Der monumentale, erstmals 1902 ausgestellte Beethovenfries von Gustav Klimt ist heute in der Wiener Secession als Leihgabe des Belvedere zu sehen.

© Reuters/HEINZ-PETER BADER

Kulturpolitik
10/16/2013

Erben kämpfen um Klimts "Beethovenfries"

Es liegen zwei neue Rechtsgutachten zu dem berühmten Wandfries in der Wiener Secession vor.

von Georg Leyrer

Um rasante 45 Prozent mehr Besucher hatte die Secession im Klimtjahr 2012 – denn dort ist eines der publikumswirksamsten Werke des ohnehin publikumswirksamen österreichischen Künstlers zu sehen, der Beethovenfries. Wie die Republik Österreich dieses raumfüllende Hauptwerk des Jugendstils, vor dem Krieg in Besitz der jüdischen Sammlerfamilie Lederer, erworben hat, wurde 1999 in einem der ersten Restitutionsverfahren nach dem damals neuen Kunstrückgabe-Gesetz verhandelt. Der Beirat entschied: Die Familie hat dem Verkauf 1973 zugestimmt, damit sei das Werk rechtmäßig im Besitz der Republik.

Unrecht

Doch seitdem hat der Gesetzgeber etwas anerkannt, das vorerst keinen Eingang in das Restitutionsgesetz gefunden hatte: Die Republik hat nach dem Krieg Druck auf einzelne Sammler ausgeübt, denen prominente Kunstwerke zurückgegeben worden waren. Die Unrechtmäßigkeit insbesondere einer Vorgangsweise der Republik wurde inzwischen im Gesetz berücksichtigt: Besonders prominente Werke wurden mit einem Ausfuhrverbot versehen – und waren damit für die von den Nazis vertriebenen Besitzer unerreichbar. Die derart durch die Republik erwirkten Verkäufe – oftmals zu Preisen unter dem Marktwert – können seit 2009, seit einer Novelle im Restitutionsgesetz, angefochten werden.

Dabei geht es also nicht direkt um die Enteignung in der NS-Zeit, sondern um die Vorgehensweise der Republik nach Kriegsende. Auf diese Änderung im Gesetz beziehen sich nun die Erben nach Erich Lederer: Sie haben laut New York Times einen neuerlichen Antrag auf Restitution des Klimt-Werkes gestellt. Auch weitere Erbengruppen drängen auf die Rückgabe des Frieses, wie in der Folge am Mittwoch bekannt wurde. Die Causa ist eines der prominentesten Restitutionsverfahren seit der Rückgabe von fünf Klimt-Werken aus der Österreichischen Galerie Belvedere 2006.

„Seit 24 Jahren will Österreich ihn erwerben, fast ein Menschenalter, und ausführen darf ich ihn nicht! Ich wäre sehr froh, wenn man mir endlich den nicht ausführbaren Fries abkaufen würde.“ Dies schrieb Erich Lederer 1972. Der 1902 erstmals ausgestellte Fries war vor dem Krieg Teil einer einzigartigen Kunstsammlung, die der Familie Lederer durch die Nazis geraubt worden war. Viele Werke der Sammlung, darunter 18 Klimt-Bilder, wurden im Krieg zerstört. 1945 gab die Republik den Fries an den in Genf wohnenden Lederer-Erben Erich zurück – versehen mit einem Ausfuhrverbot. Ein Vorschlag Lederers, den Fries im Gegenzug für alle anderen Werke der Kunstsammlung ausführen zu dürfen, wurde abgelehnt. Ein anderer Vorschlag, der zahlreiche Schenkungen an österreichische Museen vorsieht, während einige andere Werke ausgeführt werden dürfen, wurde angenommen.

Der Fries kommt in die Depots der Galerie Belvedere, ein Konflikt zwischen Lederer und der Galerie über Restaurierung und Präsentation des Werkes entbrennt. 1973 dann der Verkauf: Nach einer Schätzung des Auktionshauses Christie’s ist der Fries damals 25 Millionen Schilling wert, 15 Millionen Schilling bekommt Lederer von der Republik.

Im ersten Restitutionsverfahren blieb im Kunstrückgabebeirat die Ansicht aufrecht, dass dieser Verkauf aus freien Stücken erfolgte und die Familie Lederer auch in der Folge Einverständnis mit dem Verkauf signalisierte. Als Begründung für diese Ansicht diente u. a. eine Schenkung von 14 Studien zum Beethoven-Fries durch Elisabeth Lederer im Jahr 1985.

Gutachten

Die Erben bestreiten dies. In ihrem neuen Antrag auf Restitution beziehen sie sich auf zwei Rechtsgutachten; sie wollen am Donnerstag in Wien weitere Details bekannt geben. Die scheidende Kulturministerin Claudia Schmied wollte die Causa am Mittwoch nicht kommentieren. Der Ausgang des Verfahrens wird Schmied ohnehin nicht mehr betreffen: Mit einer Entscheidung ist nicht vor dem kommenden Sommer zu rechnen. Bei einer eventuellen Rückgabe müsste der damalige Kaufpreis rückerstattet werden.

Gustav Klimts „Beethovenfries“

Werk: Gustav Klimt gestaltete den so monumentalen wie berühmten „Beethovenfries“ für die XIV. Ausstellung der Vereinigung Bildender Künstler Österreichs Secession. Das Werk gilt als einer der Höhepunkte des Wiener Jugendstils. Am 15. April 1902 war der 34 Meter lange Fries erstmals in der Secession zu sehen, wo er seit 1986 in einem eigens geschaffenen Raum ausgestellt wird.

