Meister Cheng in kulinarischer Mission: Die Finnen sind Würstel mit Saft gewöhnt, er die Bandbreite asiatischer Küche

© Polyfilm

Kino
07/29/2020

Ein Chinese in Lappland

Mika Kaurismäki drehte eine Culture-Clash-Komödie. Es geht um gutes Essen

von Alexandra Seibel

Mika Kaurismäki ist der ältere Bruder von Aki Kaurismäki. Gemeinsam sind sie die beiden berühmtesten Filmemacher Finnlands.

Mika Kaurismäki lebt allerdings erst seit einem Jahr wieder in Finnland. Die dreißig Jahre davor hat er in Brasilien verbracht und dort eine Familie gegründet „Ich weiß, was es ist, ein Ausländer zu sein“, sagt er im KURIER-Interview: „In Brasilien bezeichneten sie mich nach dreißig Jahren noch als ‚Gringo‘ oder als ‚Deutschen‘. Obwohl ich eine brasilianische Frau und Kinder habe.“

Mittlerweile hat sich Kaurismäki wieder in Finnland angesiedelt – „Wir sind abgehauen. Ich habe den verrückten Präsidenten Bolsonaro und die Korruption nicht mehr ausgehalten“ – und dort die charmante Culture-Clash-Komödie „Master Cheng in Pohjanjoki“ (ab Donnerstag im Kino) gedreht, die von einem Ausländer in Lappland erzählt.

Der verwitwete Chinese Cheng reist mit seinem Sohn in ein verschlafenes Dorf in Lappland, um dort einen alten Bekannten zu suchen. Er strandet in einem mickrigen Restaurant, wo die Besitzerin Sirkka jeden Mittag Würstel auf Erdäpfelpüree serviert.

Cheng, von Beruf Chefkoch, kann das kulinarische Desaster nicht länger mit ansehen und beginnt, für chinesische Touristengruppen, aber auch für die heimische Bevölkerung herrliches chinesischen Essen auf die Teller zu bringen: „Ich wollte ein Feel-Good-Movie machen“, sagt der 64-jährige Regisseur: „Einen Film, der die Leute zusammenführt und nicht trennt. Wir sehen so viele wahnsinnige politische Führer in unserer Zeit, die alles tun, um die Leute

zu trennen – auch die eigenen. Ich dachte, ich mache einen positiven Film, in dem zwei verschiedene Kulturen durch das Essen zusammenfinden: Das schlechte finnische und das gute chinesische Essen.“

Kaurismäki lacht. Die lokale Küche, wo das Würschtel als „finnisches Gemüse“ zählt, wird des Öfteren zum Quell der Komik. Und tatsächlich sind die Finnen eher fürs Trinken bekannt als fürs Essen: „Ja, obwohl laut Statistik die jungen Leute immer weniger trinken. Das Problem war ja immer, dass die Finnen am Wochenende alleine sehr viel getrunken haben. Aber mittlerweile ist man mehr zusammen und macht andere Sachen.“

Während Mikas jüngerer Bruder Aki sich auf minimalistisch inszenierte Filme mit skurril-lakonischem Humor spezialisierte, bewegt sich Mika mehr in der Nähe des Mainstream-Kinos.

„Wir Finnen sind sehr offen. Wir meinen, was wir sagen“, heißt es einmal in „Master Cheng in Pohjanjoki“. Auch das klingt wie ein Witz, sind doch die Finnen hinlänglich für ihre Wortsparsamkeit bekannt: „Es gibt keinen Small Talk, kein Blabla. Wenn man etwas sagt, meint man es auch so. Es kann einem immer noch passieren, dass man mit jemandem zwei Stunden in der Sauna sitzt und kein Wort wechselt.“

Dialog per Essen

Master Cheng, des Finnischen nicht mächtig, kommt die Wortkargheit recht gelegen. Zudem kommuniziert er durch seine meisterlichen chinesischen Gerichte, vor denen die gesamte Dorfbevölkerung bald am Boden liegt: „Als ich den Hauptdarsteller Chu Pak Hong gecastet habe, habe ich ihn natürlich gefragt, ob er kochen kann, und er meinte: ‚Einiges: Tee und Fertignudeln.‘ Da habe ich einen chinesischen Küchenchef gefunden, der das Essen für den Film kochte und den Schauspielern gezeigt hat, wie es geht. Bei schwierigeren Sachen hat er als Stuntman gearbeitet. Und das Catering hat er auch gleich mitgemacht. Das Team war ganz verrückt nach dem chinesischen Koch und ist in jeder Drehpause über das Essen hergefallen.“

Mika Kaurismäki liebt Lappland und besucht es mindestens zweimal im Jahr. Einmal während des Midnight Sun Film Festival, das er 1986 mit seinem Bruder Aki gegründet hat und immer noch mit ihm leitet; und zur Weihnachtszeit: „Da ist es normalerweise ganz dunkel und ruhig. 2017 sind wir wieder einmal hingekommen, als ich plötzlich bemerkte, dass es im Dorf von Leuten nur so wimmelte. Es war so dunkel, dass ich niemanden sehen konnte und dachte, es handle sich um ein Sportereignis. Und dann habe ich genauer hingeschaut und gesehen, dass es lauter Chinesen waren. Da dachte ich mir: Das wäre vielleicht etwas für einen Film.“

Seinen Bruder Aki sieht Mika selten – auf dem Filmfestival in Lappland oder in einigen der Bars, die sie gemeinsam besitzen: „Wir mögen dieselben Filmemacher und Filme. Aber wenn wir uns sehen, reden wir von etwas anderem als von Filmen.“

Eine der berühmten Bars, die die Kaurismäki-Brüder gemeinsam betrieben haben, nennt sich Corona Bar. Und genau dort hat Mika Kaurismäki seinen nächsten Film bereits abgedreht: „Drei Männer treffen sich in der Corona Bar und reden über das Leben. Es geht nicht direkt um den Coronavirus, aber um diesen Sonderzustand, den wir in Zeiten von Corona erleben.“

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