Florian Hoffmann als Jaquino und Mojca Erdmann als Marzelline im Teatro alla Scala in Mailand

© APA/BRESCIA/AMISANO

"Fidelio" in der Scala: Großer Preis, kleiner Wert
12/08/2014

"Fidelio" in der Scala: Großer Preis, kleiner Wert

Die Saisoneröffnung mit Beethoven wurde in vielen Bereichen zur Enttäuschung.

von Gert Korentschnig

Für die Qualität dieser Aufführung kann Alexander Pereira, der neue Intendant der Mailänder Scala, definitiv nichts. Sein Vorgänger Stéphane Lissner hatte die Premiere von Beethovens „Fidelio“ noch geplant. Und man erinnert sich an den Musikkritiker des Corriere della Sera, der zuletzt im Radio sagte: Er freue sich auf Pereiras Produktionen in Mailand. Denn Lissner sei wahrscheinlich der schlechteste Intendant, den das renommierte Opernhaus je hatte.

Proteste

Saisoneröffnung am Traditionstheater in der lombardischen Hauptstadt. Davor sind 750 Polizisten im Einsatz, um Ausschreitungen zu verhindern, dennoch fliegen Knallkörper und Eier. Laut Demonstranten werden Knüppel eingesetzt, es gibt Verletzte.

Drinnen feiern Opernbesucher die Wichtigkeit des Anlasses und ihrer selbst. Die besten Karten kosteten heuer mehr als 2000 Euro. Die erste Scala-Premiere, die alljährlich am 7. Dezember, dem Tag des Stadtheiligen Sant’Ambrogio, stattfindet, ist eine Mischung aus Opernball, Neujahrskonzert und Salzburger Festspiel-Premiere mit Anna Netrebko – und die teuerste Aufführung des Jahres. Aber nicht zwingend die wertvollste.

Alexander Pereira begrüßt die Gäste erstmals in seiner neuen Funktion, schüttelt Hände, verteilt Bussis und fühlt sich an der Seite seiner Lebensgefährtin sichtlich wohl auf dem Glamour-Parkett. Einen Stock tiefer, im Graben, steht letztmalig Daniel Barenboim in seiner Funktion als Musikdirektor der Scala. Er lässt mit „Fidelio“ seine Mailänder Reise durch alle Symphonien, Klavierkonzerte und Sonaten von Beethoven enden. Davor spielt er noch die italienische Hymne – das hat Tradition bei der „Inaugurazione“.

Die „Fidelio“-Fassung ist jedoch ungewöhnlich (auch wenn Barenboim schon mehrfach eine solche gewählt hat): Die Basis ist die Beethoven-Version von 1814 (also 200 Jahre nach der Uraufführung), am Beginn steht aber die zweite Leonoren-Ouvertüre, was auf Grund von Barenboims Tempi problematisch ist: Diese Langsamkeit hat die Wirkung eines Sedativums.

Auch im Verlauf der Oper wählt Barenboim immer wieder Extremtempi. Das hatte zuletzt Nikolaus Harnoncourt im Theater an der Wien auch gemacht. Da hatte es dramaturgisch Sinn, diesmal ist die Logik nicht immer nachvollziehbar. Vor allem aber stellt Barenboim die Sänger vor Probleme: Um diese Lesart mittragen zu können, hätte es großteils andere Protagonisten gebraucht.

Szenenfotos

FOTOPROBE: "FIDELIO"

FOTOPROBE: "FIDELIO"

FOTOPROBE: "FIDELIO"

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From left, German singer Klaus Florian Vogt (Flore…

German singer Anja Kampe smiles as she meets the m…

NEUJAHRSKONZERT 2014 GENERALPROBE: BARENBOIM

La Scala's general director Alexander Pereira, cen…

La Scala's general director Alexander Pereira smil…

Beifall

Was der Maestro mit seinem Orchester jedoch klanglich in das Opernhaus zaubert, ist traumhaft schön. Der euphorische Beifall galt aber wohl mehr seinen historischen Verdiensten an der Scala als der neuen Produktion.

