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Kultur
09/06/2012

Engel des Vergessens - Von Maja Haderlap

Maja Haderlaps autobiografischer Roman beginnt in kleinen, wunderbaren Bilder und endet als verstörendes Kriegsgemälde.

Maja Haderlaps 2011 erschienenes Romandebut ist ein besonderer Text. Einer, der als Buch der kleinen, wunderbaren Bilder beginnt und als verstörendes Kriegsgemälde endet. Die 1961 in Bad Eisenkappel geborene Autorin beschreibt Kindheit und Jugend ihrer Protagonistin Kokica in einem Gebirgsdorf Kärntens unmittelbar an der slowenischen Grenze. Hier wächst das Mädchen in den 1960er und 70er Jahren auf, hier lernt es die zerrissenen Weisheiten ihrer Großmutter und die Trauer ihres Vaters Stück für Stück kennen.

Nur in brüchigen Teilen erfährt die junge Kokica die Geschichte ihrer Familie, nur langsam schält sich aus den einzelnen, grandios komponierten Erzähl-Miniaturen der Hintergrund heraus: Die Familie gehört zur slowenischen Minderheit Österreichs, die Großmutter wurde im KZ Ravensbrück interniert, der Vater als Zwölfjähriger von den Nazis mit Schein-Exekutionen gefoltert – als jüngstes Mitglied schloss er sich den Partisanen an.

Zeigen die ersten Szenen des Romans noch ein naturnahes Bergidyll – frisch gebackenes Brot, selbst geschleuderter Honig, blühende Natur –, verändert das wachsende Bewusstsein des Mädchens auch seine Wahrnehmung. Die Bienen beginnen zu stechen, der Wald wird nicht mehr nur ein Ort zum Pilze sammeln und Jagen, sondern zu einem, an dessen Bäumen im Zweiten Weltkrieg Menschen erhängt und in dessen Dickicht sich die Partisanen des Widerstandes versteckt haben. Kokica ertrinkt fast in einem Weiher, der Todeshauch führt dazu, dass ihre Großmutter mehr von ihrem Leben im Lager erzählt – der Schmerz älterer Generationen verändert auch Kokicas Gegenwart.

Maja Haderlap schreibt "Engel des Vergessens" in der Gegenwart und nutzt die Ich-Perspektive. Aber der in den Buchseiten versteckte Blick ist nie nur der eines jungen Mädchens – stets blitzt die erwachsene und reflektierte Frau der Gegenwart hervor. Bis in das Jahr 1991 begleiten wir Kokica, die in Klagenfurt ein Internat besuchen und schließlich in Wien Theaterwissenschaften studieren wird – auch die Autorin arbeitete erfolgreich als Dramaturgin. Maja Haderlap gewann mit einem Auszug von "Engel des Vergessens" im letzten Jahr den Ingeborg-Bachmann-Preis – sie habe den slowenischen Opfern eine Stimme gegeben, heißt es ausdrücklich in der Laudatio. Und diese Stimme ist wahrlich kreativ und stark. Wie nebenbei lässt die in Klagenfurt lebende Autorin außerdem die verschiedensten Literaturgattungen hinter sich: Heimat-, Familien- und Bildungsroman werden jeweils aufgegriffen, ein Stück weit genutzt und wieder hinter sich gelassen – der Text ist auch ein stilistisch vielfach gebrochener.

Haderlap schrieb ihren autobiografischen Roman auf Deutsch. Bis dahin veröffentlichte sie eindringliche, stets auf Slowenisch verfasste Lyrik. Die Bilder und Geschichten dagegen, die in "Engel des Vergessens" verarbeitet werden, hätten sie Zeit ihres Lebens begleitet, erklärt Haderlap in einem Interview. Der Text sei lange gereift und nicht in ihrer Muttersprache geschrieben, "weil mir in dem Fall die deutsche Sprache geholfen hat, Distanz zum Thema zu halten." Und dieses Thema ist so wichtig wie überfällig, wurde das Schicksal der Slowenen während der Nazizeit doch lange tabuisiert oder zumindest ignoriert.

Ja, Maja Haderlap hat eine starke Stimme. Eine zu gleichen Teilen literarische wie politische, eine Stimme, die durch "Engel des Vergessens" zu den wichtigsten unserer Literaturlandschaft gehört.