© Wolfgang Thaler

Kultur
08/31/2020

Erkundungen am Nordwestbahnhof - wo der Fisch hingegangen ist

Ein Kunstprojekt erinnert an die Vergangenheit des Areals als Auland und als Tor zur Nordsee

von Michael Huber

Was machen Fische auf Bahngleisen? Und warum sieht das aufgelassene Wärterhäuschen an einer Zufahrtsschranke zum Nordwestbahnhof neuerdings wie eine Matjesbude aus?

Manchmal reicht eine kleine Perspektivenverschiebung, um an der Oberfläche des Stadtraums zu kratzen. Vorderhand öde Orte beginnen dann, ungeahnte Geschichten zu erzählen.

Das zwischen Kunst, Architektur und Stadtforschung aktive Duo Michael Zinganel und Michael Hieslmair versteht es seit mehreren Jahren, das Areal des Wiener Nordwestbahnhofs derart zum Sprechen zu bringen. Das Gebiet befindet sich in einem Schwellenzustand – es wird derzeit noch als Logistikknoten genutzt und hat eine Zukunft als Wohngebiet vor sich.

Flüssig und fest

Unter dem Motto „Fischgeschichten“ haben die beiden nun eine Ausstellung und Installation ersonnen, die das Areal aus der Fischperspektive betrachtet. Die dabei aufbereiteten Erkenntnisse strahlen über die unmittelbare Lokalgeschichte hinaus.

Denn dass sich am Nordwestbahnhof neben Wiens erster Indoor-Skihalle auch eine Fischfabrik befand, die erst 1985 den Betrieb eingestellt hat, ist heute wohl den wenigsten in Erinnerung. Der Bahnhof war lange Zeit der Endpunkt für Fischtransporte, die aus Bremerhaven nach Wien reisen konnten. Die verantwortliche Firma Nordsee eröffnete 1907 ihren ersten Kiosk in Wien und besetzte bald auf allen Märkten der Stadt den prominentesten Platz – eine Ordnung, die sich etwa am Nasch- und am Rochusmarkt bis heute hielt.

Zuvor aber, erzählt Zinganel, „mussten für die Erweiterung der Kaiserstadt Wien viele tausend Fische sterben“. Denn der 2. und noch mehr der 20. Bezirk wurden erst durch die Donauregulierung ab 1873 in großem Stil bebaubar. Zuvor bestand das Gebiet aus einem Gewirr von Nebenarmen der Donau, die ihrerseits für ihren Fischreichtum berühmt waren.

Fisch als Maskottchen

Mit rund 100 aus Alu-Platten ausgestanzten Fischen, die auf dem Areal zu einem „Fischfriedhof“ arrangiert wurden, wollen die Künstler den flossenbewehrten Opfern der Stadtmodernisierung gedenken. Die Installation, die nur im Begleitung des Ausstellungsteams zu besichtigen ist, gibt auch eine Gelegenheit zur Erfassung des sonst abgezäunten Areals.

Zinganel und Hieslmair wollen sachte anregen, dass ein Fisch zum Maskottchen der anstehenden Bebauung des rund 44 Hektar großen Areals werden könnte, das Wohnungen für 14.700 Menschen und Büros für rund 5000 Arbeitsplätze schaffen soll (der KURIER berichtete). Denn auch die bereits heute im Bezirk spürbare Diversität in der Bewohnerstruktur hat ihre Parallelen in der Fisch-Geschichte: Wie in besagtem Wärterhäuschen erklärt wird, war auch der einst größte Donaufisch, der Hausen (Stör), ein Migrant, der vom Schwarzen Meer bis nach Wien schwimmen konnte.

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