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Kultur
06/06/2019

Eric Clapton war in der Wiener Stadthalle in Hochform

Der 74-jährige Ausnahme-Gitarrist begeisterte mit Blues-Songs, unter die Haut gehenden Soli und Klassikern wie "Tears In Heaven".

von Brigitte Schokarth

Clapton is God“ schreit jemand aus der achten Reihe. Ob Eric Clapton das gern hört, ist fraglich. Als „Egomane mit einem Minderwertigkeitskomplex“, sagte er einmal, habe es ihn genauso gefreut wie abgestoßen, als Mitte der 60er-Jahre erstmals ein derartiges Graffiti in der U-Bahnstation Islington in London auftauchte. Gerade mal zwanzig Jahre war Clapton damals – und schon besser als jeder andere Gitarrist in England.

Jetzt, mehr als fünf Jahrzehnte später, steht er auf der Bühne der Wiener Stadthalle und lässt wieder einmal Soli vom Stapel, dass man unweigerlich an die "God"-Graffiti erinnert wird. So mühelos wirkt sein Spiel, so lässig lässt er die Töne aus dem Instrument fließen, so elegant und effizient tanzen seine im Video häufig in Großaufnahme gezeigten Finger über das Griffbrett, dass es einfach magisch anmutet.

Und heute kommt noch dazu, was vor einigen Jahren hier in der Wiener Stadthalle fehlte: Seine Töne berühren und packen. Damals wirkte Clapton trotz der selben spielerischen Brillanz unbeteiligt und lustlos. Heute ist das wie weggeblasen.

Zwar war der Einstieg mit Songs wie „Pretending“ und „Key To The Highway“ emotional noch ein bisschen verhalten. Da war auch der Sound verwaschen und Clapton kam mit seiner Singstimme nicht dagegen an. Doch das legte sich schnell und der superfitte 74-Jährige zeigt jetzt mit dem Willie-Dixon-Klassiker „I’m Your Hoochie Coochie Man“, dass er an diesem Abend den Fokus ganz auf den Blues legen will. Auf Coverversionen von Songs von Robert Johnson oder Johnny Moore und jede Menge Soli - wobei Clapton  sich auch gerne mal im Hintergrund hält, den Musikern der hervorragenden Band mit Nathan East am Bass, Chris Stainton am Klavier und Paul Carrack an der Hammondorgel den Vortritt lässt und sich mit ein bisschen Rhythmus-Schlagen begnügt. Das allerdings keine Spur weniger versiert und lässig.

Trotzdem gibt es auch genug der Clapton-Klassiker zu hören: „Layla“ und „Tears In Heaven“, spielt er im Mittelteil auf der akustischen Gitarre in interessanten, aber fast ein bisschen zu entspannten, jazzig dahinswingenden Versionen. Mit „Running On Faith“ steigern sich Tempo und Dynamik wieder und es gibt mehr der Klassiker aus dem Clapton-Repertoire.

„Cross Road Blues“ und „Cocaine“ sind mitreißende Höhepunkte, bei denen der Brite noch einmal zeigt, dass man ihn zu Unrecht „Slowhand“ nennt. Und wie er im langsamen Spiel immer genau weiß, wie er einen einzigen Ton platzieren und ziehen muss, damit er unter die Haut geht, zielen bei ihm auch viele schnelle Tönen nie auf „Seht, was ich kann“ ab, sondern nur auf Feeling und Atmosphäre.

Nur eine Zugabe gibt es danach in Wien. Schade. Heute hätte jeder der 12.000 Besucher in der ausverkauften Stadthalle sehr gerne mehr gehört.