© Secession/Iris Ranzinger

Secession
03/04/2020

Es geht auch mit schönen Bildern: Der Filmemacher John Akomfrah

Der Brite fasst das Grauen von Migration und Sklaverei in überwältigende Film-Installationen. Die Secession zeigt drei davon.

Die gezielte Produktion politischer Bilder ist derzeit wieder an der Grenze der Türkei zu Griechenland zu erleben. Was von dort zu uns dringt, ist das Ergebnis bewusster Entscheidungen – die real leidenden Menschen in diesen hässlichen Bildern, ohne die es angeblich nicht geht, wurden in Statistenrollen gezwängt.

Den türkischen Präsidenten Erdoğan oder Politiker der europäischen Wertegemeinschaft muss man deshalb nicht als Regisseure oder Künstler bezeichnen. Doch sie agieren auf Basis von Vor-Bildern, die sich in der Kultursphäre bewährt haben.

Ein Ort, um darüber nachzudenken, ist derzeit die Wiener Secession. Dort läuft bis zum 19. April eine Werkschau des britischen Künstlers John Akomfrah, die nachhaltig Eindruck hinterlässt.

Die Methode Akomfrahs, der 1957 in Accra/Ghana geboren wurde und als Vierjähriger mit seinen Eltern nach Großbritannien emigrierte, ist schnell umrissen: Er montiert selbst gedrehtes und vorgefundenes Filmmaterial oft parallel auf mehreren Leinwänden und lässt Bilder aufeinanderbranden. Dabei entstehen zwangsläufig Assoziationen, Parallelen und Widersprüche, die mehr Erkenntnisse zutage fördern, als die Bilder für sich genommen vermitteln. „Ich habe in den 1980er-Jahren mit dem Filmemachen begonnen und habe bemerkt, dass es nicht reichte, entweder Geschichten zu erzählen oder Information weiterzugeben“, erklärte Akomfrah in Wien. „In einem Großteil meiner Arbeit geht es darum, den Bildern Präsenz zu geben.“

Bilder von Wellen

Das Kernstück von Akomfrahs Präsentation ist die Dreikanal-Filminstallation „Vertigo Sea“, die sich bereits 2015, zur Zeit der ersten so genannten Flüchtlingswelle, in die Gehirne vieler Besucher der Venedig-Biennale einbrannte. Die Montage, deren Titel sinngemäß „schwindelerregende See“ bedeutet, ist wunderschön und grauenhaft zugleich: Sie konterkariert famose Naturaufnahmen von Fisch- und Quallenschwärmen mit Bildern von Atombomben-Tests, blutigen Szenen der Waljagd und des menschlichen Leids. Der transatlantische Sklavenhandel kommt ebenso vor wie die Flüchtlingsbewegungen der „Boatpeople“ zum Zeitpunkt des Vietnamkriegs und das anhaltende Sterben von Migranten im Mittelmeer.

Zwischen den Bildern bleibt Platz für Interpretation, Bindeglied ist das Meer, das gleichsam für Überwältigung, Grauen und Schönheit steht.

Akomfrah dockt mit dieser Qualität bewusst an die Zeit der Romantik an, in der das „Erhabene“ in Kunst, Literatur und Philosophie ausgelotet wurde. „Diese Epoche ist sehr wichtig für die Menschen der afrikanischen Diaspora“, erklärt der Künstler dazu. „Auch viele Ideen des Abolitionismus – der Abschaffung der Sklaverei – wurden damals entwickelt.“

Afrikaner, verewigt

Quasi rückwirkend beansprucht Akomfrah nun die Gegenwart afrikanischer Akteure in der Bildtradition. Für ein zweites Werk der Schau, „Peripeteia“, standen zwei Zeichnungen Pate, die Albrecht Dürer 1508 von einem afrikanischen Mann und 1521 von einer Frau („Katharina“) anfertigte: In Akomfrahs Film werden sie lebendig, wandern durch gewaltige Landschaften, die Ansichten lassen an Gemälde Caspar David Friedrichs denken.

Die visuelle Präsenz, die der Künstler so erreicht, hat zweifellos eine politische Dimension: Menschen, scheint er zu sagen, haben ein Recht, im Gedächtnis zu bleiben. Auch und gerade diejenigen, die weggeschwemmt wurden und werden – vom Meer, von Wasserwerfern oder von Botschaften, die den jeweils Mächtigen genehm sind.

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