Inhalt: Das Thema des Frieses bezieht sich auf Richard Wagners Interpretation der IX. Sinfonie von Ludwig van Beethoven und stellt mit allegorischen Figuren die Sehnsucht nach dem Glück dar, die im idealen Reich der Künste gestillt wird.

"Beethovenfries" in der Secession

Die offenen Fragen zum Fall "Beethovenfries"

Der berühmte „Beethovenfries“ von Gustav Klimt plötzlich ein Top-Thema der Kulturpolitik: Die Änderung der Novelle des österreichischen Kunstrückgabegesetzes 2009 hat einen neuen Blick auf ein Hauptwerk des Wiener Jugendstils, 1902 in der Secession erstmals ausgestellt, erst möglich gemacht. Und das wirft viele Fragen auf: Wie werden Österreichs Politiker auf die Rückgabeforderung der Erben der einst enteigneten jüdischen Sammlerfamilie Lederer reagieren? Hoffentlich geschickter als seinerzeit bei der "Goldenen Adele".

Wie ist die Hauptattraktion der Wiener Secession, die in den 70er-Jahren nach Auflage von Ausfuhrbeschränkungen angeblich zum halben Marktwert den früheren Eigentümern um 750.000 Dollar abgelöst wurde, heute zu bewerten? Schließlich wurde das Monumentalwerk um erhebliche Kosten zehn Jahre lang restauriert. Ein schwieriger Fall in jedem Fall. Wie überall, wo die zwei Pole Geld und Kunst aufeinanderprallen. Und über Recht und Unrecht, das abzugelten ist, verhandelt wird.

Die Kulturnation Österreich und ihre Akteure sind herausgefordert. Damit die auf dem Wandfries thematisierte "Sehnsucht nach dem Glück" in dieser Causa in Erfüllung geht.

Der Beethoven-Fries

Der Beethoven-Fries von Gustav Klimt gilt als einer der Höhepunkte des Wiener Jugendstils. Am 15. April 1902 war der 34 Meter lange Wandfries erstmals in der Secession zu sehen, wo er seit 1986, nach einer wechselvollen Aufbewahrungsgeschichte, in einem eigens dafür geschaffenen Raum ausgestellt wird.

Gustav Klimt gestaltete den monumentalen Fries für die XIV. Ausstellung der österreichischen Künstlervereinigung Secession, die vom 15. April bis 27. Juni 1902 stattfand und als Hommage an den Komponisten Ludwig van Beethoven gedacht war. Die Werke von 21 Mitgliedern der Künstlervereinigung bezogen sich inhaltlich und räumlich auf die eben von Max Klinger fertiggestellte Beethovenfigur. Das Thema des Frieses bezieht sich auf Richard Wagners Interpretation der IX. Sinfonie von Ludwig van Beethoven und stellt mit allegorischen Figuren die Sehnsucht nach dem Glück dar, die im idealen Reich der Künste gestillt wird.

Der ursprünglich nur als Dekorationsmalerei gedachte Zyklus sollte nach der Ausstellung abgetragen werden. Der Mäzen Carl Reininghaus, der das Kunstwerk kaufte, sorgte aber dafür, dass der Fries erst nach Beendigung der Klimt-Retrospektive im November 1903 (XVIII. Ausstellung) samt Unterbau aus Schilfrohr und Lattenrost in sieben Teile zersägt und von der Wand genommen wurde. Über Vermittlung von Egon Schiele verkaufte er den Fries danach weiter an die jüdische Familie Lederer. Deren Kunstsammlung ist als wichtigste und größte private Sammlung von Werken Gustav Klimts in die Kunstgeschichte eingegangen - der Künstler ging bei der Familie auch ein und aus. Sammlerin Serena Lederer musste nach dem "Anschluss" nach Ungarn emigrieren, wo sie 1943 starb.

"Ihrem Sohn Erich wurden nach dem Krieg als Gegenleistung für Ausfuhrgenehmigungen der um die meisten ihrer wertvollsten Stücken beraubten Sammlung mehrere - überaus bedeutende - Widmungen abgepresst", schreibt die Restitutionsforscherin Sophie Lillie in ihrem "Handbuch der enteigneten Kunstsammlungen". Erich Lederers Vorschlag, das Beethoven-Fries unter Verzicht auf alle anderen Stücke ausführen zu dürfen wurde vom Bundesdenkmalamt abgelehnt. Auch sein Wunsch, das Fries im Foyer der Wiener Staatsoper aufzustellen, bleib unerfüllt.

Nach Kriegsende wurde der Fries gar nicht in der Öffentlichkeit gezeigt, 1973 aber von der Republik Österreich für die Österreichische Galerie erworben. Noch in den späteren 70er Jahren gab es Überlegungen, den Beethovenfries im Konferenzzentrum der UNO-City aufzustellen. Seit 1986 ist der Wandzyklus nach zehnjährigen Restaurierungsarbeiten im Keller der Secession wieder der Öffentlichkeit in permanenter Präsentation zugänglich. Neben dem Original, das jährlich Tausende Besucher in die Secession lockt, existiert auch eine Kopie des Frieses, die im Rahmen großer Themenausstellungen weltweit immer wieder präsentiert wird.

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