Die Inszenierung von Deborah Warner ist ebenso nicht dazu angetan, Dramatik zu entwickeln. Sie siedelt die Geschichte an einem fiktiven Ort an, zwischen aufgelassener Fabrik und Kriegsgefängnis. Es könnte in Syrien oder im Irak sein, man denkt auch an Abu Ghraib. Mit den heutigen Kostümen hätte das Potenzial, eine spannende Abrechnung bis hin zu den Bedrohungen durch den IS zu werden. Warner formuliert diesen Ansatz aber nicht aus. Die Personenführung ist enttäuschend, die Regie insgesamt platt. Wenn Florestan und Leonore bei der „Namenlosen Freude“ immer weiter auseinander gehen, wird es absurd. Gut gelöst ist das Finale mit dem Minister, wenn die Schwarz-Weiß-Inszenierung plötzlich bunt wird.

Unverständnis

Die Besetzung stößt teilweise auf Unverständnis. Klaus Florian Vogt singt den Florestan mit seiner Naturstimme nicht im geringsten heldisch, wie ein Sängerknabe im falschen Fach. Sein Tenor bleibt eindimensional. Anja Kampe ist eine darstellerisch famose Leonore mit Schwächen in den tiefen Passagen und etwas schrill in der Höhe. Mojca Erdmann befindet sich als Marzelline mit ihrem kleinen Sopran im großen Theater von Anfang an auf verlorenem Posten, Florian Hoffmann ist ein guter Jaquino. Die drei Besten des Abendes: Peter Mattei als nobler Don Fernando, Falk Struckmann als mächtiger, immer noch kraftvoller Don Pizarro und Kwangchul Youn als profunder, sehr präsenter Rocco. Tadellos singt der Chor.

Die letzte „Fidelio“-Aufführung an der Scala war übrigens vor drei Jahren das erfolgreiche Staatsoperngastspiel mit Nina Stemme, Peter Seiffert und Franz Welser-Möst am Pult. Konzertant. Wesentlich mehr Inszenierung gab es nun auch nicht.

KURIER-Wertung:

Zusammenstöße zwischen Demonstranten und Polizei vor Scala-Premiere

Zu Zusammenstößen zwischen Demonstranten und der Polizei ist es am Sonntagnachmittag vor Beginn der Saisonpremiere der Scala gekommen. Linksradikale Aktivisten, die für Sozialwohnungen und Beschäftigung demonstrierten, versuchten eine Polizeisperre zu umgehen und sich dem Mailänder Opernhaus zu nähern.

Die Demonstranten, die die Sicherheitskräfte mit Eiern und Knallkörpern bewarfen, wurden von der Polizei zurückgedrängt, berichteten italienische Medien. Die Linksaktivisten klagten, die Polizei sei gegen sie mit Knüppelschlägen losgegangen. Dabei seien mindestens zwei Personen verletzt worden. Die Demonstranten skandierten Slogans gegen die Regierung von Premier Matteo Renzi und die kürzlich verabschiedete Arbeitsmarktreform, die eine Auflockerung des Kündigungsrechts vorsieht.

Schärfste Sicherheitsvorkehrungen waren vor der Scala-Premiere in Erwartung von Protesten ergriffen worden. Über 750 Ordnungshüter waren in der lombardischen Hauptstadt im Einsatz. Intendant Pereira zeigte sich von den Protesten unbeeindruckt. "In den letzten 15 Jahren hat es bei Scala-Premieren immer schon Demonstrationen gegeben", kommentierte Pereira nach Angaben italienischer Medien.

(APA)

Pereira tischt wieder groß auf

Mailänder Scala, wenige Tage vor der "Inaugurazione", dem fulminant gefeierten Opernsaison-Start: Neo-Intendant Alexander Pereira (67) hat zu einer Pressekonferenz geladen, in deren Rahmen der Österreicher Details zur Premiere von "Fidelio" am 7. Dezember und seine Visionen für die Scala präsentiert. Er wirkt angespannt, beinahe grimmig. Immerhin gilt es für den umstrittenen Kulturmanager, sich an einem der renommiertesten Opernhäuser der Welt zu beweisen.

Schnitt. Zwei Stunden später in Pereiras neuer 260 Quadratmeter großen Wohnung mit Blick über die Dächer Mailands: Pereira sitzt eng umschlungen mit seiner Lebensgefährtin am weißen Ledersofa, strahlend, entspannt und "verliebt wie am ersten Tag vor acht Jahren", wie er sagt. Mit Daniela de Souza (27), die in wenigen Tagen ihr Examen an einer Modeschule absolviert, hat der Intendant auch privat in Mailand ein neues Leben begonnen. Dem KURIER gewährte der 67-Jährige einen exklusiven Blick in dieses – und in seine Strategien als mächtigster Mann an der Mailänder Scala.

