Die große Zeithistorikerin Erika Weinzierl

© APA/Robert Jaeger

1925 - 2014
10/28/2014

Die Grande Dame der Zeitgeschichte ist tot

Erika Weinzierl widmete über Jahrzehnte ihre wissenschaftliche Arbeit der Aufarbeitung des Nationalsozialismus.

Die Grande Dame der österreichischen Zeitgeschichte, Erika Weinzierl, ist tot. Die angesehene Historikerin starb Dienstagfrüh 89-jährig in Wien, teilte das Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien der APA mit. Weinzierl widmete über Jahrzehnte ihre wissenschaftliche Arbeit der Aufarbeitung des Nationalsozialismus.

Durch ihre zahllosen Publikationen und Wortmeldungen zum Thema hat sie sich gar die Bezeichnung "Mutter Courage der Zeitgeschichte" verdient, meinte der Historiker Friedrich Stadler in seiner Laudatio bei der Verleihung des Concordia-Preises im Jahr 2009 - einem von zahlreichen Preisen, mit denen Weinzierl geehrt wurde.

Trauerfeier am 10. November

Die Verabschiedung und öffentliche Trauerfeier der verstorbenen Zeithistorikerin wird am 10. November am Wiener Zentralfriedhof stattfinden. Die Einsegnung beginnt um 11 Uhr in der Dr. Karl Lueger-Gedächtniskirche, danach wird Weinzierl in einem Ehrengrab der Stadt Wien beigesetzt.

Unermüdlicher Kampf

Weinzierls unermüdlicher Kampf gegen den Nationalsozialismus begann bereits in der Studentenzeit, als sie sich der Widerstandsgruppe rund um den katholischen Geistlichen Karl Strobl anschloss. 1963 machte sie als erste Wissenschafterin das Verhalten der katholischen Kirche während der Nazizeit zum Thema.

Ihr bekanntestes Werk ist der 1969 erschienene Band "Zu wenig Gerechte. Österreicher und die Judenverfolgung 1938-1945". Insgesamt hat Weinzierl 30 Bücher verfasst bzw. mitherausgegeben und über 200 Aufsätze und wissenschaftliche Beiträge geschrieben. Weinzierls wissenschaftliche Heimat war und ist das Institut für Zeitgeschichte der Uni Wien, dem sie zwischen 1979 und 1990 vorstand und wo sie auch nach ihrer Emeritierung 1995 noch bis vor wenigen Jahren fast täglich zum Arbeiten erschien.

Mahnerin

Auch abseits ihrer wissenschaftlichen Arbeit setzte sich die Pazifistin gegen die Atomrüstung, für eine humane Asyl- und Migrationspolitik und vor allem für eine umfassende und tabulose Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus ein. Sie war u.a. langjährige Präsidentin der "Aktion gegen den Antisemitismus" und Mitbegründerin der Österreichischen Gesellschaft für Exilforschung, saß im Kuratorium des Bruno-Kreisky-Archivs und des Nationalfonds der Republik Österreich für Opfer des Nationalsozialismus und war Mitglied des Berliner Beirates "Topographie des Terrors".

Weinzierl war außerdem auch politisch aktiv: Nach Kriegsende engagierte sie sich in der neu geschaffenen Hochschülerschaft (ÖH) in der konservativen Freien Österreichischen Studentenschaft (FÖST). In Interviews hat sie sich selbst einmal als "Linkskatholikin" und ehemalige "Links-ÖVPlerin" bezeichnet. 1995 ist sie jedoch - nach 30 Jahren Mitgliedschaft - aus der ÖVP ausgetreten. Anlassfall war laut Weinzierl "der erste Versuch von Wolfgang Schüssel, mit Jörg Haider und der Haider-FPÖ eine Regierungskoalition einzugehen".

Von der Medizin zur Geschichte

Erika Weinzierl wurde am 6. Juni 1925 als Erika Fischer in Wien geboren. Noch während des Krieges begann sie ihr Medizinstudium, 1945 wechselte sie aber zu Geschichte und Kunstgeschichte und schloss das Studium nach nur drei Jahren ab. Parallel absolvierte sie den Lehrgang des Instituts für Geschichtsforschung an der Universität Wien.

