Ein stiller Ort

dapdARCHIV: Austrian author Peter Handke is seen during a dress rehearsal of Samuel Becketts and Peter Handkes drama "Krapps Last Tape/ Until Day Do You Part or A Question of Li#34; in SalzSalzburg, Austria (Foto vom 07.08.09). Neuer Aerger um den Candide
Foto: dapd Am 6. Dezember wird Peter Handke 70. Aus seinem Kärntner Heimatort Griffen hört man: Jetzt wird er Ehrenbürger! Handke nimmt an.

Schöner wurde noch nie über das Klo geschrieben. So dankbar, dass sich der "Gesellschaftsflüchtling" zurückziehen kann. Peter Handke und sein neues Buch.

Als der Suhrkamp Verlag im Frühsommer ein neues Buch von Peter Handke für den Herbst ankündigte, das den Titel "Versuch über den Stillen Ort" tragen werde – also autobiografisch, so wie sein Versuch über die Müdigkeit und sein Versuch über die Jukebox –, da hieß es im deutschen Feuilleton:

Selbstverständlich, haha, schreibt Peter Handke nicht über den Lokus, sondern ganz allgemein über Stille.

Jetzt ist das Buch erschienen – und der Text pilgert von einem Klo zum nächsten. Das ist nicht unter der Würde des Dichters, der im Dezember 70 wird. Das ist geruchsfrei und überhaupt nicht peinlich, zumal Peter Handke nicht ironisch wird. Er kann – schriftlich – nicht ironisch sein. Sagt er selbst.

Ein Korb Birnen

Nur einmal schmunzelt man, da gibt er eine Anekdote, die Mutter ihm erzählt hat, wieder. Ein Kind ging mit vollem Korb zum Pfarrer: "Ich soll Sie grüßen von meinen Eltern mit diesen Birnen vom Scheißhausbaum."

So gesellschaftsunfähig und -überdrüssig wie er sich oft gibt, ist Handke ja gar nicht.

Doch war ihm der Stille Ort – immer großgeschrieben, fast ehrfurchtsvoll – weltweit stets eine Fluchtmöglichkeit. Das Gefühl, sich zurückzuziehen und einzusperren ("Endlich allein!"), gibt er in derart hellen Bildern wieder, dass es zur Sehnsuchtsmusik wird, die ansteckt.

Das beginnt mit der Erinnerung an Großvaters Bauernhof: Ein Holzverschlag nur mit einem Schacht, der zum Misthaufen führt. Aber dazu dieses Licht, das punktweise durch die Durchstiche in den Brettern fällt ...

Die Episode, als Handke nach Schulabschluss zu Fuß auf Reisen ging und mangels Geldes auf der Toilette des Bahnhofs von Spittal a. d. Drau schlief, auf dem Boden liegend, die "Buddenbrooks" lesend, ist weniger animierend.

Aber im WC in der japanischen Tempelanlage von Nara, dort wurde er ruhig und unverwundbar. Insekten zirpen, Vögel singen, die Papierwand lässt die Dämmerung herein. Ein Platz – auch – zum Dichten. Besser als ein Schreibseminar.

Das will uns Peter Handke sagen: dass man inmitten des Weltgeräusches einsilbig wird, sprachlos sogar; dass jedoch am ausgesuchten Stillen Ort die Wörterquelle frisch aufspringt. Wichtiger wurde das "Häusl" noch nie genommen. Schöner wurde es nie beschrieben.

(KURIER) Erstellt am
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