KURIER: Herr Pereira, Ihr erstes Resümee als neuer Intendant am Teatro alla Scala?

Alexander Pereira: Es gefällt mir sehr gut! Im Gegensatz zum Frühjahr, als die Wogen hochgingen wegen des Kaufs von Opern aus Salzburg, habe ich jetzt das Gefühl, dass man sich über meine Anwesenheit freut. Es bemühen sich alle, und ich bemühe mich auch. Fest steht, dass man das "Schreckgespenst" aus Österreich nun aus der Nähe kennengelernt und befunden hat: So grauenhaft ist er auch wieder nicht, wie alle sagen.

Gibt es Unterschiede – politischer und organisatorischer Natur – zur Arbeit an einer österreichischen Kulturstätte?

Letztlich gilt überall das selbe Gesetz: man muss ein Theater mit Vernunft und Gespür führen. Es arbeiten hier sehr kompetente Leute, auch die Infrastruktur ist gut, wenngleich sie manchmal bürokratisch sehr verstrickt ist. Daher ist es, denke ich, von Vorteil, dass ich jetzt einen antibürokratischen Beitrag an der Scala leisten kann.

Sie sagen, Sie "bemühen" sich – was bedeutet das?

Man muss verstehen, was ein Haus braucht. Das kann in Zürich ganz etwas anderes sein als in Wien oder London. Hier in Italien ist man über alle Maßen talentiert, aber auch übersensibel. Viele verlieren in schwierigen Situationen die Ruhe und damit den Überblick. Daher ist eine Komponente, die ich diesem Haus geben muss, Ruhe. Ich weiß, dass ich das kann.

Frau De Souza, Sie kennen den Intendanten von seiner privaten Seite – ist er zu Hause ganz anders als in der Arbeit?

Daniela de Souza: Ich denke schon. Ich habe einmal mitbekommen, wie streng Alexander im Büro sein kann – so habe ich ihn zu Hause noch nie erlebt. Da ist er immer ganz lieb. Ich habe ihm damals auch gesagt, dass er sich entschuldigen muss bei der Person, zu der er böse war. Das hat er getan.

Sind Sie durch Ihre Beziehung sanftmütiger geworden?

Pereira: Das kann ich nicht beurteilen, aber fest steht, dass Dani mich und meine Sicht auf viele Dinge durchaus verändert hat. Ich war zum Beispiel ein absoluter Anti-Familienmensch. Heute genieße ich es, mit ihrer und meiner Familie zusammenzusitzen.

Sie mussten schon oft harte Kritik einstecken – etwa wegen Ihrer Arbeit mit Sponsoren ...

Ja und das ist ein absoluter Blödsinn, jemanden dafür zu kritisieren. Das Einzige, was zählt ist, dass die Kulturstätte lebendig funktionieren kann. Wenn eine Kulturstätte aufgrund Mangels an Sponsoren in Agonie verfällt, ist das doch Wahnsinn. Die Aufgabe eines Theaterdirektors ist, sein Theater gut zu führen – das habe ich auch in Salzburg immer versucht deutlich zu machen. Die Scala hat, wie ich finde, ein sehr fortschrittliches Finanzierungsmodell: ein Drittel aus staatlichen, ein Drittel aus privaten und ein Drittel aus Ticketverkaufs-Einnahmen. Das funktioniert sehr gut, wie man schon an "Fidelio" sieht, wofür wir viele Unterstützer ins Boot holen konnten. Es ist völlig unrealistisch, in Zukunft den gesamten Etat von Theatern aus Subventionen bestreiten zu können. Die Realität ist, dass der Staat das Geld nicht mehr hat. Es gibt keine andere Variante, als sich mit privaten Unternehmen zusammenzuschließen. Das gilt für unsere gesamte Werteordnung, also auch für Spitäler, Universitäten und Sport.

Bilder aus Pereiras Mailänder Domizil

Alexander Pereira und Daniela de Souza

Alexander Pereira und Daniela de Souza

Alexander Pereira und Daniela de Souza

Alexander Pereira und Daniela de Souza

Alexander Pereira, Daniela de Souza

Alexander Pereira, Daniela de Souza

Alexander Pereira, Daniela de Souza

Alexander Pereira und Daniela de Souza

Alexander Pereira, Daniela de Souza

Alexander Pereira, Daniela de Souza

Alexander Pereira, Daniela de Souza

Daniela de Souza

Alexander Pereira und Daniela de Souza

In Salzburg wurde kürzlich das Festspielprogramm 2015 präsentiert. Was sagen Sie dazu?

