Späte Liebe in der Geriatrie: Frau Ecker (Erni Mangold) und ihr Pfleger Karl (Daniel Sträßer)

© Filmproduktion Allahyari/Stadtkino

Interview
06/09/2014

"Das muss sehr zart und behutsam sein"

Mit 87 Jahren spielt Erni Mangold ihre erste Sexszene. Im Kino-Drama "Der letzte Tanz".

von Peter Temel

Am Theater längst hoch dekoriert, hat Erni Mangold für ihre Rolle in "Der letzte Tanz" im März bei der Diagonale ihren ersten Filmpreis erhalten. "Lustigerweise", wie sie sagt, mit einer Rolle, in der sie erstmals in ihrer langen Karriere eine Sexszene spielte – mit einem 60 Jahre jüngeren Partner. In Houchang Allahyaris Drama (ab 13. Juni im Kino), das in Graz auch den großen Diagonale-Preis gewann, spielt sie eine offenbar demente, bettlägrige Frau, die durch den Kontakt zu einem Zivildiener wieder Lust am Leben findet.

Doch der etwas unbeholfene Altenpfleger (Daniel Sträßer) gerät in die Mühlen der Justiz und wird gesellschaftlich geächtet.

KURIER: Der Film behandelt ein gesellschaftliches Tabu. War die Thematik für Sie schwierig?

Erni Mangold: Ich wusste, dass man vor allem an die Sex-Geschichte vorsichtig herangehen muss. Es ist mir, glaub’ ich, geglückt, weil ich es wie in einem Traum spiele. Eine Schwierigkeit hab’ ich noch gesehen: Dass diese Frau fast immer im Bett liegt. Und ich bewege mich ja noch gerne.

Was hat Sie mehr interessiert? Das Thema Demenz oder die Geschichte einer späten Liebe?
Im Grunde genommen hat diese Frau ihr Leben abgehakt. Ich fand das interessant, wenn ein Mensch vor dem Tod steht. Und die Figur – mit ihrer merkwürdigen Ausstrahlung, die auch diesen jungen Mann anzieht. Demenz selbst interessiert mich überhaupt nicht. Sie ist auch nicht schwer zu spielen.

Regisseur Houchang Allahyari ist ein ausgebildeter Psychiater. Merkt man das beim Drehen?
Er hat gute Dialoge geschrieben. Aber man muss ihn, als erfahrene Frau wie ich, schon ein bisschen aufklären, was gewisse Sachen wie Sex betrifft. (lacht) Wie man diesen Liebesakt umsetzt, war schon meine Idee.

Was haben Sie ihm geraten?
Naja, dass das Ganze sehr zart sein muss und sehr behutsam. Dass alles so in einander übergeht, dass das Ausziehen wie zufällig passiert. Er wollte zum Beispiel, dass sie ihm die Hose aufmacht – das macht so eine alte Frau nicht.

Finden Sie die Szene heikel?
Vor allem ältere Frauen haben gefragt: ,Muss das sein?‘ Sie hatten vielleicht Probleme in ihrem Leben, oder sind schon so weit drüber, dass sie gar nicht mehr wissen, dass das eigentlich ganz lustig sein kann, auch im hohen Alter. Männern ist das, glaube ich, völlig egal.

Was macht das Thema Sex im Alter offenbar zu so einem großen Problem?
Ich glaube, dass die Jungen mit so einer Szene kein Problem haben. Aber merkwürdigerweise haben sie arge Schwierigkeiten, wenn sie erfahren, dass die alte Mutter mit einem jungen Mann schläft. Ich glaube, dass auch noch fünfzigjährige Töchter das so empfinden, wenn die Mama mit 70 noch einmal ein Hupferl macht.

Man hat das Gefühl, dass diese Frau genau weiß, was sie will.
Es geht ihr nicht um diesen Liebesakt, sondern einfach um die Nähe zu diesem Menschen. Und dass sie ihn nicht verlieren möchte, weil er ihr so gut tut. Und wenn einem im Alter etwas gut tut, wäre man ja blöd, wenn man’s nicht genießen würde!

Haben Sie davor wirklich noch keine Liebesszene gedreht?
Nein, noch nie. Ich bin immer nur als böse kleine Freundin eingesetzt worden, die den Frauen die Männer wegnehmen wollte. Die Männer haben sich dann aber doch immer für ihre Frau entschieden, das war in den Fifties und Sixties halt so.

Sie galten von der Persönlichkeit her immer als unangepasst. Aber man hat den Eindruck, Sie haben sich nun, jenseits der 80, auch, was Filme betrifft, künstlerisch freigespielt.
Ich bin in den Fifties als „Sexerl“ festgelegt worden. Aber Sexbombe war ich keine, wollte ich auch nicht sein. Aber es war die Zeit damals so. Und ich bin als solches verwendet worden. Wenn man will, werde ich heute noch immer dazu verwendet, weil ich angeblich irgendeine Sinnlichkeit ausstrahle. (lacht)

Eine andere Facette des Films ist, dass Frau Ecker vor Gericht keine Stimme erhält, nicht aussagen darf. Zeigt das auch ein reales juristisches Problem für Sie? Wer darf über Zurechnungsfähigkeit urteilen?
Naja, ich finde das schon sehr schlimm, wie das gehandhabt wird. Im Grunde genommen ist es so, dass dieser Krankenschwester geglaubt wird, basta. Was ja oft bei solchen Sachen der Fall ist. Aber sie erzählt nicht ganz die Wahrheit.

Sie liefern mit dem abschließenden Tanz eine äußerst prägnante Filmszene. Tanzen Sie gerne?
Ich habe immer irrsinnig gern getanzt. Mein Vater hat es mir aber verboten. Er meinte: Tänzerin ist kein Beruf. Ich hab’ später Abende gegeben für Freunde und denen zwei Stunden was vorgetanzt und Geschichten erzählt. Heute, mit 87, ist das ein bisschen vorbei … (lacht)

Sie wirken aber noch so ungemein agil. Wie schaffen Sie das?
Wahrscheinlich, weil ich so irrsinnig viel mache. Turnen und zwei Mal Krafttraining die Woche. Ich sag’ immer: Von nix kommt nix. Die Gene allein sind’s nicht.

Wenn man Sie so betrachtet, verwundert es, dass Sie für einen deutschen Film, in dem Sie mitspielen sollten, nicht versichert werden konnten.
Naja, das war eine deutsche Versicherung, die gesagt hat: Auf Herz und Kreislauf versichern wir die Frau Mangold mit 87 nicht mehr, die ist schon "drüber". Dann wurde die Rolle umbesetzt. Da hab’ ich mich ein bisschen gegrämt. In Österreich wäre mir das nicht passiert.

Weil man hier weiß, wie unverwüstlich sie sind?
Man weiß vor allem, dass Theater spielen viel anstrengender ist als so ein blöder Film oder Fernsehen. Völlig albern!

(Interview: Peter Temel)

Szenenfotos aus "Der letzte Tanz"

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