Bis 1964 arbeitete die Historikerin als Archivarin im Haus-, Hof-und Staatsarchiv in Wien. Bereits 1961 habilitierte sich Weinzierl für Österreichische Geschichte an der Universität Wien, von 1964 bis 1992 war sie Vorstand des Instituts für kirchliche Zeitgeschichte am Internationalen Forschungszentrum Salzburg.

1967 wurde Weinzierl außerordentliche, 1969 ordentliche Professorin an der Universität Salzburg. 1973 begann Weinzierl ihre Funktion als Herausgeberin der Monatszeitschrift "Zeitgeschichte". Sie leitete das Ludwig-Boltzmann-Institut für Geschichte und Gesellschaft, ab 1978 las sie am Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien.

Für ihr Lebenswerk wurde Weinzierl vielfach ausgezeichnet, etwa im Mai 2009 mit dem Ehrenpreis des Presseclubs Concordia. Neben dem Ehrenzeichen für Wissenschaft und Kunst I. Klasse und dem Dr.-Hertha-Firnberg-Staatspreis für besondere Leistungen im Bereich Wissenschaft und Forschung hat die Zeithistorikerin auch internationale Auszeichnungen bekommen, etwa die päpstliche Medaille Bene merenti (1952) und den Preio Adelaide Ristori vom Centro Culturale Italiano in Rom (1979).

Weinzierl prägte mehrere Historikergenerationen

Der Zeithistoriker Oliver Rathkolb würdigte in einem Nachruf Erika Weinzierl als eine "weit über die akademischen Grenzen hinaus bekannte Zeithistorikerin". Sie sei mit großem Engagement für eine kritische Auseinandersetzung mit der jüngsten Geschichte Österreichs, insbesondere mit Antisemitismus und Nationalsozialismus, eingetreten und habe mehrere Generationen von Historikern nachhaltig geprägt.

"Ethisches aktives Handeln zur Durchsetzung von Menschenrechten und offene historische Auseinandersetzung mit Menschenrechtsverletzungen zieht sich wie ein roter Faden durch das Werk Weinzierls", so der langjährige Kollege der Historikerin in dem Schreiben. Weinzierl habe wie kein Zeithistoriker vor ihr in wissenschaftlichen Arbeiten, in der Lehre, in den Medien und bei Vorträgen offen auf gesellschaftspolitische Trends und Strömungen reagiert, ihre Präsenz in der österreichischen Öffentlichkeit sei untypisch für akademische Historiker gewesen.

Als engagierte Demokratin und Österreicherin sei sie eine "kritische Analytikerin der autoritären und faschistischen Vergangenheit Deutschlands und Österreichs sowie totalitärer Regime während des Kalten Krieges" gewesen. Dabei habe sie nie die Auseinandersetzung mit prominenten Politikern gescheut, so Rathkolb unter Hinweis auf Weinzierls Kritik an Bruno Kreisky und dessen Haltung in der Auseinandersetzung zwischen "Nazi-Jäger" Simon Wiesenthal und dem damaligen FPÖ-Chef Friedrich Peter und an Jörg Haider wegen dessen "wiederholter Verharmlosung von Nationalsozialismus, Zweitem Weltkrieg und Holocaust".

Fischer: Festigte demokratisches Bewusstsein

Bundespräsident Heinz Fischer würdigte in einer Aussendung den Beitrag der verstorbenen Zeithistorikerin Erika Weinzierl "zur Festigung des demokratischen Bewusstseins", dieser könne "gar nicht hoch genug eingeschätzt werden". Österreich verliere mit ihrem Tod "die Doyenne der zeitgeschichtlichen Forschung".

Ihre Arbeiten zur Dokumentation der dunkelsten Kapitel der Geschichte des Landes hätten viele Österreicher motiviert, sich kritisch mit zeithistorischen Themen auseinanderzusetzen, so der Bundespräsident.

Mitterlehner würdigt "mahnende Stimme"

Auvh VP-Vizekanzler und Wissenschaftsminister Reinhold Mitterlehner hat am die Lebensleistung von Erika Weinzierl gewürdigt. Österreich verliere eine "kritische und mahnende Stimme". Sie habe sich "mit den dunkelsten Phasen der österreichischen Geschichte befasst und sich mit vollem Einsatz gegen Antisemitismus gestellt."