Ich kenne es natürlich, aber es hat keinen Sinn, da jetzt gute Ratschläge zu geben. Das Thema ist für mich abgeschlossen.

Ihr Vertrag mit der Mailänder Scala endet in 15 Monaten – programmlich geplant haben Sie allerdings bereits bis 2020. Sind Sie davon überzeugt, dass Sie länger bleiben werden?

Ich habe den Auftrag bekommen zu planen – und es wird bis Ende 2015 das Programm bis Ende 2019 stehen. Den Intendanten gleich zu wechseln, hätte aus meiner Sicht keinen Sinn. Es sei denn, er stiehlt goldene Löffel.

"Was nach der Scala kommt? Verwesung oder Scheintod"

Haben Sie mit der Intendanz an der Scala den Zenit erreicht?

Das ist natürlich eine wunderschöne Chance für einen kleinen Österreicher. Aber letztlich vergisst man das sofort, wenn man am Schreibtisch sitzt und Probleme lösen muss.

Was kommt nach der Scala?

Pereira: Die Verwesung oder der Scheintod (lacht).

De Souza: Sag so etwas nicht! Alexander ist unglaublich aktiv. Die Arbeit ist sein Leben.

Pereira: Und du mein Schatz!

Wie viel Zeit bleibt im Moment für Ihr Privatleben?

De Souza: Manchmal habe ich das Gefühl, wir sehen uns weniger als in Salzburg. Aber wir versuchen jeden Tag zusammen Mittag zu essen. Und wenn er nicht gerade eine Vorstellung hat, bekocht mich Alexander am Abend. Deshalb bekomme ich meine Kleider auch schon alle nicht mehr zu (lacht).

Pereira:Ja, du bist unglaublich dick geworden(lacht).Dani hat sich übrigens ein fantastisches Kleid für die Premiere geschneidert.

Ihr Lebensgefährte wurde zum Familienmensch. Was haben Sie von ihm gelernt?

De Souza: Ach, so vieles. Ich komme aus Manaus in Brasilien. Durch Alexander habe ich die Welt kennengelernt.

Pereira: Sie spricht inzwischen fünf Sprachen, ich kann nur vier.

De Souza: Ich bin auch viel selbstsicherer geworden.

Herr Pereira, kennen Sie Selbstzweifel und Versagensängste?

Die mutigsten Leute sind die ängstlichsten, weil sie ihre Angst kompensieren müssen. Mutige Menschen sind meist sehr verletzlich – und nicht irgendwelche oberflächlichen Kraftlackeln.

Die neue Spielzeit ist für das Mailänder Opernhaus besonders wichtig

Die Premiere von Beethovens Freiheitsoper "Fidelio" an der Mailänder Scala ist der erste große Auftritt des gebürtigen Wieners Alexander Pereira als Intendant des renommierten Opernhauses. Die Produktion geplant hat aber noch großteils sein Vorgänger Stéphane Lissner. Daniel Barenboim steht zum letzten Mal als Musikdirektor der Scala bei einer "Inaugurazione", der legendären Saisoneröffnung, am Pult. Sein Vertrag läuft im Dezember aus. Regie führt Deborah Warner. Anja Kampe singt die Partie der Leonore, Klaus Florian Vogt jene des Florestan.

"Keine Premiere ist so wichtig wie jene der Mailänder Scala. Das ist die schönste Premiere der Welt", sagt Pereira. Die neue Spielzeit ist für das Opernhaus besonders wichtig, weil vom 1. Mai bis 31. Oktober 2015 die Weltausstellung Expo zusätzlich 20 Millionen Besucher in die lombardische Hauptstadt locken wird. Für Pereira selbst geht es auch um die Verlängerung seines Vertrages, der nach anfänglichen Querelen vorerst nur nur Ende 2015 läuft.

Eine mit Spannung erwartete Premiere findet am 15. Februar statt: Verdis "Aida". Zubin Mehta wird dirigieren, Peter Stein inszenieren. Am 1. Mai 2015 wird der künftige Musikdirektor Riccardo Chailly Puccinis "Turandot" dirigieren.

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