15 Jahre Gefängnis ganz gut überstanden und wohl gedacht: Jetzt steht mir alles offen. Aber er hat nicht bedacht, dass er die Regeln außerhalb des Gefängnisses überhaupt nicht kannte.

Aufstieg und Fall eines Häfenpoeten und Mörders

Er trug weiße Anzüge, fuhr einen weißen Ford Mustang: Anfang der Neunziger wurde Jack Unterweger zur schillernden Medienfigur. Unterweger wurde 1950 als uneheliches Kind einer Wienerin und eines US-Besatzungssoldaten in Judenburg (Stmk.) geboren und wuchs im Trinkermilieu auf. 1976 wurde er für den Mord an einer 18-Jährigen zu lebenslanger Haft verurteilt. In der Strafvollzugsanstalt Stein schrieb er seine Häfen-Erfahrungen nieder (Roman "Fegefeuer"). 1990 wurde er auf Bewährung entlassen.

Als resozialisierter "Häfenpoet" herumgereicht, ging er auf Lesetour. Zeitgleich begann eine Mordserie an Prostituierten, die jeweils mit ihrer Unterwäsche erdrosselt wurden. 1992 erfolgte ein Haftbefehl. Nach einer abenteuerlichen Flucht wurde Unterweger in Miami gefasst.

Im folgenden Grazer Indizienprozess wurde er 1994 wegen Mordes in neun von elf Fällen verurteilt. Wenige Stunden danach erhängte sich Unterweger in seiner Zelle. Das Urteil wurde wegen seines Todes nie rechtskräftig.