Nationalratspräsidentin Doris Bures (SPÖ) lobte Weinzierl in einer Aussendung als "Österreichs Gewissen gegenüber unserer Geschichte". Als konsequente Mahnerin für eine ehrliche, lückenlose Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und das Erkennen aktueller Bedrohungen für die demokratisch organisierte Gesellschaft habe sie "einen unschätzbaren Beitrag zu einem neuen Selbstverständnis Österreichs geleistet".

Wiens Bürgermeister Michael Häupl (SPÖ) bezeichnete Weinzierl als "außergewöhnliche Persönlichkeit", die neben ihrer hervorragenden wissenschaftlichen Arbeit stets gegen Rechtsradikalismus und für mehr politische Kultur eingetreten sei. Um gefährlichen oder falschen gesellschaftlichen Entwicklungen entgegenzuwirken, müsse man sich mit der Vergangenheit seines Landes auseinandersetzen. "Erika Weinzierl hat mit ihrer Arbeit dafür gesorgt, dass wir und die Generationen nach uns das können", so Häupl.

Oskar Deutsch, Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Wien, lobte Weinzierl für das Aufbrechen von Tabus in der Geschichtsforschung. Sie habe sich Widerständen zum Trotz kritisch mit der totalitären und nationalsozialistischen Vergangenheit Österreichs auseinandergesetzt. "Die Kultusgemeinde hat durch ihren Tod eine der wichtigsten Verbündeten im Kampf gegen Antisemitismus verloren."

"Über Parteigrenzen hinweg anerkannt"

Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) betonte die Verdienste der verstorbenen Zeithistorikerin Erika Weinzierl "um eine umfassende und tabulose Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus". Sie sei eine über Parteigrenzen hinweg anerkannte moralisch-ethische Instanz gewesen, die ihre zutiefst demokratische Grundhaltung immer wieder zum Ausdruck gebracht habe.

Erika Weinzierl habe "unendlich viel für einen differenzierten Umgang mit der Geschichte getan", sagte Wiens Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny (SPÖ). Sie sei eine "große Wissenschafterin mit Haltung gewesen, die schonungslos diagnostizierte". Österreich verliere mit ihr ein "mahnendes Gewissen". Mailath-Pokorny weiters: "Ihre zahlreichen Publikationen zur Zeitgeschichte haben die Identität Österreichs in der Zweiten Republik maßgeblich mitgeprägt. Ohne diese Ausnahmewissenschafterin von Weltgeltung könnte unser Land nicht ohne Altlasten in die Zukunft gehen."

"Unermüdliche, kluge Mahnerin"

Auch SPÖ-Klubobmann Andreas Schieder würdigte in einer Aussendung die verstorbene Historikerin Erika Weinzierl. Weinzierl werde Österreich "als unermüdliche, kluge Mahnerin fehlen", sagte Schieder, der im Namen des gesamten SPÖ-Klubs sprach. Er verwies darauf, dass Weinzierl zahlreiche hochrangige Auszeichnungen der Republik Österreich für ihre Aufarbeitung des Nationalsozialismus erhalten hat. "Für eine ganze Generation war Erika Weinzierl Vorbild, insbesondere auch für Studentinnen und Studenten am Institut der Zeitgeschichte", so Schieder. Weinzierl sei aber auch eine "wichtige Mahnerin der Zivilgesellschaft" gewesen - "so als Pazifistin im Kampf gegen die atomare Aufrüstung und Kämpferin für eine humane Asyl- und Migrationspolitik".

Auch der Grüne Bildungssprecher Harald Walser zeigte sich vom Ableben Weinzierls betroffen: "Erika Weinzierl hat Generationen von HistorikerInnen geprägt und damit auch maßgeblich zu einer Modernisierung des österreichischen Geschichtsunterrichts beigetragen", erklärte er. Trotz Widerstandes habe sie ihren antifaschistischen Weg "unabhängig und beharrlich" weiterverfolgt. Österreich verdanke ihr "in bedeutendem Ausmaß jene wissenschaftlichen Anstöße und Grundlagen, die zur Aufarbeitung von Austrofaschismus und Nationalsozialismus unabdingbar waren". Damit sei sie "besonders in den 1960er- und 1970er-Jahren eine Lichtgestalt in der Zunft der österreichischen HistorikerInnen" gewesen.

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