Kultur 05.12.2011

Enttäuschende "Così fan tutte" in Salzburg

Die erste Enttäuschung auf allen Ebenen im Opernprogramm der Salzburger Festspiele: Die Wiederaufnahme von "Così fan tutte" im Haus für Mozart.

Das Publikum hat ja grundsätzlich immer recht. Dennoch kann man die Reaktion auf so manche Premiere in Salzburg nicht immer nachvollziehen. Oder ist tatsächlich angesichts der globalen Situation auch im Kulturbereich die neue Bescheidenheit ausgebrochen? Die große Zustimmung nach der Wiederaufnahme von Mozarts "Così fan tutte" lässt zumindest darauf schließen.

Dieses bedeutende Werk des Genius loci, diese für die Festspiele so zentrale Oper müsste definitiv anders, auf wesentlich höherem Niveau realisiert werden. Seit vielen Jahren hat man aber gerade mit "Così fan tutte" Probleme. Was heuer verschärfend dazukommt: Eine großteils enttäuschende Besetzung und eine diskutable musikalische Umsetzung.

Tendenz fallend

Klinisch und kalt: Die nüchterne Bühne von Christian Schmidt.
© Bild: dapd

Die wenigsten erinnern sich gerne an die Regie von Ursel und Karl-Ernst Hermann im Großen Festspielhaus. Seit Claus Guth 2009 seine Sicht auf dieses Dramma giocoso im Haus für Mozart herausgebracht hat, ist es eher schlechter geworden.

Guths Deutung ist - ähnlich wie bei "Le Nozze di Figaro" - kalt, nüchtern, geradezu tragisch. Die Geschehnisse - der alte Don Alfonso verführt zwei Liebespaare zu einem zynischen Spiel des unfreiwilligen Partnertausches - enden bei Guth nicht im Geringsten versöhnlich, sondern freilich im Desaster.

Eindringender Wald

Klinisch und kalt: Die nüchterne Bühne von Christian Schmidt.
© Bild: dapd

Die jungen Menschen sind in ein Haus gesperrt, aus dem es kein Entrinnen gibt. Don Alfonso und Despina erscheinen als Todesengel. Nach und nach öffnet sich der weiße, klinische Raum, und der Wald als Symbol für Bedrohung und wahrscheinlich auch für verborgene Wünsche dringt ins Haus ein. Jener Wald, den man schon von Guths "Don Giovanni" kennt, der nur im "Figaro" (wo er am besten hinpassen würde) keine Rolle spielt. Soweit die traurige Handlung auf der Bühne. Aus dem Graben erklingen dieses Mal aber auch nicht nur überzeugende Töne.

Marc Minkowski, der an der Staatsoper mit Händels "Alcina" triumphiert hatte, animiert seine Musiciens du Louvre-Grenoble zu frischen Tempi, großer Dynamik und versucht zusammenzuhalten, was kaum zusammenzuhalten ist. In Bezug auf den bei "Così" nötigen Klangzauber bleibt er einiges schuldig. Dieses Werk ist eben keine Barockoper. Für Mozarts Frühwerk "Mitridate" vor einigen Jahren im Residenzhof war Minkowskis Zugang ideal gewesen.

Schwankende Gesangsleistungen

Klinisch und kalt: Die nüchterne Bühne von Christian Schmidt.
© Bild: dapd

Enttäuschend sind auch einige Sänger. Christopher Maltman als Guglielmo ist die einzige Topbesetzung - gut, dass für ihn sogar die oft gestrichene Arie "Rivolgete a lui sguardo" geöffnet wurde. Maria Bengtsson schafft als Fiordiligi berührende Momente, hat große Bühnenpräsenz, kämpft aber mit dem stimmlichen Umfang der Rolle. Michèle Losier ist eine allzu brave, nicht verführerische Dorabella. Bei Alek Shrader, seinem Timbre und seiner Technik darf man gar nicht daran denken, wer den Ferrando in Salzburg schon alles gesungen hat. Bo Skovhus' Don Alfonso wirkt stimmlich kraftlos.

Und Anna Prohaska, die neue Despina? Sie gibt glaubhaft ein süßes, 15-jähriges Mädchen, ist eine famose Sängerin mit feinem Sopran und guter Höhe - diese Partie liegt ihr aber zu tief, weshalb sie sich abmüht. Der Chor agiert erfreulich, aber unsichtbar. Umgekehrt wär's besser: Man sieht alle Sänger statt der Inszenierung, die schon nach zwei Jahren nicht mehr funktioniert.

KURIER-Wertung: ** von *****

Fazit: Der bisher schwächste Opernabend

Klinisch und kalt: Die nüchterne Bühne von Christian Schmidt.
© Bild: dapd

Das Werk
Wolfgang Amadeus Mozarts "Così fan tutte", die letzte der drei Opern, die in Zusammenarbeit mit dem Librettisten Lorenzo Da Ponte entstand.
Uraufführung: 1790 in Wien.

Der Dirigent
Marc Minkowski steht am Pult des von ihm gegründeten Originalklangensembles Les Musiciens du Louvre-Grenoble. Er sorgt für viel Dynamik und frische Tempi. Klanglich bleibt er einiges schuldig.

Die Sänger
Christopher Maltman ragt als Guglielmo heraus. Maria Bengtsson hat schöne Momente als Fiordiligi. Der Rest ist Mittelmaß, agiert enttäuschend oder ist fehlbesetzt.

Die Inszenierung
In Claus Guths Regie ist nichts lustig, sondern alles tragisch und folgenschwer. Von Dramma giocoso (Fachbezeichnung für "Così") keine Spur.

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( Kurier ) Erstellt am 05.12.2011